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Gemeinsam essen und kochen verbindet: Angelika Feigenbutz (4.v.r.) hat das Kochprojekt „Ein Teller Heimat“ ins Leben gerufen. Dabei dürfen Flüchtlinge Gerichte von zuhause kochen, unterstützt von Münchnern, die in der Nachbarschaft wohnen.

Mein Küchengeheimnis

Küche der Sehnsucht

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Flüchtlinge aus Eritrea kochen Gerichte aus ihrer Heimat. Ein kulinarische Reise in ein Land, in dem das Fladenbrot Injera nicht nur Grundnahrungsmittel, sondern auch Besteck ist.

Essen verbindet, nirgendwo sonst kommen sich die Menschen näher. Heimatküche schmeckt jedem – nur jeder versteht darunter etwas anderes. Saron Kibrom steht in der Küche der evangelischen Kirchengemeinde in Giesing und hält ein kleines Glas „Berbere“ in der Hand. „Das reicht nie“, sagt er auf englisch. Und fügt hinzu: „Wir brauchen mindestens ein Kilogramm.“ Berbere ist ein spezielles Paprika-Gewürz aus Eritrea, das zu fast jedem Gericht verwendet wird. Hierzulande ist Berbere kaum bekannt. Wie so vieles über Eritrea.

Diesmal gab es Speisen aus Eritrea.

In keinem Land Afrikas fliehen so viele Menschen wie aus Eritrea. 360 000 Eritreer befanden sich vergangenen Jahr außer Landes – bei einer Bevölkerung von gerade einmal fünf Millionen. Nur aus Syrien und Afghanistan kamen mehr Menschen nach Europa. Sie fliehen vor Assad, dem „Islamischen Staat“ und den Taliban. Ein Teil dieser Flüchtlinge lebt in Obergiesing, in den Unterkünften an der McGraw Kaserne und auf dem ehemaligen Osram-Gelände. Manche von ihnen haben eine jahrelange Flucht hinter sich. Die Boots-Geschichten, die wir hierzulande kennen, sind oft nur das Ende einer jahrelangen Flucht – teils zu Fuß durch die Wüste Saharas, viele sind traumatisiert, weil sie unterwegs der Folter ausgesetzt waren. Frauen schaffen die Strapazen oft nicht.

Deshalb sind an diesem Abend in Obergiesing überwiegend Männer zum Kochen gekommen. So wie Daniel Aregay (19): Drei Jahre war er auf der Flucht, oft stand er Todesängste aus. Er erreichte Italien mit dem Boot, „bei der Überfahrt haben wir viel gebetet, weil wir wussten, dass viele dabei sterben“, sagt er in gebrochenem Deutsch.

Heute ist der 19-Jährige fürs Gemüseschneiden eingeteilt. „Ein Teller Heimat“ heißt das interkulturelle Kochprojekt, bei dem sich Flüchtlinge und Münchner näher kommen. Essen verbindet. Auch an diesem Abend. Angelika Feigenbutz hat das Projekt vor einem Jahr ins Leben gerufen. Jeden Monat ist eine andere Nationalität zum Kochen eingeladen.

Gemeinsam Kochen: Flüchtlinge und Helfer bereiten zusammen das Essen zu.

„Ich fand es schrecklich, dass sich die Flüchtlinge nicht selbst versorgen können“, erzählt die Animations-Designerin im Ruhestand. „Ich musste einfach etwas tun“, sagt die engagierte Frau. Sie baute in Giesing einen Helferkreis auf. Seitdem lädt „Ein Teller Heimat“ einmal im Monat zum Kochen ein. Injera, ein luftiges, schwammartiges Fladenbrot, hergestellt aus Sauerteig und Teffmehl, gehört zu den Grundnahrungsmitteln. Während es in Eritrea über dem offenen Feuer gebacken wird, mühen sich hier zwei Köche mit einer Pfanne ab. Zunächst wollen die Injeras nicht so recht gelingen. Doch dann funktioniert das Gericht. Naomi, die schon über zehn Jahre in Deutschland lebt, hat den Trick raus. Sie sagt: „Die Pfanne muss sehr heiß und beschichtet sein.“

Gegessen wird in Eritrea meist an einem niedrigen Tisch mit den Fingern der rechten Hand. Auf den Tisch kommt eine große Platte auf der mehrere Injeras gestapelt sind – der Name Injera bedeutet übrigens „von der Hand in den Mund“. In der Mitte dieses Stapels wird der dickflüssige Eintopf getürmt. „Zum Essen bricht sich jeder Gast ein Stück Fladenbrot ab und nimmt damit den Eintopf auf“, erklären die Flüchtlinge den Deutschen. Und fügen hinzu: In ihrer Heimat gelte es als unschicklich, mit den Fingern die Lippen zu berühren oder sich die Finger abzulecken. Ganz tabu ist das Essen mit der linken Hand, da diese als unrein gilt.

Angelika Feigenbutz sagt am Ende des Abends: „Jeder Teller ist anders. Jedes Mal lernt man etwas Neues kennen.“ Daniel Aregay freut sich: „Es riecht fast wie zuhause.“ Seine Augen strahlen dabei. Essen kann die Sehnsucht nach Hause, nach Familie und Freunde stillen. Zumindest für ein paar Stunden an diesem Abend.

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