Das Wohnzimmer der Fischers-Familie

Berg am Starnberger See - Immer freitags schauen wir oberbayerischen Köchen über die Schulter. Heute sind wir im Fischerhaus "Kramerfeicht" in Berg am Starnberger See.

Wer hier rein will, muss erstmal klingeln. Wie in einem angesagten Club. An der Tür erscheint allerdings kein bulliger Türsteher, der die Gäste nach ihrem Äußeren aburteilt. Stefanie Liebtrau (40) bittet die Gäste hier freundlich herein. Sie hat vor sechs Jahren zusammen mit ihrem Mann das "Kramerfeicht"-Restaurant in Berg am Starnberger See eröffnet. Weil sich ihr winzig kleines Gasthaus mit maximal 25 Sitzplätzen auch heute noch in einem Wohnhaus befindet, klingelt der Gast eben, um hereingelassen zu werden.

"Wohnzimmer"-Restaurant nennt die Wirtin ihr Refugium. Das kommt nicht von ungefähr: Ihre Großeltern lebten einst in diesen Räumen. Wohn- und Schlafzimmer sind heute Restaurant. Liebevoll eingerichtet mit Antiquitäten, die Stefanie Liebtraus Mutter auf Märkten zusammengekauft hat. Das Herz in einem der beiden niedrigen und windschiefen Räume ist eine alte Eckbank. "Die stand schon zu Großmutters Lebzeiten hier", erinnert sich die Wirtin. Im zweiten Raum, dem ehemaligen Schlafzimmer, können es sich die Gäste auf einem Kanapee gemütlich machen und speisen.

Die Räume haben keinen Stil ­ sie sind weder puristisch, noch modern. Sie sind vielmehr ein buntes Sammelsurium aus allem, was Stefanie Liebtrau gefällt und erinnern an ein gemütliches Zuhause.

Das Fischerhäuschen "Kramerfeicht" steht schon seit vielen Jahrhunderten im Berger Ortskern. Um 1500 erbaut, ist es seit 1796 in Besitz der Familie Andrä. Das Recht, im nahen Starnberger See zu fischen, wird seit Generationen in der Familie vererbt. Stefanie Liebtraus Vater, Siegfried Andrä, ist ein bekannter Fischer am See. Seit dieser in Rente ist, fährt Sohn Peter (38) zum Fischen hinaus und betreibt den Fischladen.

Schon lange hatte Stefanie Liebtrau von einem eigenen Restaurant geträumt. Doch zunächst lernte die Bergerin Industriekauffrau und setzte dann noch ein Wirtschafts-Geografie-Studium drauf. Erst als sie ihren Mann Manuel Liebtrau (36), einen Koch, kennenlernte, stand für die beiden fest, in die Gastronomie zu gehen. Mit einer Sommelier-Ausbildung hat Stefanie Liebtrau ihre wahre Profession gefunden: Die Weine, die sie empfiehlt, hat sie zumeist bei kleinen Weinbauern in Europa gefunden.

Seit sechs Jahren betreiben die beiden das Zwei-Zimmer-Restaurant unweit der Schiffanlegestelle und der Votivkapelle. Zwei Tage ­ jeweils am ersten Mittwoch und Donnerstag im Monat ­ hat das kleine Restaurant geöffnet. Oft ist es meist im Voraus ausgebucht. Einfacher ist es deshalb, ein Fest im "Kramerfeicht" zu feiern, dann sperren die Liebtraus ihr "Wohnzimmer" zusätzlich auf. In der übrigen Zeit betreiben die beiden ein Catering.

Im historischen Laden nebenan verkauft Bruder Peter den fangfrischen Fisch. Donnerstags räuchert der Fischer noch selbst so, wie es ihn sein Vater noch gelehrt hat. In der Theke liegen nicht nur Fische und Meeresfrüchte, sondern auch Fischsalate, die sich Schwager Manuel Liebtrau ausgedacht hat ­ "wir sind eben ein richtiger Familienbetrieb".

In der Küche ist Manuel Liebtrau der Chef. Diese ist im Vergleich zu den Gasträumen riesig groß. "Hier hat sich früher, als meine Großeltern noch lebten, das Familienleben abgespielt." Auch Manuel Liebtrau stammt aus Berg und lernte zunächst im "Gasthaus Limm" in Münsing sein Handwerk.

Der 36-Jährige ist ein Anhänger der Fusionsküche: "Ich spiele gerne mit heimischen Zutaten und mische mediterrane oder exotische Geschmäcker darunter." Bayerische Klassiker sucht man deshalb vergebens auf der Speisekarte.

Dass Manuel Liebtrau am liebsten mit Fisch kocht, liegt nahe. Hat er doch in eine eingessene Fischerfamilie eingeheiratet. Dennoch finden auch Menschen, die keinen Fisch mögen, auf der Speisekarte im "Kramerfeicht" etwas: Denn zur Menüauswahl stehen immer zwei Gerichte ­ eines mit Fisch und eines mit Fleisch (Vorspeisen um die elf, Hauptgerichte circa 19 Euro).

Während sich Stefanie Liebtrau mit einem eigenen Restaurant ihren großen Wunsch bereits erfüllt hat, muss ihr Mann noch weiter träumen. "Eines Tages möchte ich ein eigenes Kochbuch veröffentlichen. Ideen hätte ich genug", sagt Manuel Liebtrau. Doch das Umsetzen scheitert regelmäßig an der Tatsache, dass der Küchenchef am liebsten "aus dem Bauch heraus" seine Speisen zubereitet, sprich keine genauen Rezepte zum Nachkochen aufgeschrieben hat. Also muss sich Liebtrau jeden Monat aufs Neue etwas ausdenken. Die Gäste wird's freuen, dass es im Kramerfeicht immer etwas Neues gibt. 

Kramerfeicht

Restaurant und Fischladen

Adresse:

Grafstraße 6 in Berg, Telefon (0 81 51) 5706.

www.kramerfeicht.de

Öffnungszeiten:

Das Restaurant hat am ersten Mittwoch und Donnerstag im Monat jeweils ab 18 Uhr geöffnet. Der Fischladen: mittwochs, donnerstags und freitags von 9 bis 13 Uhr; donnerstags und freitags 14 bis 18 Uhr. Samstags von 9 bis 13 Uhr.

Hinkommen:

über die Garmischer Autobahn, Abzweig Richtung Starnberg. Am Autobahnende Richtung Percha/Berg. In Berg rechts in die Grafstraße einbiegen.

Sonstiges:

Fürs Restaurant unbedingt vorher reservieren. In der Fischerei wird donnerstags geräuchert. Partyservice.

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