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Nach 2005 scheint es sich kaum mehr zu rentieren, eine Lebensversicherung abzuschließen. Schließlich sind die Zinsen kaum mehr profitabel.

Geringere Zinsen

Lohnt sich die Lebensversicherung überhaupt noch?

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Die Lebensversicherung als Altervorsorge scheint ausgedient zu haben. Die Zinsen sind zu niedrig. Mit einem Widerruf bekommen Sie Ihr Geld zurück.

Für das Alter galt früher: Die Lebensversicherung ist eine verlässliche Vorsorge-Variante. Und zudem noch sehr bequem: Wer monatlich eingezahlt hat, dem wurden hohe Zinsen in Aussicht gestellt. Neben der Rente konnte man so mit einer fixen Summe rechnen.

Heute gilt das nur noch bedingt: Wer seinen Vertrag nach 2005 abgeschlossen hat, muss die Kapitalauszahlung versteuern – und auch die Festverzinsung gibt es längst nicht mehr. Lohnt sich die Lebensversicherung dann noch?

Lebensversicherung: Zinsen in den letzten Jahren drastisch gesunken

Ende der Neunzigerjahre hatte Bettina Kerler (47) ihre Lebensversicherung abgeschlossen – damals galt das Modell als zukunftssicher. Heute hat sich die Situation gewandelt. "Ich habe das Vertrauen verloren", sagt die Kieferorthopädin. "Wenn Versicherungskonzerne demnächst pleite gehen, ist mein Geld weg. Es ist ja kein Geheimnis, dass ihre Berechnungen aufgrund des dauerhaft niedrigen Zinsniveaus nicht zu halten sind."

Mathematisch kann das nicht funktionieren – so sieht es Bettina Kerler. Und hat ihre Lebensversicherung deshalb im vergangenen Jahr still gelegt. Rechtsanwalt Markus Klamert will nun die Rückabwicklung des Vertrages vor Gericht einklagen. Rund 30.000 Euro hatte Kerler bislang eingezahlt. "Ich werde noch mehr umstellen", sagt sie.

Die Lebensversicherung abzustoßen sei erst der Anfang. Ihr Geld will die zweifache Mutter lieber woanders investieren. "Ich werde mir ein stabiles Fundament einer Immobilie anschauen", sagt sie. "Das halte ich für sicherer. Die Immobilie kann ich selbst nutzen oder vermieten. In Krisenzeiten hatte das immer schon Bestand."

Wann Zinsen noch profitabel sind in der Lebensversicherung

Merten Larisch ist Altersvorsorge- und Geldanlageberater bei der Verbraucherzentrale Bayern. Er sagt: "Vor allem garantieverzinste Kapital- Lebens- oder- Rentenversicherungen aus alter Zeit haben noch eine sehr attraktive Verzinsung, wie man sie jetzt nicht mehr neu erhalten würde." Außerdem haben Verträge, die vor dem Jahr 2005 abgeschlossen wurden, noch den Vorteil, dass eine Kapitalauszahlung steuerfrei erfolgt. Voraussetzung sind fünf Jahre Beitragszahlung und mindestens zwölf Jahre Dauer des Vertrages.

Für beide Varianten gilt: Die Kündigung sollte man sich gut überlegen. Vor allem dann, wenn die Verträge kurz vor der Auszahlung stehen. Gut zu wissen: Bei Kündigung darf die Versicherung keine Abwicklungskosten verlangen. Die Abschlusskosten gehen aber teilweise verloren. Bei Verträgen, die in den vergangenen fünf Jahren abgeschlossen wurden, rät Larisch: Rechnen, ob sie sich fortzuführen lohnen.

Aussteigen kann man auch per Widerruf. Bei fondsgebundenen Rentenversicherungen liege es auch am Verbraucher, ob er diese mit gemanagten Fonds weiterführen und die Investment-Fonds relativ regelmäßig kontrollieren will. Wie hoch der Zinssatz ist, hängt von der Zeitspanne des Abschlusses ab.

Zum Beispiel garantieren Verträge, die zwischen Juli 1994 und Juni 2000 abgeschlossen wurden, eine Verzinsung von vier Prozent. "Das ist heute sehr attraktiv." Vor 1994 waren 3,5 Prozent üblich, nach dem Jahr 2000 waren es 3,25 Prozent, ab 2005 dann nur noch 2,75 Prozent. "Auch das ist noch sehr gut", sagt Larisch. Zum Vergleich: "Heute kriegt man für einen Banksparplan nur 1,5 Prozent auf lange Laufzeiten."

Ab 2005 galt (für nicht fondsgebundene Verträge) die Regel, dass nur die Hälfte der Erträge steuerpflichtig ist und die andere Hälfte steuerfrei. "Das ist immer noch ein Vorteil gegenüber anderen Geldanlagen, die nicht mehr als Versicherung laufen." Dennoch stehen die Kosten des Versicherungsvertrages gegen diese Vorteile.

Auch hier lohnt es sich zu rechnen: Wenn man den Rückkaufswert, die Garantieauszahlsumme und den monatlichen Beitrag weiß, zeigt sich, wie viel Rendite im Vertrag garantiert herauskommt. "Das lässt sich mit heute neu angebotenen Geldanlage-Produkten vergleichen", sagt Larisch. Erst, wenn der Garantiezins nach Kosten unter ein Prozent gesunken ist, lohne sich die Rendite nicht mehr. Und: Neue, garantieverzinste Verträge mit Überschuss-Beteiligung sollte niemand mehr abschließen.

Widerruf statt Kündigung bei der Lebensversicherung

Rechtsanwalt Markus Klamert von der Kanzlei KMP3G empfiehlt den Widerruf der Lebensversicherung. "Die Situation der Versicherer wird enger", sagt er. "Pleiten und Insolvenzen sind in Zukunft nicht auszuschließen." Wer das weiß, aber noch Jahre wartet, kriegt im schlimmsten Fall gar nichts mehr – oder nur extrem reduziert.

Klamert zufolge lohnt sich der Widerruf rechnerisch immer mehr, als in der Versicherung zu bleiben. "Der Bundesgerichtshof hat beschlossen, dass mindestens die eingezahlte Summe zurückgezahlt werden muss. Jeder bekommt sein Geld also wieder – nach 30 Jahren im Zweifel aber mit geringeren Zinsen." Denn die Rendite wird geschmälert durch die Kosten, die an der Versicherung hängen. "Sie liegen im Schnitt bei rund 30 Prozent." Man erhält also 30 Prozent weniger als die tatsächliche Verzinsung und auf die Einzahlung.

Wer den Vertrag widerrufe, bekomme das gesamte Geld zurück und habe eine deutlich bessere Verzinsung, die über sechs Prozent gehen kann. "Wir sind die Ersten, die eine substanziierte Berechnung vorlegen", sagt Klamert. Für bis zu 100 Mandanten pro Monat regelt er den Widerruf. Die Erfolgsquote: zwischen 80 und 90 Prozent – je nach Versicherung. "Einige zahlen direkt auf ersten Zuruf. Je enger es bei ihnen ist, desto mehr sind sie bereit zu streiten", sagt der Rechtsanwalt.

Seinen Mandanten rät Klamert, während der Widerrufsklage den Vertrag unter Vorbehalt weiterzuzahlen oder ruhend zu stellen. Im besten Falle wird ausgezahlt. Und wenn nicht, läuft der Vertrag normal weiter. "So gehen keine Ansprüche verloren. Der Versuch des Widerrufs ist risikofrei." Die Prozesskosten übernimmt meist die Rechtsschutzversicherung.

Wer seinen Vertrag dagegen kündigt, bekommt nur den angebotenen Rückkaufswert, der deutlich niedriger liegt. "Das dauert etwa zwei Wochen. Die Versicherungen freuen sich, weil sie die hohen Zinsen nicht mehr zahlen müssen", sagt Klamert. Das Problem: Die Versicherung muss nicht offen legen, wie sie den Rückkaufswert berechnet – für den Kunden ist es nicht nachprüfbar.

Bei der Widerrufsklage ist es anders herum: Die Versicherung müsste beweisen, dass beim Widerruf ein Rechenfehler vorliegt – und dafür ihr eigenes Rechnungsmodell offen legen. "Das tun sie aber nicht. Deswegen vergleichen wir uns in der Regel an diesem Punkt." Und am Ende erhält der Kunde beim Widerruf einen Großteil seines Geldes wieder.

Von Andreas Thieme

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