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Knackpunkt Knie – nach Schätzungen von Experten legen sich allein in Deutschland jedes Jahr etwa 550.000 Patienten unters Messer.

Was Patienten wissen müssen

Knackpunkt Knie: Top-Arzt warnt vor zu vielen OPs

Arthrose, Kreuzband und Meniskus - Patienten haben die unterschiedlichesten Probleme. Doch Kniespezialist und Mannschaftsarzt des Deutschen Skiverbands Dr. Ernst-Otto Münch warnt vor sinnlosen Eingriffen.

Knackpunkt Knie – nach Schätzungen von Experten legen sich allein in Deutschland jedes Jahr etwa 550 000 Patienten unters Messer.

Dr. Ernst-­Otto Münch erklärt anhand eines Modells, wie ein Kniegelenk aufgebaut ist.

Sie unterziehen sich einer Arthros­kopie, wie Mediziner diese Gelenkspiegelung nennen. Doch Vorsicht: Viele solcher Eingriffe sind überflüssig! Davor hat jetzt der Mannschaftsarzt des deutschen Skiverbandes (DSV), Dr. Ernst-Otto Münch, gewarnt: „Leider werden viele Arthroskopien mit zweifelhaften medizinischen Begründungen vorgenommen“, kritisiert Münch im tz-Interview. Der 62-jährige Garmisch-Partenkirchner, der im Sendlinger Expertenzentrum Orthopädische Chirurgie München (OCM) praktiziert, gehört zu den erfahrensten Kniespezialisten überhaupt. Er hat bereits mehr als 20 000 Patienten operiert. Jährlich versorgt er über 900 Knie.

Kritikpunkt Nummer eins: „Bei schwerer Kniegelenks-Arthrose bringt eine Arthroskopie in aller Regel nichts. Das haben auch Studien bewiesen“, erklärt Dr. Münch. Unter Arthrose versteht man Knorpelschäden, die nicht durch eine Verletzung entstanden sind, sondern durch Verschleiß. „Bei einer Arthroskopie kann man den Knorpel zwar glätten und mechanische Blockaden beseitigen, aber ihn nicht heilen oder wiederherstellen“, erläutert der Experte.

Frisch operiert: Rodel-Legende Georg Hackl musste sich von Dr. Ernst-Otto Münch einen Teil des Innenmeniskus’ entfernen lassen.

Kritikpunkt Nummer zwei: „Die Arthroskopie wird zu oft zur Diag­nosestellung zweckentfremdet, obwohl es auch andere zuverlässige Untersuchungsmöglichkeiten gibt, etwa die Kernspintomographie. Das halte ich für nicht gerechtfertigt“, sagt Dr. Münch. In der Praxis sagen viele Ärzte ihren Patienten, man müsse „ins Knie hineinschauen“, um zu sehen, was darin kaputt ist. Selbst bei Verschleißerscheinungen am Meniskus sei eine Arthroskopie nicht die einzige Behandlungsmöglichkeit, betont Dr. Münch: „Diese sogenannten degenerativen Veränderungen muss man nicht immer operieren. Man kann die Patienten in vielen Fällen mit Hilfe von Physiotherapie weitgehend schmerzfrei bekommen.“ Deshalb sei es wichtig, dass Patienten auf eine genaue Diagnose Wert legen und diese von ihrem Arzt auch einfordern, bevor sie sich unters Messer legen. „Im Zweifelsfall sollten Sie sich eine zweite Meinung einholen“, rät der Kniespezialist. „Ich wäre jedenfalls nicht beleidigt, wenn sich einer meiner Patienten noch bei einem Kollegen vorstellt.

Die häufigsten Verletzungen

  • Arthrose

„Leider kann man Arthrose trotz aller Fortschritte in der Medizin bis heute nicht heilen“, weiß Dr. Münch. Nach wie vor kann sich der Arthrose-Patient am besten selbst therapieren – und dadurch den Einbau eines künstlichen Kniegelenks verhindern oder zumindest hinauszögern: „Trainieren Sie Ihre Muskulatur und versuchen Sie, ein paar Kilo abzunehmen“, rät Dr. Münch. Außerdem sind bei Arthrose Sportarten mit stoßartigen Bewegungen Gift. Das heißt konkret: Joggen oder Ballspiele wie Fußball oder Tennis sind für diese Patienten tabu!

Manchmal spritzen Mediziner entzündungshemmende Medikamente wie Kortison ins Gelenk. Das hilft den Patienten zwar in der Regel recht gut, aber man kann dieses Mittel nicht allzu oft einsetzen. Dann nämlich bestünde die Gefahr, dass die aggressiven Medikamente die Knorpel angreifen und beschädigen.

Erleichterung können auch Injektionen mit Hyaluronsäure bringen. Diese Substanz wirkt wie eine Art Schmiermittel. „Dadurch wird die Reibung der Knochen im Gelenk etwas reduziert“, erklärt Dr. Münch. „Allerdings muss das Medikament in der Regel mehrfach hintereinander ins Gelenk gespritzt werden, und der Effekt hält nur begrenzte Zeit an.“ Eine Infektion kommt dabei zwar relativ selten vor, ausschließen lässt sich das Risiko aber nicht.

  • Meniskusrupturen

Bei den Menisken handelt es sich praktisch um zwei halbmondförmige Knorpelstückchen im Kniegelenk. Mediziner sprechen vom Innen- und vom Außenmeniskus. Wenn diese einreißen oder ganz abreißen, spricht man von einer Ruptur. In den allermeisten Fällen entfernt der Arzt den Meniskus dann in einer Arthroskopie teilweise oder in seltenen Fällen ganz. Der Eingriff dauert circa 30 Minuten, währenddessen schläft der Patient in einer leichten Narkose. „In 95 Prozent der Fälle führen wir diese Arthroskopie ambulant durch. Das bedeutet: Der Patient kann die Praxis ein paar Stunden nach dem Eingriff wieder verlassen“, erläutert Dr. Münch. Etwa vier bis fünf Tage muss der Patient mit Gehstützen laufen. „Nach einer Woche ist man in der Regel wieder alltagstauglich“, sagt der Kniespezialist. Bis man wieder Sport treiben kann, dauert es etwa vier bis sechs Wochen.

  • Kreuzbandrupturen

Mediziner unterschieden zwischen einem vorderen und einem hinteren Kreuzband. Deren wesentliche Aufgabe ist es, das Kniegelenk zu stabilisieren. Früher hat man gerissene Kreuzbänder genäht. „Aber die Ergebnisse waren schlecht“, erinnert sich Dr. Münch. Heutzutage ersetzen die Operateure das defekte Kreuzband durch Transplantate. Dazu entnehmen sie in der Regel Material aus der Oberschenkel- oder Patellasehne des Patienten. In den USA setzen die Chirurgen auch Kreuzbänder von Organspendern ein. „Bei uns in Deutschland ist das verboten“, berichtet Dr. Münch.

Eine Kreuzband-Operation dauert etwa eine Stunde. „Es können aber schon mal zwei Stunden werden, wenn auch Meniskus- und Knorpelschäden zu versorgen sind“, so der Orthopäde. Zwei bis drei Wochen muss der Patient auf Krücken laufen, danach darf er die Belastung seines Beins langsam steigern. „Es kommt darauf an, wie schnell es dem Patienten gelingt, seine Muskulatur wieder aufzubauen. Das ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich.“ Etwa ein halbes Jahr lang ist an Sport nicht zu denken, möglicherweise sogar noch länger.

Fakt ist leider auch: „Man kann ein Kreuzband noch so gut operieren, ein normales Knie wird’s dadurch nimmer“, sagt Dr. Münch. Viele Patienten haben immer mit Folgeverletzungen in ihrem geschwächten Knie zu kämpfen – selbst Sportskanonen, die ihr Leben lang viel trainiert haben, sind davor nicht gefeit. So auch Rodel-Legende Georg Hackl. Der Olympiasieger musste sich gerade erst von Dr. Münch einen Teil seines Innenmeniskus entfernen lassen, nachdem er sich am selben Knie bereits vor vielen Jahren das Kreuzband gerissen hatte.

Andreas Beez

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