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Darf es eine vegane Curry-Wurst sein? Das Foto entstand auf der Bio-Messe in Nürnberg. Die Fleischlos-Branche boomt gerade.   

Trend zum Fleischersatz

Erfolgsformel: Currywurst ohne Wurst

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München – Fleischlose Würstl und Schnitzel sind gerade ein Megatrend. Die Stiftung Warentest hat vegane und vegetarische Fleischersatzprodukte untersucht. Die Ergebnisse? Teilweise erschreckend.

Das Unternehmen Heirler stellt vegane Salami her, vegane Bierwurst und sogar vegane Mortadella. Es gibt Westernsteaks, Pfannengyros, und sogar einen ganzen Grillteller. Alles vegan, alles ethisch und moralisch lupenrein. Kein Tier muss dafür sterben, kein Metzger muss Hand anlegen.

Und der Geschmack? Angeblich wunderbar. Ganz genau wie Fleisch, das verspricht zumindest der Hersteller. „Alles, was Fleisch und Wurstspezialitäten auszeichnet“, so heißt der Slogan der Firma Heirler, dessen Produkte man zum Beispiel im Reformhaus oder im Bio-Supermarkt Basic kaufen kann. Willkommen in der schönen neuen Welt der lupenreinen Esser.

Immer mehr Wurst- und Fleischwarenproduzenten entdecken diese Nische gerade für sich. Fleischlose Würstl, Steaks und Schnitzel sind der Mega-Trend dieser Tage. Das ist kein Scherz, das ist Realität: Fleischersatzprodukte boomen. Der Jahresumsatz stieg 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 31,5 Prozent auf mehr als 310 Millionen Euro. Einer der Vorreiter der Branche ist dabei der Wurst-Markenartikler Rügenwalder Mühle, der inzwischen nach eigenen Angaben fast 20 Prozent seines Umsatzes mit fleischlosen Produkten macht. Für das niedersächsische Unternehmen steht schon lange fest, dass der Trend zur vegetarischen Ernährung mehr ist als ein kurzlebiger Hype. Die Firma, die zum Beispiel „vegetarische Schinken Spicker“ und veganes „Mühlen Hack“ verkauft, sagt über seine Produktlinie: „Kaum zu glauben, dass da kein Fleisch drin ist.“

Das ist es wohl, was viele Kunden wollen: Sie wollen echtes Fleisch schmecken, aber es nicht essen. Der Rügenwalder Mühle gelingt diese Geschmacksnachahmung anscheinend besonders gut. Stiftung Warentest hat gerade 20 fleischlose Frikadellen, Bratwürste und Schnitzel getestet. Das Ergebnis: Das vegetarische Schnitzel der Rügenwalder Mühle hat in Sachen Geschmack eine glatte 1,0 bekommen. „Es ähnelt einem Geflügelschnitzel zum Verwechseln“, sagt Werner Hinzpeter, der stellvertretende Chefredakteur der Test-Zeitschrift. „Würzig nach Paprika, leichte Weißbrotnote. Bissfest, leicht saftig“, so lautet das Urteil der Profi-Testesser.

Gesundheitsgefährdende Mineralöle

Ein voller Erfolg also für das Unternehmen? Nein, ganz im Gegenteil. „Vom vegetarischen Schnitzel der Rügenwalder Mühle raten wir ab“, sagt Werner Hinzpeter. Der Grund: Die Tester haben extrem viele Mineralölbestandteile in dem Produkt gefunden – nämlich 400 Milligramm pro Kilogramm. „Das Schnitzel erreicht den zweithöchsten Gehalt, den wir bisher für Lebensmittel ermittelt haben“, sagt Dr. Holger Brackemann, der die Untersuchungen leitete. Schlechter schnitt lediglich der Pfeffer des Fernsehkochs Johann Lafer ab, der kürzlich auf 5261 Milligramm pro Kilo kam.

Mineralöle gelten als gesundheitsgefährdend, weil sie sich in Leber, Milz und Lymphknoten anreichern. Das kann die Organe schädigen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit nennt die Stoffe „potenziell besorgniserregend“. Deshalb hat das Schnitzel der Rügenwalder Mühle trotz des guten Geschmacks beim Test die Note „mangelhaft“ bekommen.

Auch einige andere Produzenten der Fleischersatzprodukte haben die bedenklichen Mineralöle in ihren Produkten. Betroffene Firmen nannten als Ursache für den Fund: Weißöl, ein zugelassener Hilfsstoff. Mit ihm beschichten die Produzenten vor allem die Kunstdärme, in denen zum Beispiel Würste gebrüht werden. Später werden diese Hüllen wieder abgezogen. Mit dem Weißöl funktioniert das besser. Nur gelangt es auch in die Ware.

Es ist nicht das einzige Problem, das bei dem Test aufgedeckt wurde. Sechs der 20 untersuchten Bratlinge haben aufgrund ihrer ernährungsphysiologischen Qualität zwar die Note „gut“ bekommen – doch viele andere sind bedenklich. So wie zum Beispiel die „Meica Bratmaxe Veggie-Griller“. Das Urteil von Stiftung Warentest: „Wer eineinhalb dieser Bratwürste isst, nimmt deutlich mehr Fett zu sich, als nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für eine Hauptmahlzeit tolerierbar ist.“

In der Branche noch viel Luft nach oben

Problematisch sind auch die Soja-Frikadellen der Marke Berief. „Eine einzige Frikadelle enthält mehr als die Hälfte der tolerierbaren täglichen Salzzufuhr“, sagt Werner Hinzpeter. Und auch sonst mussten sich die geschulten Testesser immer mal wieder quälen: „Unsere Verkoster“, sagt der stellvertretende Chefredakteur, „mussten auch krümelige, schwer kaubare Tofulappen in den Mund nehmen, äußerst salzige Sojamasse und gummiartige Seitanstreifen.“

Anscheinend gibt es in der Branche noch viel Luft nach oben. Dennoch gibt es auch Produkte, die die Bewerter überzeugten. Testsieger ist das fleischfreie Schnitzel von Valess, Preis: 1,33 Euro pro 100 Gramm. Es besteht aus Magermilch, Weizeneiweiß und Hühnerei-Eiweiß. Aber für die Rügenwalder Mühle gibt es auch ein erfreuliches Ergebnis: Die Firma produziert laut Stiftung Warentest die besten vegetarischen Frikadellen. Sie basieren auf Ei, Soja und Weizengluten und schmecken kräftig nach Paprika und Zwiebel.

In Deutschland gibt es momentan 7,8 Millionen Vegetarier und 900 000 Veganer. Tendenz: steigend. Für Rügenwalder-Eigentümer Christian Rauffuss ist das der Markt der Zukunft. „Wir werden wohl die erste und letzte Generation sein, die jeden Tag Fleisch auf dem Teller hat“, sagt er.

Auch für viele andere Markenhersteller wie Wiesenhof, Meica oder den Bärchenwursthersteller Reinert scheint ein Veggie-Angebot inzwischen ein Muss. Reinert hat gerade erst eine vegetarische Kinderwurst auf den Markt gebracht.

Fleischlos heißt nicht automatisch umweltfreundlich

Ethisch korrekt und lecker, das soll die Formel für die Zukunft sein. Doch die Stiftung Warentest hat aufgedeckt, dass die Fleischersatzprodukte noch aus anderer Hinsicht bedenklich sind: In nur einem von zehn Produkten mit Ei kamen die Eier aus Bio-Haltung. Dabei ist bekannt, dass sich die Kunden vor allem aus moralischen Gründen für Fleischersatz entscheiden.

Problematisch für die Zielgruppe könnte auch das hoch verarbeitete Soja sein. Bei 15 Produkten mit Soja im Test versicherten nur zwei Anbieter, dass sie die Hülsenfrucht aus Europa beziehen. Bei den anderen könne nicht ausgeschlossen werden, dass sie aus dem größten Exportland Brasilien stamme, wo für den Anbau Regenwaldflächen gerodet werden. Man kann es noch so gut meinen – aber gesunde, vegane, moralisch einwandfreie Lebensmittel im Supermarkt zu finden, ist extrem schwer. 

Mit dpa und afp

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