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Allein in der Fremde: Der 16-jährige Hashmatulla (r.) mit Mustafa, einem gleichaltrigen Flüchtling aus dem Krisengebiet Afghanistan.

Die Flucht in eine bessere Welt

München - Mit der Spendenaktion „Der Merkur hilft Kindern“ fördert unsere Zeitung soziale Projekte des Kinderschutz e.V. Der Verein übernimmt auch Vormundschaften für minderjährige Flüchtlinge: Flüchtlinge wie Hashmatulla aus Afghanistan. Er ist erst 16 – und allein in München, nur mit seinen Erinnerungen. 

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Mitten im Satz bricht er ab. Dann beugt sich Hashmatulla nach vorn und krempelt langsam seine Jeans hoch. Auf dem rechten Knie hat er eine Narbe, mehrere Zentimeter lang. „Die ist . . .“ Er stockt. „Die ist von diesem . . . – Unfall.“

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Der „Unfall“ von damals – als Hashmatulla noch in Afghanistan lebte „und noch eine richtige Familie“ hatte. Es war vier Uhr in der Früh, er lief mit seinem Vater eine staubige Straße entlang. Die beiden wollten in die Moschee zum Beten. Da kamen sie plötzlich von hinten: Taliban- Kämpfer. Sie stachen mit einem Messer auf Hashmatulla ein, verletzten ihn schwer. Seinen Vater verprügelten sie mit einer Kalaschnikow, brachen ihm Hände und Rippen – aber nicht den Stolz. „Es ist die letzte Warnung!“, riefen sie, dann hauten sie ab. Hashmatulla und sein Vater lagen am Boden. Sie krümmten sich vor Schmerz.

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Wenige Tage später kamen die Taliban wieder – „und danach hatte ich alles verloren“, sagt Hashmatulla. Seine Stimme klingt jetzt heiser: „Sie töteten meinen Vater, meinen älteren Bruder, eine meiner Schwestern.“ Für einen Moment füllen sich Hashmatullas dunkle Augen mit Tränen. Mit einer Hand fährt er sich schnell durch die schwarzen gewellten Haare, so als ob er etwas abstreifen wollte. Dann erzählt er weiter. Ein Dolmetscher übersetzt jeden Satz. Der 16-jährige Hashmatulla spricht noch kein Deutsch.

Sein Vater war Lehrer. Ein Lehrer, der unbedingt wollte, dass auch die Mädchen aus dem Dorf in den Unterricht kommen. Doch Frauen und Bildung – das passte nicht ins radikal-islamische Weltbild der Taliban. Hashmatullas Vater ließ sich nicht beirren. „Es ist nicht richtig, was die fordern“, sagte er immer wieder. Deshalb kamen die Taliban eines Nachts in sein Haus. Sie brachen die Tür auf, erschossen drei Menschen, zündeten alles an. Hashmatullas Mutter überlebte, sie versteckte sich in einem riesigen Ofen, der in den Küchenboden eingelassen war – in solchen Öfen backen die Menschen in Afghanistan oft ihr Brot. Auch Hashmatulla, sein jüngerer Bruder und drei weitere Schwestern wurden nicht getötet – sie waren in jener Nacht weit weg, „bei unserer Verwandtschaft“.

Viele Monate sind seither vergangen. Hashmatulla lebt längst nicht mehr in Afghanistan, er musste fliehen. Und er floh allein. „Die Taliban hätten mich gejagt und getötet“, sagt er leise; nach dem Mord an seinem älteren Bruder war Hashmatulla der älteste Sohn – eines rebellischen Vaters.

Heute lebt Hashmatulla in Deutschland. Sein neues Zuhause: die Erstaufnahme-Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge an der Baierbrunner Straße in München (siehe Kasten). Seine Flüchtlingsnummer: 47. Ankunft: März 2009.

„Ich bin allein hier“, sagt Hashmatulla. „Ich habe niemanden. Meine Familie – das, was von ihr übrig geblieben ist – hat mir alles bedeutet.“ Seine Flucht in „eine besse

re Welt“ dauerte viele Wochen. Manchmal war er nicht sicher, ob er es schafft. Ein Schleuser brachte ihn nach Pakistan, dann weiter in den Iran, später in die Türkei. Hashmatulla hatte keinen Pass und kein Visum. „Es war kompliziert“, sagt er knapp – und erzählt, wie er in der Türkei ins Schlauchboot stieg, zusammen mit 34 anderen Flüchtlingen. Wie sie in Richtung Griechenland fuhren, wie neun Menschen auf dem Weg ertranken. Wie ihn dann ein weiterer Schleuser zu einem Lkw führte, er sich in ein Versteck unter dem Lastwagen legen musste. Es ging auf eine Fähre – Hashmatulla konnte sich kaum bewegen und auch kaum atmen, er war eingesperrt in eine Art Kiste. Zwölf Stunden harrte er so aus: mit einem kleinen Glas Wasser, das er kaum in die Hand nehmen konnte, und einigen Keksen. Dann – endlich: die Ankunft in Italien.

Von dort aus brachte ihn ein dritter Schleuser nach Deutschland. Und hier griff ihn eines Tages die Polizei auf – Hashmatulla kam in die Baierbrunner Straße 14. Endstation. Zukunft? „Das braucht  noch viel Zeit“, sagt er und atmet laut aus.

Hashmatulla hat inzwischen einen Vormund, der sich um seine Angelegenheiten kümmert. „Derzeit macht Hashmatulla einen Alphabetisierungskurs, er kann ja weder lesen noch schreiben. Und wir suchen nach einem geeigneten Heimplatz für ihn“, sagt dieser Vormund – in der Erstaufnahme- Einrichtung kann Hashmatulla auf Dauer nicht bleiben.

In gewisser Weise sind die Vormünder ein „Mama-Ersatz“ für alle Kinder und Jugendlichen, die allein hier sind, weit weg von ihren Eltern. Sie wissen, worauf es am meisten ankommt: „Unsere Mündel brauchen das Gefühl von Dazugehörigkeit.“ Dieses Gefühl bekommen sie bei kleinen Ausflügen: einem spontanen Kinobesuch oder einem Abendessen im Restaurant. Und dafür brauche man nunmal mehr Geld, als derzeit zur Verfügung stehe.

„Ich vermisse meine Mutter, meine Schwestern, meinen Bruder“, sagt Hashmatulla. „Und vielleicht sehe ich sie nie wieder.“ Afghanistan, das sei Krieg und Elend – Hashmatulla führt nun seinen eigenen Kampf in der Fremde. „Ich will Arzt werden. Oder Ingenieur“, sagt er plötzlich. Dann blickt er nachdenklich aus dem Fenster. Diese verdammte Flucht: Sie muss doch für irgendwas gut gewesen sein.

BARBARA NAZAREWSKA

Die Erstaufnahme-Einrichtung

In der Erstaufnahme-Einrichtung an der Baierbrunner Straße in München sind aktuell rund 350 Asylbewerber untergebracht, davon 45 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, also Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die sich ohne Eltern nach Deutschland durchgeschlagen haben. Die meisten Flüchtlinge kommen aus Afghanistan und sind schwer traumatisiert, sagt Elisabeth Ramzews, Leiterin des Sozialdienstes für Flüchtlinge und der Erstaufnahmeeinrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge; während der Sozialdienst zum Betreuungsverband der Inneren Mission gehört, untersteht die Einrichtung selbst der Regierung von Oberbayern. Die Flüchtlinge, sagt Elisabeth Ramzews, sind dringend auf Spenden angewiesen: „Sie bekommen 40 Euro Taschengeld pro Monat. Das reicht kaum für eine MVV-Monatskarte.“

Durch Spendengelder versuchen die Mitarbeiter der Inneren Mission auch Telefonkarten zu bezahlen, „damit die Flüchtlinge die Chance haben, wenigstens hin und wieder mal nach Hause zu telefonieren“, sagt Elisabeth Ramzews. Oftmals fehle es auch an Geld für Medikamente, die zuzahlungspflichtig sind, und für Sehhilfen – das Sozialamt zahlt nur eine Brille, wenn vier Dioptrien überschritten sind.

bn

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