+
Die Zahl verhaltensauffälliger Kinder an deutschen Schulen steigt. Doch der pädagogische Zusatzaufwand wird laut Experten bei den Bildungsausgaben zu wenig berücksichtigt. Foto: Jonas Güttler/dpa

Bildungsexperten

Für verhaltensauffällige Kinder in Schulen viel mehr tun

Kinder mit und ohne Handicap in gemeinsamen Klassen - ein hehres Ziel der deutschen Bildungspolitik. Besonders kompliziert ist so ein Unterricht bei sozial und emotional entwicklungsgestörten Schülern. Tut der Staat genug für diese Jugendlichen - und auch ihre Lehrer?

Berlin (dpa) - Für eine gute Betreuung von emotional und sozial verhaltensauffälligen Schülern muss der Staat nach Expertenansicht viel mehr Geld und Personal als bisher bereitstellen.

Dies sei gerade dann wichtig, wenn man für derart problematische Schüler einen inklusiven Unterricht an Regelschulen gewährleisten wolle, der auch allen anderen Kindern gerecht wird und Lehrer nicht überfordert. "Die Lehrkräfte brauchen Unterstützung durch multiprofessionelle Teams", sagte der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Zu diesen Teams könnten Sozial- und Sonderpädagogen, Familientherapeuten und Schulgesundheitsfachkräfte gehören. Auf jeden Fall notwendig sei eine Doppelbesetzung Lehrer/Sonderpädagoge für schwer entwicklungsgestörte Schüler, forderte Beckmann. Die Zahl verhaltensauffälliger Kinder mit entsprechendem Förderbedarf ist in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen - von gut 46 000 (2005) auf über 85 000 im Schuljahr 2015/16 nach den bisher aktuellsten Zahlen der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK).

"Die Länder sollen aufhören, die Situation schönzureden", sagte Beckmann. Der Hinweis auf fehlende Finanzmittel oder einen akuten Mangel an Sozialpädagogen helfe nicht weiter - in Zeiten sprudelnder Steuerquellen müsse für den dringend notwendigen Zusatzaufwand im Bereich der schulischen Inklusion Geld vorhanden sein. "Ansonsten wird es nachgelagerte Kosten geben" - nämlich wenn sich der Staat nicht genügend um die betroffenen Schüler und Lehrer gekümmert habe.

Der bundesweit rund 140 000 Pädagogen vertretende VBE stützt sich auf eine neue Expertise des Berliner Professors für Psychoanalytische Pädagogik, Bernd Ahrbeck, zum Förderbedarf von Kindern mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen (ESE). Diese Schüler müssten "stark individualisiert und personell gebunden unterstützt werden". Derzeit werde ihre Lage aber "oft trivialisiert, etwa als verhaltensoriginell oder herausfordernd", sagte der Wissenschaftler der dpa. Eine intensivpädagogische Betreuung könne "auch an Regelschulen gelingen - wenn die dazu dringend benötigten Rahmenbedingungen bereitgestellt werden", bilanzierte Ahrbeck.

Dies sei derzeit aber nicht der Fall, meinte VBE-Chef Beckmann. So seien an den Schulen auch verbesserte, großzügigere Raumkonzepte nötig, die individuellen Unterricht und Kleingruppen-Förderung überhaupt erst möglich machen. Insgesamt habe Deutschland im internationalen Vergleich bei der Inklusion "noch viel Luft nach oben". Dafür sind nach Berechnung seines Verbandes allein in Nordrhein-Westfalen 7000 zusätzliche Sonderpädagogen erforderlich.

Die Bundesregierung hatte sich 2009 mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, Schüler mit und ohne Handicap gemeinsam zu unterrichten (Inklusion). Seitdem steigen die Quoten. 2015/16 wurden fast 195 000 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen unterrichtet (37,7 Prozent), gut 322 000 (62,3 Prozent) an Sonderschulen. In den Bundesländern gehen die Inklusionsanstrengungen indes weit auseinander. Der Umgang mit gehandicapten Kindern sei "eine Riesenherausforderung für die Schulen - über die gesamte Republik hinweg", betonte Beckmann.

Inklusions-Studie der Bertelsmann-Stiftung

Unesco zu inklusiver Bildung in Deutschland

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Strom und Gas: So finden Kunden einen günstigeren Anbieter
Die Kosten für Strom und Gas belasten die Familienkasse oft ganz schön. Deshalb kann es sich für viele Verbraucher lohnen, ihren Anbieter zu wechseln. Was sie dabei …
Strom und Gas: So finden Kunden einen günstigeren Anbieter
Haushaltstipps: Alle nützlichen Tricks für den Alltag in einem Ratgeber
Ob putzen oder waschen: Wir bieten Ihnen nützliche Tipps und Tricks, um Ihren Haushalt ganz leicht zu organisieren.
Haushaltstipps: Alle nützlichen Tricks für den Alltag in einem Ratgeber
Soll ich mein Kind gesetzlich oder privat versichern?
Wer ein Kind hat, steht früher oder später vor der Frage: Soll ich es privat oder gesetzlich krankenversichern? Die Redaktion klärt Sie über Pro und Contra auf.
Soll ich mein Kind gesetzlich oder privat versichern?
Mit diesen drei Tipps ist Ihr Besteck immer blitzsauber
Ob Edelstahl- oder Holzbesteck: Das Geschirr will immer sauber sein, wenn Gäste im Anmarsch sind. Mit diesen Tipps sind Ihre Gabeln und Messer stets vorzeigbar.
Mit diesen drei Tipps ist Ihr Besteck immer blitzsauber

Kommentare