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In Deutschland leiden 1,2 Millionen Menschen an Alzheimer. Und die Angst vor der unheilbaren Gehirnerkrankung wächst. Bislang gilt Alzheimer als unheilbar.

Therapie mit Antikörpern

Alzheimer: Neue Medikamente in Sicht

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Im Kampf gegen Alzheimer zeichnet sich ein Hoffnungsschimmer am Horizont ab. So sind neue Medikamente in Sicht, die die Volkskrankheit womöglich tatsächlich aufhalten können – zumindest bei Patienten in einem frühen Stadium.

Die Mittel auf der Basis von Antikörpern sollen das Absterben von Nervenzellen im Gehirn stoppen. Sie durchlaufen derzeit eine entscheidende Testphase. Ihre Wirkung wird in sogenannten Phase-3-Studien erprobt. Das ist praktisch die letzte große Hürde, bevor die Pharmafirmen bei den Aufsichtsbehörden die Zulassung beantragen können. 

  • Weltweite Großstudien gestartet
  • Erste Patienten in München behandelt
  • Chancen und Risiken der Antikörper-Therapie

Auch in München werden bereits erste Alzheimer-Patienten behandelt. Wie die Medikamente wirken und die wissenschaftlichen Studien ablaufen sollen, erklärt die Leiterin der Gedächtnisambulanz am Uniklinikum Großhadern, Privatdozentin Dr. Katharina Bürger.

Antikörper Aducanumab gegen Alzheimer

Privatdozentin Dr. Katharina Bürger.

Gleich mehrere Biotechnologie-Konzerne treiben derzeit die Entwicklung von Antikörpern gegen Alzheimer voran – darunter auch Der US-Riese Biogen. Dessen Wirkstoff Aducanumab wird auch am Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) am Uniklinikum Großhadern getestet. Nach einigen Verzögerungen haben zwei internationale Großstudien im vergangenen Herbst endlich begonnen.
„Wir haben bereits sieben Patienten aufgenommen“, berichtet Privatdozentin Dr. Katharina Bürger, die Leiterin der Gedächtnisambulanz am Uniklinikum Großhadern. Weltweit wollen insgesamt etwa 300 Studienzentren mitmachen und insgesamt etwa 2700 Patienten einbeziehen.

Die Entwicklung der Antikörper hat zuletzt einen massiven Schub bekommen. Denn nach vielversprechenden Testergebnissen nahm die US-Arzneimittelbehörde den Wirkstoff in einen beschleunigten Entwicklungsprozess auf – der englische Fachbegriff dafür lautet „fast trek“.

„Dieser ist möglich bei potenziellen Medikamenten für schwerwiegende Erkrankungen und hohem medizinischen Bedarf, etwa bei der Alzheimer-Krankheit“, erklärt Dr. Bürger.

Die sogenannten Phase-3-Studien werden nun etwa dreieinhalb Jahre dauern und könnten bereits ab 2020 in einen Zulassungsantrag münden. „Allerdings nur dann, wenn es keine unerwarteten Komplikationen gibt“, betont die Alzheimer-Spezialistin.

Nebenwirkungen gegen den Antikörper

Ihre Warnung kommt nicht von ungefähr: Denn Antikörper waren bereits vor Jahren als potenzielles Heilmittel gegen Alzheimer gehandelt worden, dann aber in wissenschaftlichen Studien gescheitert – es waren Patienten im Demenzstadium der Erkrankung mit bereits deutlich fortgeschrittenen Einschränkungen behandelt worden. Damals kristallisierte sich heraus, dass die Präparate zwar tatsächlich die Amyloidablagerungen aus den Köpfen der Patienten entfernten, aber das Fortschreiten des Krankheitsverlaufs nicht beeinflussen oder gar stoppen konnten.

Seit Jahren suchen Forscher nach einem Mittel gegen Alzheimer.

Daraus zogen die Wissenschaftler den Schluss, dass die Antikörper nur bei Patienten in einem frühen Alzheimer-Stadium Sinn machen. Und tatsächlich: Im zweiten Anlauf verzeichnete die Therapie vorzeigbare Erfolge. Die neue These lautet: Patienten in einem frühen Stadium profitieren davon, weil ihre Nervenzellen im Gehirn noch nicht so massiv geschädigt sind. 

„Deshalb prüfen wir sehr sorgfältig, ob ein Patient überhaupt für die Studie infrage kommt. Ein weiterer Grund ist, dass wir das Risiko von Nebenwirkungen so gering wie möglich halten wollen“, erläutert Dr. Bürger.

Sollte die Studie erwartungsgemäß erfolgreich verlaufen, wäre ein wesentlicher Durchbruch geschafft: Die Antikörper würden erstmals die Chance eröffnen, bei einem bestimmten Patientenkreis den Verlauf der Erkrankung zu stoppen. Bislang stehen lediglich Medikamente zur Verfügung, die das Fortschreiten der Symptome verzögern sollen. „In den zugrunde liegenden Krankheitsprozess greifen sie nicht ein“, so Dr. Bürger.

Alzheimer-Therapie: Diese Medikamente sind zugelassen

In Deutschland sind die Präparate Donepezil, Galantamin, Rivastigmin und Memantine für die Alzheimer-Therapie zugelassen. „Für diese Mittel wurde in Studien eine Wirksamkeit in den Bereichen Verbesserung der Hirnleistung, Aktivitäten des täglichen Lebens sowie des klinischen Gesamteindrucks nachgewiesen“, berichtet Dr. Bürger. „Wenn sich die Symptome nicht verstärken, dann ist das als Behandlungserfolg zu werten.“

Angesichts dieser begrenzten Therapie-Möglichkeiten sehnen die Alzheimer-Spezialisten schon lange bessere Alternativen herbei. Neben den Antikörpern haben sie weitere potenzielle Arzneistoffe im Visier: unter anderem die sogenannten Beta-Sekretase-Inhibitoren. Sie greifen – vereinfacht gesagt – in den Amyloid-Stoffwechsel ein und verhindern die Ablagerungen. „Auch dazu laufen bereits Phase-3-Studien in den USA, und bei uns geht es demnächst ebenfalls los“, berichtet Dr. Bürger. „Diese Studien sind mit großen Erwartungen verbunden, wir sind sehr gespannt auf die Ergebnisse.“

Die Therapie im Überblick

  • So sollen die neuen Antikörper-Medikamente wirken: Eigentlich sind Antikörper Bestandteile des Immunsystems, die der Körper selbst bildet – praktisch die Speerspitze unserer Abwehrkräfte. Doch die neuen Antikörper gegen Alzheimer werden künstlich im Labor hergestellt.
    „Sie sind so konstruiert, dass sie Amyloid-Plaques und ihre löslichen Vorstufen erkennen können“, erklärt Dr. Bürger. „Diese Antikörper lagern sich an das Amyloid an und signalisieren damit den Fresszellen, das Amyloid zu beseitigen. Die daran haftenden Antikörper werden ebenfalls abgeräumt. Daher müssen die Antikörper jeden Monat aufs Neue verabreicht werden. Dies geschieht in Form einer Infusion.“

Amyloid-Ablagerungen spielen bei der Entstehung von Alzheimer eine zentrale Rolle. Sie stehen offenbar im Zusammenhang mit Entzündungsprozessen, die Nervenzellen im Gehirn absterben lassen. „Wie der komplexe Untergangsprozess genau funktioniert und wo therapeutisch alternativ eingegriffen werden könnte, ist noch nicht genau erforscht“, sagt Dr. Bürger.

  • Wer von den neuen Medikamenten profitieren könnte: Bei der Vorauswahl zur Studie gilt folgende Faustregel: Geeignet könnten Patienten sein, die zwar bereits Gedächtnisstörungen haben, aber im Alltag noch gut alleine zurechtkommen. Diese potenziellen Studienteilnehmer müssen sich allerdings weiteren intensiven Untersuchungen unterziehen. Dazu gehört unter anderem ein international etablierter Standardtest zur Demenzfrüherkennung. Bei diesem sogenannten MMST-Test (englisch für Mini Mental Status Test) müssen die Patienten einen einfachen Fragebogen ausfüllen. Die Auswertung erlaubt den Ärzen Rückschlüsse auf die Hirnleistung bzw. deren Einschränkung. Außerdem werden die Patienten in der „Röhre“ durchleuchtet — und zwar mit einer Kernspin-Untersuchung und einer sogenannten Amyloid-Positronen-Emissions-Tomografie (PET). Die Amyloid-PET liefert Diagnosebilder, die zeigen, ob sich entsprechende Eiweißablagerungen im Gehirn befinden. In der Wahrnehmung des Patienten geht die Amyloid-PET ähnlich vonstatten wie eine CT- oder MRT-Untersuchung (Kernspin) mit Kontrastmittel.
  • So läuft die Studie ab: Jeweils ein Drittel der Teilnehmer erhält die neuen Medikamente in einer niedrigeren und in einer höheren Dosierung, ein weiteres Drittel bekommt ein Placebo – also eine wirkungslose Substanz. Insgesamt läuft die Behandlung über eineinhalb Jahre. Anschließend können alle Studienteilnehmer für weitere zwei Jahre das neue Medikament erhalten. Den Patienten werden die Mittel als Infusionen verabreicht, sie hängen alle vier Wochen am Tropf. Flankierend werden engmaschige Kontrolluntersuchungen vorgenommen.

Dabei achten die Mediziner insbesondere auf Nebenwirkungen. „Dazu zählen unter anderem Stürze, Kopfschmerzen und vorübergehende Schwellungen des Gehirns durch Wassereinlagerungen“, erläutert Dr. Bürger. Etwa ein Viertel bis ein Drittel der Patienten sind von Nebenwirkungen betroffen. „Deshalb sollten Patienten und ihre Angehörigen eine sorgfältige Abwägung von Risiken und Chancen der Therapie vornehmen“, betont die Großhaderner Ärztin.

Alzheimer-Studie

  • So kann man sich für eine Teilnahme an der Studie anmelden: Wer mitmachen möchte, der muss sich zur Untersuchung in der Gedächtnisambulanz anmelden (Telefon 089/ 4400-46046; montags bis donnerstags 8 bis 16 Uhr sowie freitags 8 bis 14 Uhr). 

„Die Voruntersuchung ist sehr aufwendig und dauert etwa drei Tage. Dabei kristallisiert sich erfahrungsgemäß nur etwa jeder Fünfte als geeignet heraus“, berichtet Dr. Bürger. 

Die Alzheimer-Spezialistin warnt zudem davor, Gedächtnisprobleme von vornherein als Symptom einer Demenzerkrankung zu interpretieren. „Sie können auch andere Ursachen haben, etwa psychische Erkrankungen wie Depressionen und sogar Schlafapnoe oder übermäßigen Alkoholkonsum.“

Alzheimer: Die wichtigsten Fakten

  • Alzheimer ist eine bislang unheilbare Gehirnerkrankung. Zellen bestimmter Gehirnregionen funktionieren zunächst nicht mehr und sterben schließlich ab. Die Alzheimer-Krankheit ist die am weitesten verbreitete Ursache einer Demenz – circa zwei Drittel aller Demenzen sind Alzheimer.
  • Etwa 70 Prozent aller Demenz-Kranken werden zu Hause von Angehörigen gepflegt.
  • Zu den Symptomen der Alzheimer-Krankheit gehören unter anderem Gedächtnisverlust, Orientierungsprobleme, Verlust der Sprachfähigkeit und des Urteilsvermögens, Veränderungen der Persönlichkeit sowie Stimmungsschwankungen.
  • Schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen leiden in Deutschland an der Alzheimer-Krankheit. Bis zum Jahr 2030 wird sich diese Zahl aufgrund der ansteigenden Lebenserwartung auf 2,3 Millionen erhöhen.
  • Jedes Jahr erkranken etwa 200.000 Menschen neu. 95 Prozent der Betroffenen sind jenseits des 65. Lebensjahres.
  • Die durchschnittliche Krankheitsdauer beträgt sieben Jahre ab Diagnose.

Quelle: Alzheimer Forschung Initiative e. V.

Prominente, die ihr Gedächtnis verloren 

Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) am Uniklinikum Großhadern.

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