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Beim gemeinsamen Kochen werden Erinnerungen an früher wach: Im AWO-Altenheim in Waldkraiburg kochen die Bewohner dienstags zusammen.

Mein Küchengeheimnis

Jeder kocht sein eigenes Süppchen

Die Bewohner des AWO-Altenheims in Waldkraiburg kochen ihr eigenes Süppchen: Brotsuppe steht auf dem Speiseplan. Ein Reste-Essen aus Großmutters Zeiten, zu dem jeder seine eigene Geschichte von früher zu erzählen weiß.

Brot wirft man nicht weg. Früher nicht und heute auch nicht. Gerichte mit altbackenem Brot kennt man deshalb überall. Nicht nur in Deutschland, in ganz Europa weiß man aus altbackenem Brot ein köstliches Mahl zu zaubern: Gewürzt wird mit dem, was die Speisekammer hergibt. Mandeln, Chili oder Paprika kommen in Spanien in den Topf, mit Tomaten und Basilikum peppt man in Italien den Brotsalat auf. In Bayern arbeitet man gern auch mal mit Majoran oder Kümmel. Fast immer dabei sind Zwiebeln oder Knoblauch als natürliche Geschmacksverstärker für das eher neutrale Brot.

Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich die Bewohner des AWO-Altenheims in Waldkraiburg immer wieder gerne für die Brotsuppe entscheiden. „Allein der Duft von gebratenem Knoblauch regt den Hunger an“, weiß Sozialdienstleitung Marion Schimm.

Am liebsten Brotsuppe. „Zu diesem Gericht kann jeder eine Geschichte erzählen“, sagt Betreuerin Sabina Przybalka (Mitte). Sie hilft beim Schnippeln und Kochen.

Alle zwei Wochen steht dienstags der Koch-Treff auf dem Beschäftigungsplan. Wichtig ist, dass jeder beim gemeinsamen Kochen mithelfen kann, die Gerichte dürfen nicht allzu lange dauern. Wer nicht mehr so gut zu Fuß unterwegs ist, sitzt am Tisch und schnippelt die Zutaten. Wer fitter ist, stellt sich an den Herd. „Dabei wird gerne von früher erzählt“, sagt Marion Schimm. Eva Schwaiger, eine der Bewohnerinnen, sagt: „So eine Brotsuppe, wie wir sie heute kochen, gab es freilich früher nicht. Mit so viel Butter und Speck ist sie ja eher eine Festtagssuppe.“ Und lachend fügt sie hinzu: „Auf die Figur darf man bei diesem Essen nicht achten.“

Viele Bewohner des AWO-Heims stammen aus der Umgebung. Die Eltern waren einst arme „Sacklbauern“, die Küche denkbar einfach – „wir hatten ja nichts“, erzählen sie unisono von den 1930er Jahren. Nur Leni Meindl, die alle nur die „Metzger-Leni“ nennen, sagt: „Ich habe viel mit Fleisch gekocht, weil ich so viele Jahre beim Dorfmetzger gearbeitet habe.“ Brotsuppe stand bei ihr kaum auf dem Speiseplan.

Theresa Oyntzen, Jahrgang 1927, drei Kinder, hat immer gekocht, „was das Portemonnaie hergab“. Bei ihr zu Hause gab’s das heikle „Das schmeckt mir nicht!“ nicht. Freitags war Fasttag, sonntags tischte die Hausfrau auch mal Fleisch auf. Theresa Oyntzen sagt: „Wir haben geschätzt, dass wir überhaupt etwas hatten und nicht hungern brauchten.“

Nach dem Kochen wird zusammen gegessen. Jeder nimmt sich, was er am liebsten mag.

Während die Seniorinnen – sogar zwei Männer haben sich diesmal zur Kochrunde eingefunden – das Brot in kleine Würfel schneiden und die Zwiebel schälen, schabt Betreuungsassistentin Sabina Przybalka den Knoblauch. Das hat sie so von ihrer Mutter, die aus Polen stammt, gelernt. „In Deutschland kommt man ohne Knoblauchpresse nicht aus. In Polen dagegen hat niemand so etwas“, erzählt die Betreuerin, die seit ihrem dritten Lebensjahr in Waldkraiburg lebt. Andere Länder, andere Sitten eben. Anna Hohlbaum, stolze 86 Jahre alt, genießt es, an den Kochnachmittagen in der Küche zu stehen: „Ich habe regelmäßig für meine Neffen gekocht.“ Am liebsten Rouladen mit Blaukraut und Knödel. „Da ist nie etwas übrig geblieben“, sagt sie stolz.

So wie heute auch. Die gedünsteten Zwiebeln, das geschmälzte Brot und der Schnittlauch stehen in Schüsseln auf dem großen Tisch. Aus der Küche kommt das heiße Wasser. Wenn man zum Aufgießen nur Wasser verwendet, ist es die klassische Wasserschnalzen der armen Leute. Selbstverständlich kann man auch Brühe verwenden – dann wird’s schon edler. In Waldkraiburg wird mit Suppenbrühe gearbeitet. Und von Arme-Leute-Essen kann angesichts von Speck, Butter und Schmand auch nicht mehr die Rede sein. „Kein Vergleich mit der Brotsuppe von früher.“

Der Kochtreff hat wieder allen Spaß gemacht und als es um die Frage geht, was das nächste Mal auf den Tisch kommen soll, sind sich alle einig: Brotsuppe geht immer. Da kann jeder nach Lust und Laune sein eigenes Süppchen kochen.

Mein Küchengeheimnis

Haben auch Sie ein Rezept, das typisch für Ihre Familie ist? Eine Spezialität aus der guten, alten Zeit? Dann melden Sie sich bei uns. Sie erreichen uns unter der Rufnummer (089) 5306-419. Oder schicken sie uns eine Mail an Gastro@merkur.de. Wir freuen uns auf eine Küchenplauderei mit Ihnen.

von Stephanie Ebner

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