+
Die Angst vor Alzheimer ist ein gutes Geschäftsmodell. Doch Experten halten viele Methoden für unseriös.

Geschäft mit der Angst

Alzheimer früh erkennen? So viel kostet ein Test

Mal einen Schlüssel verlegt, dann einen Namen vergessen: Ob das schon Vorboten von Alzheimer sind, fragen sich viele. Mit teuren Tests wollen manche Mediziner das Erkrankungsrisiko bestimmen können.

Es könne jeden treffen, „sogar die Stärksten und Erfolgreichsten“. Rudi Assauer, Margaret Thatcher, Ronald Reagan: So listet ein Anbieter von Alzheimer-Früherkennungstests die Promi-Fälle im Internet. Wer frühzeitig das eigene Erkrankungsrisiko kennen wolle, könne sich „bequem“ einer nicht-invasiven Gehirnuntersuchung unterziehen. Seit einigen Jahren gibt es Privatpraxen, die auf diese Weise besorgte, aber oftmals beschwerdefreie Patienten testen. Die Verfahren seien als sehr kritisch einzustufen, wie Experten anlässlich des Welt-Alzheimertages (21.9.) betonen.

Gibt es einen seriösen Alzheimer-Test?

„Patienten könnten es billiger haben - und seriöser“, sagt die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité, Isabella Heuser. Ihre Stimme wird laut, wenn sie von den „zweifelhaften Produkten“ der Anbieter spricht. Es handle sich um „schäbige Geldmacherei“, sagt Heuser, die auch im Vorstand der Deutschen Hirnliga vertreten ist.

Heuser spricht von Methoden, die meist auf Magnetresonanztomographie (MRT) basieren: Mit den modernen Geräten wird ein Bild des Gehirns angefertigt. Damit sollen etwa strukturelle Erkrankungen im Hirngewebe oder eine veränderte Größe bestimmter Hirnbereiche aufgespürt werden können. Bereits kleinste Veränderungen in der Hirnstruktur ließen sich in hochaufgelösten 3D-Aufnahmen des Gehirn nachweisen - so verspricht manch ein Werbetext.

„Für den einmaligen Test kassieren die Praxen mehrere hundert, einige mehr als tausend Euro. Empfohlen wird teilweise, die Analyse nach einigen Jahren erneut durchzuführen“, ergaben Recherchen von „Spiegel online“. Der Geschäftsführer einer Firma, die im Auftrag der Praxen die MRT-Aufnahmen zur Risikoanalyse mit einem Computerprogramm auswertet, habe sich gegen Kritik gewehrt: „Es stimmt nicht, dass wir den Menschen Angst machen“, zitiert „Spiegel online“ den Experten.

Mehr Schaden als Nutzen

Bei Untersuchungen des Hirnvolumens prüfen Ärzte anhand von Gehirn-Normdaten entsprechend des Alters und des Geschlechts, ob statistisch ein erhöhtes Erkrankungsrisiko vorliegt, erläutert Heuser. Frühzeitig Alzheimer erkennen lasse sich so aber nicht. Vielmehr könne das Ergebnis bei Patienten mit angeschlagener Psyche Schaden anrichten, meint Heuser: „Den Menschen, der dann vielleicht einen etwas schmäleren Hippocampus hat, stürzt man in eine Lebenskrise. Dabei hat er vielleicht nur eine Depression.“ Solche Fälle gebe es „ganz häufig“.

„Bildgebende Verfahren sind wichtig, aber sie sagen nicht alles“, sagt der Mediziner Volker Edelmann (Vivantes-Kliniken Berlin). Wer zum Spezialisten in eine sogenannte Gedächtnissprechstunde geht, wird den Experten zufolge einer ganzen Reihe von Tests unterzogen: Mediziner sprechen mit Angehörigen, prüfen bisherige Befunde und Vorerkrankungen, machen neurologische Untersuchungen und testen etwa, wie gut man sich etwas merken kann. Ist ein Patient noch relativ jung, können auch die MRT-Aufnahmen des Gehirns und eine Untersuchung des Nervenwassers zusätzlich Aufschluss bringen. „Das Urteil, ob wahrscheinlich eine Demenzerkrankung vorliegt, fällt aus der Summe dieser Tests“, betont Edelmann.

Alzheimer: Das zahlt die Krankenkasse

Die nötigen Untersuchungen bezahlt in der Regel die Krankenkasse. Kostenpflichtigen Tests vor dem Ausbruch von Symptomen steht auch die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft skeptisch gegenüber, heißt es auf Anfrage. Doch der Markt dafür dürfte wachsen: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass sich die Krankenzahlen bis 2050 geschätzt verdreifachen. Deutschlandweit gibt es rund 1,5 Millionen Menschen mit Demenzerkrankungen, die meisten haben Alzheimer. Zuletzt gab es jedoch auch Studien, in denen eine epidemieartige Ausbreitung von Alzheimer angezweifelt wird.

Da mit manchen Tests nicht nur Gewissheit, sondern auch ein medizinischer Vorteil versprochen wird, sehen die Fachleute auch ein ethisches Problem: „Da Medikamente zur Vorbeugung noch fehlen, kann ein solcher Test bei ungünstigem Ergebnis mehr Verunsicherung schaffen, als dass er nutzt“, sagt Edelmann. Das Resultat müsse behutsam mit den Betroffenen und den Angehörigen besprochen werden. Patienten könnten sich lediglich insofern schützen, dass sie zum Beispiel ein möglichst gesundes Leben führen.

Mit Vorsorge hätten die Tests nichts zu tun, sagt Isabella Heuser. Zu ihr kommen dennoch immer wieder Patienten, die sich den Verfahren schon unterzogen haben, wie die Medizinerin sagt. Eine andere Wahl, als sich doch noch umfassend testen zu lassen, haben sie wohl kaum.

Prominente, die ihr Gedächtnis verloren 

Von Gisela Gross, dpa

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Was bei Sonnenstich und Hitzschlag zu tun ist
Ob im Liegestuhl oder beim Radfahren: Den Sommer genießen alle am Liebsten im Freien. Ein zu langer Aufenthalt in der prallen Sonne oder eine Fahrt in einem überhitzten …
Was bei Sonnenstich und Hitzschlag zu tun ist
Frau putzt sich die Nase - kurz darauf bricht ihre Augenhöhle
Eine Frau putzt sich so fest die Nase, dass ihre Augenhöhle bricht. Schlimmer noch: Laut medizinischem Bericht ist sogar von einem Bruch im Schädel die Rede.
Frau putzt sich die Nase - kurz darauf bricht ihre Augenhöhle
Die Diät-Lüge: Warum Low-Carb Sie krank und dick machen kann
Schnell zur Bikinifigur: Das verspricht die Diät Low-Carb. Doch Ärzte warnen davor, zu wenig Kohlenhydrate zu essen. Wie gesund ist die Ernährung wirklich?
Die Diät-Lüge: Warum Low-Carb Sie krank und dick machen kann
So hoch geht es bei Frauen untenrum her, während sie schlafen
Im Schlaf regeneriert sich unser Körper. Aber wer glaubt, dass er ruht, irrt gewaltig. Besonders während der REM-Phase geht es in den unteren Regionen mächtig ab.
So hoch geht es bei Frauen untenrum her, während sie schlafen

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.