+
Wollen mit ihrem „Crew Pale Ale“ die Münchner Bierszene aufmischen: Mario Hanel (l.) und Timm Schnigula

Sie brauen ein neues Bier für München

  • schließen

München - Was machen zwei junge Unternehmensberater, die ihren Job satt haben? Sie kündigen – und machen sich mit einer gewagten Geschäftsidee selbständig: Sie brauen ihr eigenes Bier. In München! Die Sache könnte Erfolg haben.

München braucht ein neues Bier. Immer nur Helles, Pils, Weißbier – wie fad. Höchste Zeit für etwas Aufregenderes, fanden Timm Schnigula und Mario Hanel, zwei junge Unternehmensberater, die ihren Job satt hatten. Und so hängten sie den feinen Zwirn an den Nagel, brachten sich das Brauen bei und kreierten, nach dem Reinheitsgebot, das „Crew Pale Ale“. In szenigen 0,33-Liter-Fläschchen mischt es zurzeit den Markt auf.

Es klingt absurd: Ein Bonner (Schnigula) und ein Tiroler (Hanel) wollen in München mit einem neuen Bier Geld verdienen. Wie war das mit Athen und den Eulen? Keine deutsche Bank gab ihnen dafür Kredit – der Markt ist abgedeckt, der Bierabsatz rückläufig. Erst eine österreichische Bank vertraute ihnen. Nun sitzen sie in der Wohngemeinschaft an der Fraunhoferstraße, wo alles begann, und sprühen so vor Begeisterung und ökonomischem Knowhow, dass das alles höchst vielversprechend wirkt.

Die besten Bier-Weltrekorde

Die besten Bier-Weltrekorde

Dabei stand am Anfang die Verzweiflung. Schnigula (31) und Lanel (29) lernten sich nach dem BWL-Studium in einer Münchner Unternehmensberatung kennen. Nach drei Jahren merkten sie: Wir müssen raus. „Der Job war zu demanding“, sagt Lanel in schönstem Wirtschaftsjargon („demanding“ heißt fordernd). Jede Woche zu Terminen fliegen, monatelange Auslandsaufenthalte, täglich zwölf Stunden am Laptop, „da bleibt keine Zeit für Privatleben“. Sie kündigten.

Dann ging alles schnell. Im Februar 2011 kam ihnen die Idee, ein Ale zu brauen, wie sie es aus den USA und Australien kannten. Dort, im Schatten von Heineken und Budweiser, boomen „micro breweries“: Kleinbrauereien, in denen kreative Handwerker gescheite Biere herstellen. Und die Zutaten für diese köstlichen Ales und Stouts, merkten die Jungs, lassen sich einfach importieren.

Im Juni gründeten sie die Crew Ale Werkstatt. Sie absolvierten Braukurse, lasen sich Wissen an, setzten im 50-Liter-Kessel in der WG Sude an und tüftelten, bis sie das Rezept hatten: „Crew“ ist ihre Marke, ein „pale ale“ ein obergäriges Bier. „Es wird nach Art des Hopfenstopfens gebraut, das macht es so aromatisch“, so Schnigula – mit fünf Hopfensorten aus drei Ländern: Herkules, Nelson Sauvin, Chinook, Citra und Cascade.

Das Lieblingsbier der Deutschen

Die Bier-Hitliste: Diese Marken sind am beliebtesten

Im November war es fertig. Gebraut, abgefüllt, designt. Denn sich vernetzen können die Ex-Unternehmensberater auch: Ein eifriger Braumeister in der Hohenthanner Schlossbrauerei stellt ihnen 50-Hektoliter-Chargen her. Eine befreundete Agentur entwarf Etiketten und Bierdeckel. Nun klappern sie Läden und Lokale ab: „Wir haben da ein neues Bier, das würde in Ihr Sortiment passen...“ Zwei Dutzend Kneipen und Kioske verkaufen es nun, etwa das Baader Café und der Kiosk Reichenbachbrücke. Nach dem Glockenbachviertel erobern sie jetzt Neuhausen und das Westend (www.crewale.de).

Sie sind erfolgreich, diese Firmengründer in Jeans und Pulli. Auf dem Regal stehen Bierflaschen aus aller Welt, darunter Lehrbücher: „Makroökonomik“, „Strategisches Management“. Die Mini-Anlage, in der sie bereits ein zweites Bier kreiert haben, steht zerlegt im Flur, sie muss woandershin. Denn die Wohnung über der Fraunhofer-Gaststätte gehört der Spaten-Brauerei. Und der gefällt nicht, dass da fremdes Bier gebraut wird.

Dabei orientieren sich die beiden nicht an den Großen. „Uns geht es nicht um Marktanteile“, so Hanel. „Wir wollen handwerklich arbeiten.“ Das kostet: etwa 3,30 für die Flasche in der Kneipe, 24,90 Euro für den 20-Flaschen-Karton im Handel. Wie viel sie verkaufen müssen, um davon leben zu können? „Fünftausend Hektoliter jährlich.“ 1,5 Millionen Flaschen. Doch das schreckt sie nicht. Denn sie überlassen wenig dem Zufall.

„Aus der Unternehmensberatung sind wir gewohnt, uns gut zu informieren“, sagt Hanel. Die kleine, vergleichbare Giesinger Bräu? „Kennen wir. Aber die stellen kein Ale her.“ Eine Zielgruppe überlegt? „Klar. Aber das ist Quatsch. Es ist wie bei Bionade, die trinken plötzlich auch alle.“ Nur eins müssen sie lernen: Geduld. „Bei den Brauern ticken die Uhren ganz anders.“

Während sie auf die zweite Charge warten, basteln sie an ihrem Traum: einem „Brew Pub“, einer Braukneipe. Backsteingebäude, warmes Licht, Edelstahlkessel. Ein Tresen, wo neue Biere gezapft und verkostet werden. „Wir haben sowas erlebt“, schwärmt Schnigula. Sie suchen bereits nach einer Immobilie – und „einem verrückten Kopf, der in sowas investieren will“. Der daran glaubt, dass auch eine eingeschworene Biergemeinde wie München neugierig ist. Das Motto auf crewale.de: „Nichts bedarf so sehr der Reform wie die Gewohnheit der Menschen“, so Mark Twain.

Doch was, wenn alles scheitert? „Einen Plan B haben wir nicht“, sagt Schnigula. „Vielleicht müssen wir wieder einen Job annehmen. Aber wir werden uns nicht ärgern. Dann haben wir zumindest ein total geiles Jahr hinter uns.“ Das klingt nicht nach Unternehmensberater. Aber nach voller Leidenschaft.

Von Christine Ulrich

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Diese neue Facebook-Funktion wird bald an Ihrer Tür klingeln
Facebook will immer stärker Teil des Alltags werden und stößt nun in einen Bereich vor, der hart umkämpft ist, aber das Leben der Nutzer wirklich erleichtern könnte.
Diese neue Facebook-Funktion wird bald an Ihrer Tür klingeln
Preisanstieg bei Apfelsaft erwartet
Die Zeit des billigen Apfelsaftes neigt sich dem Ende. Die niedrige Apfelernte 2017 wird nach Experteneinschätzung noch vor Jahresende zu spürbaren Preissteigerungen an …
Preisanstieg bei Apfelsaft erwartet
Star-Koch Attila Hildmann rastet aus und droht Journalisten
Attila Hildmann gilt nicht gerade als Paradebeispiel des friedliebenden Veganers, aber was sich der Koch jetzt erlaubt hat, ist schwer zu schlucken.
Star-Koch Attila Hildmann rastet aus und droht Journalisten
Foodbloggerin verrät: Hier werden Sie in München für weniger als 10 Euro richtig satt
Wer kennt es nicht: Unterwegs knurrt plötzlich der Magen. In der Hosentasche ist aber nur ein 10-Euro-Schein. Jetzt heißt es: „Günstig richtig satt werden“. Wo das …
Foodbloggerin verrät: Hier werden Sie in München für weniger als 10 Euro richtig satt

Kommentare