Naschen wie die Götter

München - Immer freitags schauen wir oberbayerischen Gastronomen über die Schulter. Heute verzaubern uns Münchner Chocolatiers mit Schokoladen-Kunst.

Die "Schokoladenseite" ist unsere beste. Unseren Liebsten nennen wir "Süßer" und wenn wir etwas besonders bezaubernd finden, sagen wir "süß". Wir lieben das Süße. Deutschland gehört zu den Ländern mit dem größten Pro-Kopf-Verbrauch an Schokolade weltweit. Nur die Schweizer verzehren mit knapp zwölf Kilogramm pro Jahr noch etwas mehr. Da verwundert es nicht, dass sich immer mehr Läden auf Edelschokoladen und feine Pralinen spezialisiert haben.

Als Stewardess flog Kerstin Weise durch die Welt. Abends im Hotel angekommen, fand sie oft ein "Betthuperl" in Form von Schokolade vor - "so lernte ich die beste Schokolade der Welt kennen". Die Liebe zum schwarzen Gold wuchs und als sie den Beruf der Stewardess an den Nagel hängte, war schnell klar: "Ich will einen eigenen Laden mit den besten Schokoladen der Welt."

Nach zwei Jahren Recherche hat sich die gebürtige Dresdnerin im Herbst mit ihrem "Chokoin" in Schwabing niedergelassen. Chokoin ist ein Fantasiewort - "eine Anspielung darauf, dass Schokolade auch ein bisschen süchtig machen kann", sagt Kerstin Weise.

Das "Chokoin" ist aber mehr als nur ein Schokoladen-Laden. Es ist eine Art Galerie, und das liegt nicht nur an den sinnlichen Schwarz-Weiß-Fotografien, die allesamt Menschen zeigen, die genussvoll Schokolade vernaschen.

In Kerstin Weises Laden spielt das Design eine große Rolle. "Mich muss auch die Verpackung ansprechen", sagt sie. Eine Denkweise, die hierzulande lange vernachlässigt wurde. In den Regalen liegen so Tafeln mit bunten Pin-up-Girls aus den USA neben handgeschöpfter Schoki aus der Schweiz. Dazwischen viele Themenschokoladen - wie beispielsweise eine Zigarre in Schokoladenform. Für Karin Weise "d i e Antwort auf das Rauchverbot".

Schokolade ist ein Genussmittel für die ganze Familie - vom wieder verschließbaren Fondue-Glas bis zu Schokostäbchen, die man in Gewürzmischungen taucht, um jedes Mal ein neues Geschmackserlebnis zu haben. "Das ist dann ein bisschen so wie beim Japaner, wo es auch auf die vielen Sößchen ankommt", erklärt die Schoko-Galeristin.

Karin Weise arbeitet in ihrem Geschäft nicht nur mit optischen Reizen, sie will alle Sinne ansprechen. Sie sagt: "Wer bei mir ein Glas Trinkschokolade genießt, soll sich wie Gott in Frankreich fühlen", auf einem bourbonroten Sofa im Louis-XV-Stil Platz nehmen und durch die großen Schaufenster das bunte Treiben in der Nordendstraße beobachten.

Alles andere als trendig sind dagegen Elly-Seidl-Pralinen. Sie haben in München eine jahrzehntelange Tradition. Gerade jetzt vor Weihnachten bilden sich oft lange Schlangen vor den vier Geschäften in München.

Seit den 1920er Jahren produziert das Familienunternehmen - für viele die besten Pralinen in der Stadt. "Besonders beliebt sind die Sternpralinen zur Weihnachtszeit", sagt Heidi Oswald, die die Filiale in der Maffeistraße leitet. 21 Sorten stellt das Unternehmen her, zurzeit sind gerade noch sechs Sorten vorrätig. "Wer noch welche will, muss sich beeilen, bis Weihnachten sind sie sicher nicht mehr vorrätig", sagt Heidi Oswald.

Was sonst bei Elly Seidl noch besonders ist? "Wir sind irgendwie alle eine Familie", strahlt Heidi Oswald. Nicht nur die Firma selbst, das Motto des Unternehmens gilt auch für die Kunden. "Viele kommen schon seit Jahren, um Pralinen zu kaufen und um ihr Herz auszuschütten. Das gehört bei uns mit dazu." 

Ziffern spielen bei "Mäser-Luksch" eine große Rolle. Das Konditorenpaar hat sich vor knapp vier Jahren mit seinem Schokoladen-Geschäft in der Theatinerstraße niedergelassen und macht mit höchster Qualität und ausgefallenen Ideen auf sich aufmerksam.

Ganz neu im Programm haben Ralf Mäser und seine Frau seine Nummern-Pralinen. Wen die Sehnsucht nach Sommer plagt, der greift zur Nummer "8", ein provenzalischer Lavendeltrüffel, Hunger nach Fernweh stillen die Nummern "2" (mit australischen Rumrosinen) und "7" (Safrantrüffel). Sehr beliebt sei, seinem Schwarm eine Pralinenschachtel mit seiner Telefonnummer zuzustecken.

"Wer kann dazu schon nein sagen?", sagt Mäser mit einem breiten Grinsen.

Einst ein Genuss für die Reichen

Weil Schokolade als berauschendes Lebensmittel eingestuft wurde, verboten die Azteken ihren Kindern und Frauen den Genuss von Kakao.

Rauschmittel, Geld, Medizin - die Verwendung der Kakaobohnen ist vielfältig. Vom Volksstamm der Olmeken erstmals 1500 vor Christus als Getränk genutzt, dauerte es noch gut 3000 Jahre, bis die Europäer erstmals mit der Kakaobohne in Berührung kamen: Der spanische Eroberer Hernán Cortés brachte das schwarze Gold 1528 nach Europa.

Ungesüßte Schokolade schmeckte den Europäern nicht, sie mischten Honig und Rohrzucker darunter. Statt Wasser verwendeten sie Milch.

Da Schokolade sehr teuer war, konnten sich nur Adelige das Getränk leisten. Erst im 18. Jahrhundert wurden größere Mengen Kakaos gehandelt. Noch bis ins 19. Jahrhundert galt Schokolade als "Kräftigungsmittel" und wurde ausschließlich in Apotheken verkauft.

11,1 Kilogramm Schokolade vernaschten die Deutschen 2005 pro Kopf. Tendenz steigend. Schokolade ist in, das Geschäft boomt. In München wächst die Zahl der Chocolatiers ständig. Eine (unvollständige) Auswahl:

Elly Seidl: Maffeistraße 1, Mo-Fr 9 bis 18.30 Uhr; Sa 9.30 bis 18 Uhr. Götterspeise Chocolaterie & Café: Jahnstraße 30, Mo-Fr 8 bis 19 Uhr; Sa 9 bis 18 Uhr. Franz - Kontor für Schokolade: Brunnstraße 5, Mo-Fr 10 bis 18.30 Uhr; Sa 10 bis 14.30 Uhr. Chocolate & More: Westenriederstraße 15, Mo-Fr 10 bis 18 Uhr; Sa 9.30 bis 16 Uhr. Becks Cocoa: Kazmairstraße 24, Mo-Sa 8 bis 20 Uhr; So 10 bis 18 Uhr. Chokoin: Nordendstraße 52, Mo-Fr 10 bis 19.30 Uhr; Sa 10 bis 14 Uhr (im Dezember bis 18 Uhr). Mäser-Luksch: Theatinerstraße 32, Mo-Sa 10 bis 19 Uhr, So 13 bis 18 Uhr. 

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