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Martina Rosenberg schrieb ein Buch über ihre Erfahrungen.

Pflege kann zum Albtraum werden

Warten auf den Tod der Eltern

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München - Dass die Pflege der kranken Eltern zum Albtraum werden kann, erleben immer mehr Menschen. Martina Rosenberg hat ein Buch darüber geschrieben - im Interview spricht die Autorin über ihre Verzweiflung.

Ein Mehrgenerationenhaus – davon profitieren doch alle“, dachte die Starnbergerin Martina Rosenberg (49). Sie freute sich auf ein gemeinsames Leben mit Mann, Tochter Lena (4), Vater und Mutter. Aber die Pflege der Eltern wird zum Albtraum! Die Mutter erkrankt an Demenz, der Vater erleidet einen Schlaganfall und wird depressiv. In der authentischen Geschichte erzählt die Journalistin und Autorin, wie sie verzweifelt versucht, allen Anforderungen gerecht zu werden – und scheitert. Am Ende bleibt der erschreckend ehrliche Wunsch, der auch Buchtitel wird: Mutter, wann stirbst du endlich? Ihr Bericht zeigt eindrucksvoll, wie sich pflegende Kinder von Politik und Gesellschaft mit ihrer Verantwortung alleingelassen fühlen. Die tz hat mit der Autorin gesprochen.

Ihr Buchtitel „Mutter, wann stirbst du endlich?“ ist hart. Haben Sie keine Angst vor Kritik?

Martina Rosenberg: Ich bin mir sicher, dass Kritik kommen wird. Das ist kein schöner Satz. Aber diejenigen, die sich in derselben Situation befinden, verstehen das. Ich wollte ein ehrliches Buch schreiben. Es gibt viele Ratgeber zum Thema häusliche Pflege. Aber keines, das ehrlich zeigt, wie schwierig die Situation für Angehörige ist. Ich habe diesen Titel bewusst gewählt, um auf das Problem in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen. Nur wer schreit, wird gehört.

Und was würde ihre mittlerweile verstorbene Mutter dazu sagen?

Rosenberg: Das Motiv, das Buch zu schreiben, war nicht Egoismus – wie der Titel vielleicht vermuten lässt. Meine Mutter musste viel leiden. Der Titel bezieht sich auch auf ihre Todessehnsucht.

Was ist im Nachhinein schiefgelaufen?

Rosenberg: Ich habe mich verantwortlich gefühlt, das Leben meiner Eltern zu verschönern. Das ist mir nicht gelungen, und ich hatte deshalb ständig ein schlechtes Gewissen. Ich hatte nie genug Zeit – als Mutter und Berufstätige …

…  dabei waren Sie ja beinahe täglich bei Ihren Eltern und haben sie eben gerade nicht in ein Heim abgegeben.

Rosenberg: Trotzdem war das schlechte Gewissen immer

Martina Rosenbergs Buch Mutter, wann stirbst du endlich? (240 Seiten, 18 Euro) ist im Blanvalet Verlag erschienen.

da. Ich konnte meinen depressiven Vater nicht glücklich machen, meiner Mutter die Schmerzen nicht nehmen. Und die Erwartungshaltung besonders von meinem Vater war sehr hoch. Irgendwann habe ich keine Luft mehr gekriegt. Denn das Problem war nicht die praktische Arbeit. Es sollte kein Problem für ein Kind sein, den Eltern zu helfen, für sie alltägliche Dinge wie das Einkaufen zu erledigen. Mein Problem war die erdrückende Stimmung. Wenn ich zu ihnen gegangen wäre und sie hätten sich gefreut, mich zu sehen, hätte ich was zurückbekommen. Aber es kamen nur noch Beschwerden. Dazu die schlechte Stimmung aufgrund der psychischen Erkrankung meines Vaters. Ich habe die Stimmung dort aufgesaugt und mit in unsere Wohnung einen Stock höher genommen.

Und das hat Sie krank gemacht …

Rosenberg: Ich bekam Schlafprobleme, Herzrasen und einen Tinnitus. Bezeichnenderweise habe ich aber erst gar nicht gemerkt, dass die psychische Belastung daran schuld ist. Ich dachte, das Brummen, das ich gehört habe, kommt von einem Zug. Aber irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich mir eben doch zu viel zugemutet hatte.  

Wie sind Sie aus diesem Tief herausgekommen?

Rosenberg: Meine Philosophie war immer: Du musst etwas ändern, wenn es nicht passt. Doch ich habe erkannt, dass es nicht immer so einfach möglich ist. Dennoch musste ich etwas tun, um emotional nicht selbst vor die Hunde zu gehen. Als erstes habe ich eine räumliche Distanz geschaffen und bin mit meiner Familie ausgezogen. Wenn bei meinen Besuchen die Stimmung schlecht war, habe ich versucht, das emotional nicht an mich ranzulassen und schnell wieder zu gehen. Den Pflegerinnen, die sich um meine Eltern gekümmert haben, habe ich gesagt, dass sie mich nicht wegen jeder Kleinigkeit anrufen sollen.

Hat das geholfen?

Rosenberg: Ja, mein schlechtes Gewissen ist weniger geworden.

Ihre Eltern sind nun seit zwei Jahren tot. Welche Lehre haben Sie aus dieser Zeit gezogen?

Rosenberg: Dass man sich nicht für alles verantwortlich fühlen darf. Zum Beispiel bei Depressionen kann man als Angehöriger nicht helfen. Das ist eine Krankheit. Das muss man auch so akzeptieren.

Was würden Sie anderen Angehörigen raten?

Rosenberg: Ich will klar sagen, dass ich nicht grundsätzlich gegen eine häusliche Pflege durch die Kinder bin. Aber wichtig ist, dass die Eltern so früh wie möglich das Gespräch mit ihren Kindern suchen. Dass sie darüber reden, in welcher Form die Pflege möglich ist. Und es muss auch über die Option Heim gesprochen werden. Die Aussage meiner Eltern, dass sie auf keinen Fall dorthin wollen, hat bei mir sehr viel Druck erzeugt. Es müssen klare Regeln getroffen werden. Die Pflege darf keine Daueraufgabe werden – eine klare Abgrenzung muss möglich sein.

Was muss sich in Politik und Gesellschaft ändern?

Rosenberg: Gesundheitsminister Bahr spricht gerne davon, dass alte Leute daheim bleiben sollen. Aber jemand, der dement ist, braucht eine 24-Stunden-Betreuung und da reichen keine 200 Euro …

Warum bekommt man für häusliche Pflege nur die Hälfte von dem, was ein Pflegedienst erhält?

Rosenberg: Ich hoffe, dass Bahr mir das bei unserem gemeinsamen TV-Auftritt (siehe Kasten) erklären kann.  

Was hat das Schreiben Ihres Buches bei Ihnen selbst bewirkt?

Rosenberg: Das Schreiben war für mich sehr schwierig, weil es das ganze Erlebte noch einmal aufgewühlt hat. Das hat mich viele Tränen vor dem Computer gekostet. Aber ich bin froh, meine Erfahrung jetzt nach außen tragen zu können.

Interview: Nina Bautz

So belastend war der Pflege-Alltag

Vor allem die Nächte zehrten an ihren Nerven. Wenn die Mutter wach wurde und um Hilfe schrie, weil sie nicht mehr wusste, wo sie ist. Und der Vater nur verständnislos danebensaß. „Ich habe erst spät gemerkt, dass ich an meine Grenzen stieß“, sagt Martina Rosenberg.

Jahrelang pflegte die Starnbergerin (49) zu Hause ihre demenzkranke Mutter und den depressiven Vater – neben Job und Familie. Und wurde ungewollt zur Mutter der eigenen Eltern. Zwar kümmerte sich ein Pflegedienst um alltägliche Dinge wie Essen und Waschen – aber: „Es ging nicht darum, meinen Eltern eine halbe Stunde beim Anziehen zu helfen. Ich musste ihr ganzes Leben organisieren“, sagt die Journalistin. „Das ist kraftraubend. Vor allem, wenn der Betreffende selbst nicht mitmacht.“

Mit Ehemann und Tochter Lena (4) lebte sie im ersten Stock des Mehrfamilienhauses, die Eltern im Erdgeschoss. Martina Rosenberg war immer abrufbar, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sie organisierte Arztbesuche, betreute die Pflegekräfte, kümmerte sich um Arztrechnungen. Allein die Korrespondenz mit Krankenkassen und Versicherungen nahm in der Woche einige Stunden in Anspruch. Dazu kam die psychische Belastung. Die starke Persönlichkeitsveränderung der Mutter, die Depression des Vaters – eine Kraftprobe für die ganze Familie. „Ich kam oft zu spät zur Arbeit, weil ich erst meine aufgewühlte Mutter beruhigen musste.“

Der ständige Druck machte Martina Rosenberg zu schaffen. Nachts lag sie oft stundenlang wach. Gelang es ihr doch, zur Ruhe zu kommen, fuhr sie beim kleinsten Geräusch aus dem Schlaf: „Weil ich dachte, ich werde unten wieder gebraucht.“ Die Belastung wurde immer schlimmer. Martina Rosenberg litt an Herzrasen und Tinnitus. „Erst wollte ich es mir nicht eingestehen, aber ich wurde total krank.“

Nach neun Jahren bricht sie aus. Sie zieht in eine neue Wohnung ein paar Straßen weiter – und schafft es erst mit der Dis-tanz, wieder zu sich zu finden. „Es ist wichtig, dass Eltern und Kinder das Altwerden frühzeitig besprechen und eine Lösung finden. Das Thema darf nicht totgeschwiegen werden."

CS

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