Das Auge isst ausnahmsweise nicht mit

München - Immer freitags schauen wir oberbayerischen Wirten über die Schulter. Im "Blinden Engel" in München spielt die Optik ausnahmsweise eine untergeordnete Rolle. Denn das Essen wird in völliger Dunkelheit serviert.

Diesmal isst das Auge nicht mit. Im Wirtshaus "Zum blinden Engel" kommt es ausschließlich auf den betörenden Geruch und den guten Geschmack der Speisen an. "Es ist eine völlig ungewohnte Art zu essen", sagt Claus Sadrawetz. Der Wirt hat den Theatersaal seines "Wirtshauses zum Isartal" in das Dunkel-Restaurant "Zum blinden Engel" umbenannt. An vier Tagen in der Woche wird dort das Essen - in der Regel ein Drei-Gang-Menü - in völliger Dunkelheit serviert.

Ausschließlich Blinde bzw. stark sehbehinderte Menschen bedienen die Gäste. Sie haben als Service-Kräfte einen neuen Arbeitsplatz gefunden. "Mir ist nicht nur der Event wichtig, sondern auch der soziale Aspekt des Dunkel-Restaurants", betont der Wirt. Wenn der "Blinde Engel" ein Erfolg wird, will Sadrawetz vergrößern und noch mehr Blinde anstellen. Bislang hat der Wirt mit dem "Blinden Engel" vier neue Jobs geschaffen.

Vor 100 Jahren war das "Wirtshaus zum Isartal" ein beliebtes Ausflugslokal an der Bahnstrecke München-Großhesselohe-Wolfratshausen. Der Biergarten lag damals noch direkt an der Isar. Ein alter Stich in den Wirtsräumen erinnert an diese Zeiten. Der Bau des Mittleren Rings hat das Wirtshaus von den Isarauen abgetrennt. Dennoch gehört er seit vielen Jahren zu den beliebtesten Münchner Biergärten.

Claus Sadrawetz hat die Wirtschaft vor 13 Jahren übernommen. Der studierte Betriebswirt aus dem Chiemgau hatte vorher eine Veranstaltungsagentur und belebte nicht nur das Wirtshaus, sondern auch die Theaterbühne mit einem reichhaltigen Programm neu. Gerade stellt er einen neuen Trend in seinem Theater fest: "Die Musikbühne erlebt ein Revival, nachdem Kabarett aufgrund der vielen Comedy-Serien im TV nicht mehr gefragt ist."

"Im Isartal soll sich jeder wohlfühlen", ist die erklärte Devise von Sadrawetz - die Kleinkinder beim Kasperltheater, der Nachwuchs in der Opernschule, die Erwachsenen bei den diversen Kulturveranstaltungen. "Wir verstehen uns als Stadtteil-Lokal", sagt der Wirt. Aus diesem Grund wird man hier auch nicht von aufgebrezelten Girlis bedient - "das passt nicht zu uns".

Mit dem Dunkel-Restaurant probiert der Gastwirt jetzt etwas Neues aus. "Das Essen bekommt eine neue Wertigkeit", sagt der Wirt. Gaumenfreuden sollen hier anhand des Duftes, des Geschmacks und nicht zuletzt mit dem Tastsinn erlebt werden. Sadrawetz empfiehlt seinen Gästen ein Überraschungs-Drei-Gang-Menü (um die 35 Euro): "Da sind dann alle Sinne gefragt - nur eben das Auge nicht." In der Regel schmeckt man 60 Prozent der Zutaten heraus, 20 Prozent bleiben ein Rätsel.

Wenn sich der Gast bei der Blindverkostung recht ungeschickt anstellt, muss ihm das nicht peinlich sein. "Wir Blinde haben das Essen auch erst lernen müssen", sagt Michael Lang. Während sich Sehende viel von ihren Mitmenschen abschauen, gibt es für Blinde oder Sehbehinderte in der Schule das Fach "Lebenspraktische Fertigkeit". Darin lernen sie unter anderem, wie man richtig isst.

So wird der Teller unterteilt wie eine Uhr mit analogem Zifferblatt. "Dann heißt es zum Beispiel, dass das Gemüse noch auf 12 Uhr liegt", erklärt Lang. Während der Umgang mit dem Messer mühsam erlernbar ist, stellt eine Suppe auf dem Speiseplan für Blinde eine schier unüberwindbare Hürde dar: "Den Löffel gerade zu halten, ist eine Krux", sagt Christian Kraft ehrlich. Er verspeist sie deshalb am liebsten mit einem Strohhalm.

Im Dunkeln ist der Sehende auf einmal behindert, auf den Blinden angewiesen. Das Service-Personal steht immer in Rufweite. "Das ist zwar personalaufwändig, weil wir für zehn Gäste eine Bedienung rechnen, aber notwendig, falls ein Sehender schnell Hilfe braucht", sagt Sadrawetz. Und für das Service-Personal, das bisher meist als Telefonist oder Bürokraft gearbeitet hat, ist es endlich eine Herausforderung. "Anfangs war ich total nervös. Jetzt freue ich mich jeden Abend auf die Gäste", sagt Jana Rindermann. Die junge Frau verspricht: "Wir sorgen dafür, dass sich unsere Gäste wohlfühlen und der Abend im blinden Engel ein unvergessliches Erlebnis wird."

Zum Blinden Engel

im Theatersaal vom "Wirtshaus zum Isartal",

Brudermühlstraße 2,

Telefon (089) 77 21 21.

www.wirtshaus-zum-isartal.de

Wann?

Immer sonntags bis mittwochs, jeweils ab 18 Uhr. Am Sonntag bereits ab 12 Uhr. Reservierung erforderlich. Drei Menüs stehen den Gästen zur Auswahl.

Hinkommen:

Am besten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. U-Bahnhaltestelle Brudermühlstraße. Von dort kurzer Fußweg.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kaffee, Müsli, Eier? Studie enthüllt deutsche Frühstücksvorlieben
Bei den allermeisten gehört ein ausgewogenes Frühstück zum guten Start in den Tag dazu. Doch was dabei auf den Tisch kommt, ist recht unterschiedlich.
Kaffee, Müsli, Eier? Studie enthüllt deutsche Frühstücksvorlieben
Sternekoch verrät, welches Küchengerät Sie unbedingt haben sollten
Thermomix? Kitchen Aid? Mixer? Praktische Küchenhelfer gibt es viele. Starkoch Gordon Ramsay verrät nun, welche Geräte er beim Kochen nicht mehr missen möchte.
Sternekoch verrät, welches Küchengerät Sie unbedingt haben sollten
Fix und fein: Foodbloggerin verrät Plätzchen-Rezepte für Back-Muffel
Plätzchen essen die meisten gern - sie backen ist allerdings nicht jedermanns Sache. Unsere Foodbloggerin Bianca verrät fünf Plätzchenrezepte, die schnell gehen und fein …
Fix und fein: Foodbloggerin verrät Plätzchen-Rezepte für Back-Muffel
Skandal bei Tripadvisor: Fake-Restaurant schafft es auf Platz eins
Ein Brite mogelt ein frei erfundenes Lokal in London bis an die Spitze der Restaurant-Charts bei Tripadvisor. Wie er das geschafft hat, lesen Sie hier.
Skandal bei Tripadvisor: Fake-Restaurant schafft es auf Platz eins

Kommentare