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Alzheimer: Neue Medikamente in Sicht

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Von: Andreas Beez

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Uniklinik Leipzig - Alzheimer-Forschung
In Deutschland leiden 1,2 Millionen Menschen an Alzheimer. Und die Angst vor der unheilbaren Gehirnerkrankung wächst. Bislang gilt Alzheimer als unheilbar. © dpa

Im Kampf gegen Alzheimer zeichnet sich ein Hoffnungsschimmer am Horizont ab. So sind neue Medikamente in Sicht, die die Volkskrankheit womöglich tatsächlich aufhalten können – zumindest bei Patienten in einem frühen Stadium.

Die Mittel auf der Basis von Antikörpern sollen das Absterben von Nervenzellen im Gehirn stoppen. Sie durchlaufen derzeit eine entscheidende Testphase. Ihre Wirkung wird in sogenannten Phase-3-Studien erprobt. Das ist praktisch die letzte große Hürde, bevor die Pharmafirmen bei den Aufsichtsbehörden die Zulassung beantragen können. 

Auch in München werden bereits erste Alzheimer-Patienten behandelt. Wie die Medikamente wirken und die wissenschaftlichen Studien ablaufen sollen, erklärt die Leiterin der Gedächtnisambulanz am Uniklinikum Großhadern, Privatdozentin Dr. Katharina Bürger.

Antikörper Aducanumab gegen Alzheimer

Gleich mehrere Biotechnologie-Konzerne treiben derzeit die Entwicklung von Antikörpern gegen Alzheimer voran – darunter auch Der US-Riese Biogen. Dessen Wirkstoff Aducanumab wird auch am Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) am Uniklinikum Großhadern getestet. Nach einigen Verzögerungen haben zwei internationale

Privatdozentin Dr. Katharina Bürger, die Leiterin der Gedächtnisambulanz am Uniklinikum Großhadern.
Privatdozentin Dr. Katharina Bürger. © privat

Großstudien im vergangenen Herbst endlich begonnen.
„Wir haben bereits sieben Patienten aufgenommen“, berichtet Privatdozentin Dr. Katharina Bürger, die Leiterin der Gedächtnisambulanz am Uniklinikum Großhadern. Weltweit wollen insgesamt etwa 300 Studienzentren mitmachen und insgesamt etwa 2700 Patienten einbeziehen.

Die Entwicklung der Antikörper hat zuletzt einen massiven Schub bekommen. Denn nach vielversprechenden Testergebnissen nahm die US-Arzneimittelbehörde den Wirkstoff in einen beschleunigten Entwicklungsprozess auf – der englische Fachbegriff dafür lautet „fast trek“.

„Dieser ist möglich bei potenziellen Medikamenten für schwerwiegende Erkrankungen und hohem medizinischen Bedarf, etwa bei der Alzheimer-Krankheit“, erklärt Dr. Bürger.

Die sogenannten Phase-3-Studien werden nun etwa dreieinhalb Jahre dauern und könnten bereits ab 2020 in einen Zulassungsantrag münden. „Allerdings nur dann, wenn es keine unerwarteten Komplikationen gibt“, betont die Alzheimer-Spezialistin.

Nebenwirkungen gegen den Antikörper

Ihre Warnung kommt nicht von ungefähr: Denn Antikörper waren bereits vor Jahren als potenzielles Heilmittel gegen Alzheimer gehandelt worden, dann aber in wissenschaftlichen Studien gescheitert – es waren Patienten im Demenzstadium der Erkrankung mit bereits deutlich fortgeschrittenen Einschränkungen behandelt worden. Damals kristallisierte sich heraus, dass die Präparate zwar tatsächlich die Amyloidablagerungen aus den Köpfen der Patienten entfernten, aber das Fortschreiten des Krankheitsverlaufs nicht beeinflussen oder gar stoppen konnten.

Im Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung am Uniklinikum Großhadern forschen renommierte Wissenschaftler zum Thema Alzheimer.
Seit Jahren suchen Forscher nach einem Mittel gegen Alzheimer. © Marcus Schlaf

Daraus zogen die Wissenschaftler den Schluss, dass die Antikörper nur bei Patienten in einem frühen Alzheimer-Stadium Sinn machen. Und tatsächlich: Im zweiten Anlauf verzeichnete die Therapie vorzeigbare Erfolge. Die neue These lautet: Patienten in einem frühen Stadium profitieren davon, weil ihre Nervenzellen im Gehirn noch nicht so massiv geschädigt sind. 

„Deshalb prüfen wir sehr sorgfältig, ob ein Patient überhaupt für die Studie infrage kommt. Ein weiterer Grund ist, dass wir das Risiko von Nebenwirkungen so gering wie möglich halten wollen“, erläutert Dr. Bürger.

Sollte die Studie erwartungsgemäß erfolgreich verlaufen, wäre ein wesentlicher Durchbruch geschafft: Die Antikörper würden erstmals die Chance eröffnen, bei einem bestimmten Patientenkreis den Verlauf der Erkrankung zu stoppen. Bislang stehen lediglich Medikamente zur Verfügung, die das Fortschreiten der Symptome verzögern sollen. „In den zugrunde liegenden Krankheitsprozess greifen sie nicht ein“, so Dr. Bürger.

Alzheimer-Therapie: Diese Medikamente sind zugelassen

In Deutschland sind die Präparate Donepezil, Galantamin, Rivastigmin und Memantine für die Alzheimer-Therapie zugelassen. „Für diese Mittel wurde in Studien eine Wirksamkeit in den Bereichen Verbesserung der Hirnleistung, Aktivitäten des täglichen Lebens sowie des klinischen Gesamteindrucks nachgewiesen“, berichtet Dr. Bürger. „Wenn sich die Symptome nicht verstärken, dann ist das als Behandlungserfolg zu werten.“

Angesichts dieser begrenzten Therapie-Möglichkeiten sehnen die Alzheimer-Spezialisten schon lange bessere Alternativen herbei. Neben den Antikörpern haben sie weitere potenzielle Arzneistoffe im Visier: unter anderem die sogenannten Beta-Sekretase-Inhibitoren. Sie greifen – vereinfacht gesagt – in den Amyloid-Stoffwechsel ein und verhindern die Ablagerungen. „Auch dazu laufen bereits Phase-3-Studien in den USA, und bei uns geht es demnächst ebenfalls los“, berichtet Dr. Bürger. „Diese Studien sind mit großen Erwartungen verbunden, wir sind sehr gespannt auf die Ergebnisse.“

Die Therapie im Überblick

Amyloid-Ablagerungen spielen bei der Entstehung von Alzheimer eine zentrale Rolle. Sie stehen offenbar im Zusammenhang mit Entzündungsprozessen, die Nervenzellen im Gehirn absterben lassen. „Wie der komplexe Untergangsprozess genau funktioniert und wo therapeutisch alternativ eingegriffen werden könnte, ist noch nicht genau erforscht“, sagt Dr. Bürger.

Dabei achten die Mediziner insbesondere auf Nebenwirkungen. „Dazu zählen unter anderem Stürze, Kopfschmerzen und vorübergehende Schwellungen des Gehirns durch Wassereinlagerungen“, erläutert Dr. Bürger. Etwa ein Viertel bis ein Drittel der Patienten sind von Nebenwirkungen betroffen. „Deshalb sollten Patienten und ihre Angehörigen eine sorgfältige Abwägung von Risiken und Chancen der Therapie vornehmen“, betont die Großhaderner Ärztin.

Alzheimer-Studie

„Die Voruntersuchung ist sehr aufwendig und dauert etwa drei Tage. Dabei kristallisiert sich erfahrungsgemäß nur etwa jeder Fünfte als geeignet heraus“, berichtet Dr. Bürger. 

Die Alzheimer-Spezialistin warnt zudem davor, Gedächtnisprobleme von vornherein als Symptom einer Demenzerkrankung zu interpretieren. „Sie können auch andere Ursachen haben, etwa psychische Erkrankungen wie Depressionen und sogar Schlafapnoe oder übermäßigen Alkoholkonsum.“

Alzheimer: Die wichtigsten Fakten

Quelle: Alzheimer Forschung Initiative e. V.

Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) am Uniklinikum Großhadern
Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) am Uniklinikum Großhadern. © Marcus Schlaf

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