+
Bildgebene Verfahren sind für die Diagnose von Alzheimer sehr wichtig. Mit Hilfe der Magnet-Resonanz-Therapie oder mit nuklearen Kontrastmitteln können die für ­Alzheimer typischen Eiweißablagerungen im Gehirn dargestellt werden. Der Arzt erkennt, welche Areale schon dem Massensterben der Nervenzellen zum Opfer gefallen sind.

Gehirnjogging und Tanzen helfen

Alzheimer: Neustart in der Forschung

  • schließen

Alzheimer gilt immer noch als unheilbar. Bis jetzt kann kein Medikament die Krankheit stoppen. Lesen Sie hier ein Interview mit dem Hirnforscher Prof. Jochen Herms über den Stand der Forschung.

Das menschliche Gehirn verfügt über 100 Milliarden Nervenzellen, die durch etwa 100 Billionen Synapsen eng miteinander verbunden sind. Jede Nervenzelle steht mit 1000 anderen Neuronen in Kontakt.

Prof. Jochen Herms

So hält das Gehirn die Körperfunktionen aufrecht, es verarbeitet sämtliche Sinneseindrücke, es lässt uns denken und handeln. Im Alter nimmt die Zahl der Synapsen und Nervenzellen ab. Unsere Wahrnehmung wird langsamer, es fällt schwerer, Neues zu lernen. Bei Alzheimer kommt es zu einem Massensterben im Gehirn. Zum einen brechen in den Nervenzellen wichtige Transportwege zusammen, zum anderen bilden sich innerhalb und außerhalb der Neuronen Eiweißablagerungen – der Mensch wird auf eine lange, quälende Reise ins Vergessen geschickt. Bisherige Medikamente vermögen den Zerfall für eine gewisse Zeit aufzuhalten. Doch bisher kann nichts die Krankheit stoppen, geschweige denn heilen. Anlässlich des Welt-Alzheimer-Tags in dieser Woche sprach Redakteurin Susanne Stockmann mit dem Münchner Professor für Hirnforschung Jochen Herms.

Wird Alzheimer in absehbarer Zeit heilbar sein?

Welt-Alzheimer-Tag

Am 21. September ist Welt-Alzheimer-Tag. In der Münchner Innenstadt gibt es Veranstaltungen zum Thema „Geben. Und jede Menge zurückbekommen!“ Infos unter: www.agm-online.de

Prof. Jochen Herms: Das ist der große Wunsch. Bis zum Jahr 2030 wird sich die Zahl der Kranken verdoppelt haben. Vor etwa 25 Jahren wurden die für Alzheimer typischen Eiweißablagerungen im Gehirn entdeckt, das Beta-Amyloid und das Tau-Protein. Vor circa zehn Jahren waren wir sehr optimistisch: Wir hofften, indem wir diese Eiweißablagerungen abbauen, Alzheimer zu heilen. Viele Pharmafirmen haben sehr viel Geld in diesen Therapieansatz der Immunisierung, also einer Impfung gegen eines der Eiweiße investiert, vermutlich weit mehr als eine Milliarde Euro. Leider haben sie wahrscheinlich auf die falsche Karte gesetzt: Der Zustand der behandelnden Patienten hat sich nicht gebessert, er ist nicht mal gleich geblieben, sondern er hat sich verschlechtert. Alle großen Therapien-Studien wurden vorzeitig abgebrochen, die Letzte erst vor zwei Wochen. Wir stehen also wieder am Anfang. Leider ist die Pharmaindustrie nun sehr vorsichtig geworden. Einige große Unternehmen sind sogar aus der Alzheimer-Forschung ausgestiegen. Hier sehe ich die größte Gefahr, was eine mögliche Heilung für den Morbus Alzheimers angeht. Ohne die Pharmaindustrie kann eine noch so wichtige wissenschaftliche Erkenntnis den Patienten nicht erreichen.

Warum erforschen Sie besonders die Synapsen, die Kontakte der Nervenzellen?

Wer Alzheimer-Kranke pflegt, muss viel geben, bekommt aber auch viel zurück.

Herms: Die synaptischen Schädigungen, treten sehr früh ein und sind möglicherweise reversibel – also heilbar. Wenn es uns gelingt, die Synapsen zu erhalten, können wir das Zugrundegehen der Nervenzellen verhindern. Wir haben kürzlich einen Wirkstoff identifiziert und patentiert, der an der Synapse angreift. Jetzt ist es jedoch sehr schwierig, Investoren zu finden, die unsere Erkenntnisse zu einem am Menschen einsetzbaren Medikament vorantreiben. Wie gesagt: Die Pharmaindustrie hält sich in der Alzheimer-Therapie nun sehr zurück. Weiß man, warum bisherige Therapien nicht wirken? Herms: Es gibt natürlich Theorien. Eine besagt, dass die Medikamente früher eingesetzt werden müssen, da zu einem späten Zeitpunkt der Krankheitsverlauf eventuell nicht aufzuhalten ist. Es wäre vielleicht besser, noch gesunde Menschen zu behandeln, zum Beispiel Menschen die an einer sehr seltenen familiären, also genetisch bedingten Form von Alzheimer erkranken werden. Das sind etwa fünf Prozent der Erkrankten. Da könnten wir sehr früh in den Krankheitsverlauf eingreifen. Zudem ist möglicherweise die Hypothese zur Bedeutung der Eiweißablagerungen falsch. Die Pharmaindustrie hat sich vor allem auf diese Eiweißablagerungen konzentriert, aber vielleicht sind diese gar nicht das entscheidende Problem, das zum unaufhaltbaren Untergang von Nervenzellen führt. Vielleicht stoßen die Ablagerungen ein Krankheitsgeschehen an, das wir noch nicht identifiziert haben. Wenn wir mit Medikamenten oder mit einer Impfung die Ablagerungen auflösen oder die weitere Bildung verhindern, nimmt die Krankheit vielleicht dennoch ihren Fortgang.

Ein weiterer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist es, einen Test zur Früherkennung zu finden.

Herms: Die Theorie war, dass die typischen Ablagerungen im Gehirn auch auf der Netzhaut des Auges nachweisbar sein müssen, und zwar in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung. Leider hat sich das nicht bewahrheitet. Wir haben herausgefunden, dass das zwar im Tiermodel stimmt, aber leider nicht auf den Menschen übertragbar ist. Wir hoffen jedoch mit einem anderen Ansatz, dem Nachweis von Eiweißablagerungen in der Riechschleimhaut, hier weiterzukommen.

Immer wieder heißt es, Alzheimer sei ansteckend. Stimmt das?

Herms: Es gibt Erkenntnisse aus Tierversuchen, die zu dieser Hypothese geführt haben. Diese haben aus meiner Sicht jedoch keinerlei praktische Bedeutung für den Menschen. Voraussetzung wäre, dass das Hirngewebe eines Alzheimer-Kranken mit dem Gehirn eines Gesunden in mehr oder weniger direkten Kontakt kommt. Angehörige oder Pflegende von Alzheimer-Kranken müssen sich da somit überhaupt keine Sorgen machen.

Schützt Gehirn-Jogging vor Alzheimer?

Herms: Ganz klar: Ja – am besten wenn es lebenslang praktiziert wird. Auch normales Jogging übrigens: Körperliche Aktivität – und das am besten schon spätestens ab der Lebensmitte stellt eindeutig einen Schutz dar. Es gibt Studien, die zeigen, dass ältere Menschen, die körperlich und geistig sehr aktiv sind, z. B. tanzen oder Schach spielen, ein geringeres Alzheimer-Risiko haben. Zu den großen Risikofaktoren gehören neben dem Alter an erster Stelle der Bluthochdruck, Diabetes, das Rauchen und Übergewicht, im Prinzip vor allem Bedingungen, die die Blutgefäße schädigen. Denn die besagten Eiweißablagerungen entstehen auch, wenn ihr Abtransport durch Gefäßschäden gestört ist. Diese Risikofaktoren lassen sich jedoch vermeiden bzw. therapeutisch gut kontrollieren. Somit gibt es durchaus schon jetzt wirksame Maßnahmen, die vermeiden helfen, an Alzheimer zu erkranken!

Susanne Stockmann

ZAHLEN

In Deutschland leben 1,4 Millionen Menschen mit einer Demenz, zwei Drittel von ihnen haben Alzheimer. Rund 65 Prozent der Erkrankten sind bereits über 80, drei Viertel sind Frauen. Jedes Jahr erkranken rund 40.000 Menschen neu. Mit dem Alter steigt das Erkrankungsrisiko stark an: Sind von den 65- bis 69-Jährigen erst 1,6 Prozent betroffen, so haben von den 80- bis 84-Jährigen bereits rund 16 Prozent, von den 90-Jährigen sogar 41 Prozent eine Demenz.

Mehr zum Thema:

Demenz trifft auch junge Menschen

Mit grünem Tee und Laserlicht gegen Demenz?

Demenz im Gehirn zu sehen

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Low-Carb: Wenig Kohlenhydrate  - und das Hüftgold schmilzt?
Low-Carb verspricht, in nur wenigen Wochen viele Pfunde purzeln zu lassen. Hollywoodstars und Fitnessgurus schwören darauf. Doch stimmt das?
Low-Carb: Wenig Kohlenhydrate  - und das Hüftgold schmilzt?
Keine Lust mehr auf Pizza? Sie könnten schwer krank sein
Sie könnten jeden Tag Salami-Pizza essen – doch plötzlich vergeht Ihnen die Lust? Dann könnte es ein Anzeichen auf etwas Bedrohliches sein.
Keine Lust mehr auf Pizza? Sie könnten schwer krank sein
Frau stirbt an Proteinüberdosis: Kann mir das auch passieren?
Mit nur 25 Jahren starb Bodybuilderin und Mutter Meeghan Hefford an einer Proteinüberdosis. Der Grund: ein seltener Gen-Defekt. Doch was hat es damit auf sich?
Frau stirbt an Proteinüberdosis: Kann mir das auch passieren?
Dokumentation lückenhaft: Kein Beleg für Behandlungsfehler
Bei einem Eingriff kommt es zu Komplikationen. Am Ende steht die Frage im Raum, ob der Arzt einen Fehler gemacht hat. Vor Gericht wäre die Dokumentation der Behandlung …
Dokumentation lückenhaft: Kein Beleg für Behandlungsfehler

Kommentare