Stefan Engl: Wirt mit geistlichem Beistand

Breitbrunn - Immer freitags schauen wir oberbayerischen Wirten über die Schulter. Heute serviert Stefan Engl in seinem "Platzhirschen" am Ammersee eine ausgefallene Fisch-Kreation.

Es war an einem Sonntag im August vergangenen Jahres, als der Breitbrunner Pfarrer von der Kanzel aus die Dorfbewohner zum fleißigen Wirtshausbesuch aufforderte: "Leute, Breitbrunn hat wieder einen Wirt. Lasst ihn nicht verhungern", waren seine Worte. Es versteht sich von selbst, dass der Geistliche anschließend zur Segnung des Lokals kam und seitdem regelmäßig im Gastraum des "Platzhirschen" - Breitbrunns einziger Wirtschaft - zu sehen ist.

"Wir sind eine Dorfwirtschaft", sagt Wirt Stefan Engl (47) in gepflegtem Bairisch. Doch hier herrscht keine bierdimpfelige Atmosphäre, wie die Bezeichnung vielleicht vermuten lassen würde. Das merkt der Besucher schon an der Eingangstür: Ein sonnengelb gestrichener Gang führt in den hellen Gastraum, in dem eine klare Linienführung vorherrscht: schnörkellose Holztische, sparsame Deko.

Das ist die Handschrift von Ehefrau Cordula (31), einer Grafikerin. Nur ein alter Kachelofen erinnert noch an frühere Zeiten.

Der "Platzhirsch" mitten in dem 1600-Seelen-Dorf Breitbrunn am Ammersee versteht sich als "Treffpunkt für alle", wie sich Engl ausdrückt. Hier kehren Mütter mit ihren Kleinkindern zum Kaffeeklatsch nach dem Spazierengehen ebenso ein wie szenige Singles zum Sonntagsfrühstück. Dazwischen Segler, die einfach nur ein Bier im Wirtsgarten unter den Kastanien trinken wollen.

Durch Zufall hat der Münchner Stefan Engl das leerstehende Lokal an der Hauptstraße entdeckt und sich hier seinen Traum verwirklicht: ein modernes Lokal, "in dem eine bayerische, aber zeitgemäße Küche serviert wird". Der Gast kann jeden Tag zwischen einem Fleischgericht unter zehn Euro, einem bodenständigen Klassiker wie einem Wiener Schnitzel oder etwas Ausgefallenem wie einer Mangoldroulade mit Räucherfischmousse (11,60 Euro) oder eben Wolfsbarsch in Blutorangensauce wählen. Dazu trinkt man bayerisches Bier oder bezahlbare Weine, der Schoppen ab drei Euro.

Den bayerischen Klassiker schlechthin, einen Schweinsbraten mit zweierlei Knödeln und Speck-Krautsalat (8,50 Euro) gibt es nur sonn- und feiertags. Aus gutem Grund: "Der Schweinsbraten muss ganz frisch aus dem Ofen kommen, und das kann ich nur am Wochenende garantieren", sagt Stefan Engl. Das Besondere im "Platzhirschen" sind aber die Reindl-Gerichte. Da wird gespachtelt wie bei Großmutter: Alle bedienen sich aus dem Reindl, das in die Tischmitte gestellt wird. "Zurzeit servieren wir eine ganze Wildschweinkeule auf Honigkraut mit Kartoffel-Birnen-Gratin und Preiselbeersauce. Das Ganze kostet 79 Euro und muss vorbestellt werden. Weil der Wirt eine Vorliebe für Wortspiele hat, heißt das Gericht vielsinnig "Heiß und versaut".

Auch mit dem Namen des Lokals - "Platzhirsch" - spielt Engl: Wir nehmen uns damit selber auf den Arm", sagt er grinsend. Denn seine Wirtschaft ist eh die einzige Gaststätte in ganz Breitbrunn und muss sich nicht gegen eine Konkurrenz behaupten.

Der Name hat vor der Eröffnung für Aufruhr im Dorf gesorgt. Denn dass ein Wirtshaus einen Tiernamen trägt, ist in Bayern unüblich. Tiernamen kommen im Baden-württembergischen vor. Doch Engl hat so manch aufgebrachten Dorfbewohner "mit ein bisserl Schmäh" überzeugt, indem er sagte, dass ein Platzhirsch im Zuge der Globalisierung auch am Ammersee seine Berechtigung habe. Seit kurzem thront jetzt auch noch ein Hirschgeweih an der Stirnseite des Lokals. Lange hat Stefan Engl danach gesucht. Es stammt von einem Jäger aus der Umgebung und ist jetzt Engls ganzer Stolz.

Platzhirsch ­- Restauration am See

Hauptstraße 6

82211 Breitbrunn.

www.platzhirsch-am-see.de

Telefon (0 81 52) 9 93 80 91

Öffnungszeiten: Täglich geöffnet von 10 bis 1 Uhr; Reservierung am Wochenende empfehlenswert.

Hinkommen: von München aus über die Lindauer Autobahn, Ausfahrt Inning nehmen. Von dort ist Herrsching/ Breitbrunn ausgeschildert

Besonderes: "Heiß und versaut auf Honigkraut" ­ eine Wildschweinkeule im Reindl für circa fünf Personen mit Beilagen für 79 Euro. Vorbestelung ist nötig.

In der Dorfmitte: der Platzhirsch

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