+
1,3 Millionen Deutsche leiden an ­Demenz – Münchner Forscher haben jetzt ein Frühwarnsystem entdeckt. 

Frühwarnsystem gefunden

Alzheimer: Münchner Forscher entdecken Alarmsignale

  • schließen

München - Im Kampf gegen Alzheimer haben Münchner Forscher eine zukunftsweisende Entdeckung gemacht: Alarmsignale, die sich mehrere Jahre vor Ausbruch der Krankheit feststellen lassen. 

Die Forscher konnten – vereinfacht ausgedrückt – bestimmte Laborwerte ermitteln, die bereits etwa sieben Jahre vor Ausbruch der Symptome auf die Entstehung der Erkrankung hinweisen. Praktisch wie messbare Alarmsignale. Das Wissen über diese Werte soll nun als Schlüssel zur Entwicklung eines Frühwarnsystems vor Demenz dienen – und möglicherweise auch neue Behandlungsansätze ermöglichen.

Die spektakulären Erkenntnisse stammen aus dem Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) in Großhadern. Hier forschen seit eineinhalb Jahren hochkarätige Wissenschaftler des Uniklinikums und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) unter einem Dach. Dabei haben die Experten um Professor Dr. Michael Ewers und Professor Dr. Christian Haass unter anderem einen speziellen Eiweißstoff namens TREM2 im Visier. „Dieses Protein wird von den Fresszellen des Gehirns abgegeben und lässt damit Rückschlüsse auf eine erhöhte Aktivität des Immunsystems zu. Das Eiweiß ist zentral für die Immunabwehr im Gehirn verantwortlich“, erläutert Professor Ewers im tz-Gespräch.

Alle Hinweise der Wissenschaftler sprechen dafür, dass das Immunsystem Entzündungsreaktionen im Gehirn bekämpft. Sie gelten neben der Bildung von sogenannten Amyloid-Ablagerungen an den Nervenzellen – umgangssprachlich Eiweißplaques genannt – als Auslöser bzw. Vorläufer von Demenzerkrankungen.

„Die Aktivität der Fresszellen wird durch sterbende Hirnzellen stimuliert“, erläutert Professor Haass. „Die Fresszellen haben möglicherweise eine Schutzfunktion, die jedoch im Zuge der Erkrankung zum Erliegen kommt. Wir forschen deshalb an Wirkstoffen, um die Aktivität der Fresszellen zu erhöhen.“

Bislang kann Alzheimer nicht geheilt werden

Nun stehen die Wissenschaftler vor der Herausforderung, ihre Erkenntnisse in praktisch nutzbare Diagnose- und Behandlungsmethoden umzumünzen. „Ein wichtiges Ziel ist die Entwicklung eines neuen Ansatzes zur frühzeitigen Behandlung der Entzündungsprozesse“, berichtet Professor Ewers. Ob dies letztlich gelingt und wie lange es dauert, vermag der Experte allerdings nicht abzusehen.

Bislang stehen den Ärzten noch keine Medikamente zur Verfügung, um Alzheimer zu heilen. Die gängigen Mittel können allenfalls die Symptome lindern. So gibt es in Deutschland nur vier Medikamente, die speziell für die Behandlung von Alzheimer zugelassen sind: Donepezil, Galantamin, Rivastigmin und Memantine. „Für diese Mittel wurde in Studien eine Wirksamkeit in den Bereichen Verbesserung der Hirnleistung, Aktivitäten des täglichen Lebens sowie des klinischen Gesamteindrucks nachgewiesen“, so die Alzheimer-Spezialistin Dr. Katharina Bürger. In einem großen tz-Interview hat die Oberärztin und Leiterin der Großhaderner Gedächtnisambulanz über die Wirkung der verfügbaren Medikamente informiert.

Donepezil, Galantamin und Rivastigmin gehören zur Gruppe der Cholinesterasehemmer, Memantine ist ein Glutamatmodulator. Die Präparate sollen durch bestimmte biochemische Prozesse die noch vorhandenen Nervenzellen stärken – mit dem Ziel, dass sich ihre Funktion, insbesondere der Informationsaustausch untereinander, wieder verbessert.

Medikamente sollen die Lebensqualität verbessern

Auf diese Weise sollen das Gedächtnis des Patienten stabilisiert und seine Selbstständigkeit im Alltag länger erhalten bleiben. „Wenn sich die Symptome nicht verstärken, ist das als Behandlungserfolg zu werten“, so Dr. Bürger.

Unterm Strich zielen alle Präparate darauf ab, Jahre mit guter Lebensqualität zu gewinnen. Den Untergang der Nervenzellen können Donepezil, Galantamin, Rivastigmin und Memantine nicht verhindern, ebenso wenig befallene Hirnareale reparieren.

Die Mittel werden in der Regel als Tabletten oder Kapseln eingenommen, wesentlich seltener als Wirkstoff-Pflaster verwendet. Wie lange sie etwas bringen, lässt sich nur relativ vage einschätzen – das hängt vom Einzelfall ab und vor allem von dem Stadium, in dem der Patient mit der Behandlung beginnt. „Es ist bekannt, dass die Therapie möglichst früh einsetzen und Behandlungspausen vermieden werden sollten“, berichtet Dr. Bürger. Die Hersteller der Präparate sprechen von einer erfolgversprechenden Anwendung bei leichter bis mittlerer Demenz.

Allerdings können die Mittel auch Beschwerden verursachen, etwa Übelkeit, Erbrechen, Schwindel oder Durchfall. Auch Magen-Darm-Beschwerden kommen mitunter vor. Alles in allem gelten die Nebenwirkungen jedoch als beherrschbar.

Alzheimer - die Krankheit des Vergessens  

Alzheimer: Die sechs wichtigsten Warnsignale

Die Zahlen sind beängstigend: In Deutschland leiden aktuell mehr als 1,3 Millionen Menschen unter einer Demenzerkrankung, bis 2050 wird ein Anstieg auf 2,6 Millionen prognostiziert. Gut 700 000 der aktuell Betroffenen leiden unter Morbus Alzheimer. Der Patient durchläuft hierbei drei Stadien (siehe Grafik). Die tz erklärt sechs wichtige Warnsymptome des Leidens:

Vergesslichkeit: Jeder Mensch wird im Alter vergesslich. Nur gibt es hier entscheidende Unterschiede. Ein zerstreuter Mensch vergisst mal den Topf auf dem Herd. Der Alzheimer-Erkrankte vergisst den Topf – und auch, dass er überhaupt kochen wollte.

Sprachprobleme: Erkrankten fallen oft einfache Worte nicht mehr ein. Von einer Sekunde auf die andere. Egal, wie lange sie versuchen, sich zu konzentrieren. Sie beginnen daher oftmals zu stottern.

Gleichgültigkeit: Alzheimer-Patienten verlieren oft jegliche Lust an Aktivitäten. Selbst das jahrelange Hobby ist plötzlich völlig uninteressant.

Liegenlassen von Gegenständen: Jeder Mensch hat schon einmal seinen Geldbeutel verlegt. Alzheimer-Patienten aber legen beispielsweise den Schlüsselbund in den Kühlschrank oder das Buch in die Tiefkühle. Sie können nicht mehr assozieren, wo welcher Gegenstand eigentlich aufbewahrt wird.

Orientierungslosigkeit: Bei Kranken im fortgeschrittenen Stadium ist oft zu beobachten, dass diese plötzlich den Weg vom Supermarkt nicht mehr nach Hause wissen. Dies kann soweit führen, dass sie sich gar in der eigenen Wohnung verloren fühlen.

Persönlichkeitsveränderung: Jeder Mensch verändert sich natürlich im Alter. Erkrankte werden aber oft sehr aggressiv oder auch extrem ängstlich.

Prominente, die ihr Gedächtnis verloren 

Andreas Beez

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Ritalin für Erwachsene: Wenn der Vorhang verschwindet
Nicht nur Kinder leiden an ADHS, auch Erwachsene bekommen Medikamente gegen Aufmerksamkeitsstörungen verschrieben. Vielen verhelfe das Medikament zu einem besseren …
Ritalin für Erwachsene: Wenn der Vorhang verschwindet
Resilienz: So trainiert man die eigene Widerstandskraft
Manche Menschen wirft nichts aus der Bahn. Von Natur aus gegeben ist das nicht. Wer sich also bei Krisen am liebsten tot stellt und so nicht weiterkommt, sollte sich ein …
Resilienz: So trainiert man die eigene Widerstandskraft
Broken-Heart-Syndrom: Wenn das Herz aus dem Takt gerät
Manchen Menschen schlägt Stress im wahrsten Sinne des Wortes aufs Herz. Sie reagieren mit Beschwerden, die denen bei einem Herzinfarkt gleichen. Das vor etwas mehr als …
Broken-Heart-Syndrom: Wenn das Herz aus dem Takt gerät
25 Jahre Feldversuch: Bewegung hält jung
Vor 25 Jahren fing alles an: Forscher der Karlsruher Universität begannen mit einer einmaligen Langzeitstudie zu Gesundheit und Bewegung. Viermal werteten sie die …
25 Jahre Feldversuch: Bewegung hält jung

Kommentare