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Dr Eichenseers Rezepte gegen Patientenängste: Bunte Kleidung, sanfte Diagnosen und viel Beratung.

Elf Prozent der Deutschen leiden unter einer Dentalphobie

So nimmt ein Zahnarzt seinen Patienten die Angst

München - Elf Prozent aller Deutschen leiden unter regelrechten Ängsten, wenn sie zum Zahnarzt gehen. Wir sprachen mit einem Arzt, der dagegen vorgehen will.

Zum Arzt geht man, um gesund zu werden. Beim Zahnarzt jedoch werden viele Menschen richtig krank! Drei von vier Menschen fürchten sich vor dem Zahnarzt. Das belegen mehrere Studien. Elf Prozent der Deutschen leiden sogar unter einer Dentalphobie: Krankhafte Angst vorm Zahnarzt äußert sich mit Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Atemnot, Engegefühlen in der Brust, Schwindel, Übelkeit, verstärktem Würgereiz und Ohnmachtsneigung. Allein die Gedanken an einen surrenden Bohrer, den typischen Geruch der Praxis und das Gefühl, hilflos im Stuhl zu liegen, reichen aus, um den Herzschlag zu beschleunigen. 

Die Folgen sind gravierend: Menschen mit Angst vorm Zahnarzt versäumen Termine. Zahn- und Zahnfleischerkrankungen betäuben sie mit Schmerzmitteln, anstatt sich behandeln zu lassen. Sie haben ein erhöhtes Risiko für Zahnverlust. Schlechte Mundhygiene führt zu sozialem Rückzug und Isolation. Die tz sprach mit Dr. Johann Eichenseer, der in seinen Praxen in München auch am frühen Morgen sowie am Abend und an den Wochenenden Termine anbietet. Er sieht viele Angstpatienten, die schon lange nicht mehr beim Zahnarzt waren und es jetzt vor Schmerzen nicht mehr aushalten. Was kann der Arzt tun, damit sich der Patient wohler fühlt und eine Behandlung im Mund erträgt?

Haben Sie Angst vorm Zahnarzt?

Dr. Johann Eichenseer: Natürlich fühle auch ich mich unwohl auf dem Behandlungsstuhl, das ist keine schöne Situation. Und natürlich bin ich auch Patient bei Ärzten und kenne das Gefühl, wenn das Herz zu klopfen beginnt und der Blutdruck vor Nervosität ansteigt. Gerade dieses selbst Erleben ist so wichtig für das Mitgefühl mit meinen Patienten. Ich sage zu meinem Team immer: Überlegt, wie Ihr als Patienten behandelt werden wollt, und genauso behandeln wir unsere Patienten. Wenn also jemand kommt, der große Angst hat, dann wird er bei uns nicht geschimpft, weil er vielleicht länger nicht beim Zahnarzt war. Für diesen Menschen ist es eine große Leistung, in die Praxis gekommen zu sein, sich auf den Behandlungsstuhl zu setzen und mit uns über seine Probleme zu sprechen. Diese Leistung erkennen wir an. Wenn jemand während der Behandlung sagt, ich kann nicht mehr, dann machen wir eine Pause, oder wir machen einen neuen Termin aus. Der Patient soll sich bei uns nicht ausgeliefert fühlen. Wir vereinbaren ein Zeichen, meist wird der Arm gehoben, und dann höre ich sofort auf zu arbeiten. Ich selbst habe noch Zahnärzte erlebt, die einfach weitergebohrt haben, egal wie es dem Patienten ging. Das ist falsch und das machen wir nicht. Bei uns bestimmt der Patient, wann er genug hat.

Woher kommen die Ängste vorm Zahnarzt?

Eichenseer: Sehr häufig sind es schlechte Erfahrungen in der Kindheit mit Zahnärzten oder was immer mehr wird: Viele haben Angst, dass sie sich eine Zahnbehandlung nicht leisten können. Die Folgen sind nahezu identisch: Diese Menschen warten sehr lange mit der Behandlung, kommen erst, wenn sie die Schmerzen nicht mehr aushalten. Dann muss meistens auch wirklich viel gemacht werden. In Deutschland besteht zudem ein großes Schamgefühl, man redet nicht über Zahnprobleme, man schämt sich. Und Scham und Angst verstärken sich leider.

Welche Auslöser von Ängsten können Sie vermeiden?

Eichenseer: Die Farbe Weiß wird mit Ärzten assoziiert und daher häufig mit Schmerzen in Verbindung gebracht, alle Arztbehandlungen können auch schmerzhaft sein. Wir verzichten auf die Farbe Weiß. Unsere Praxen und Kliniken sind bunt, die Wartezimmer sind ungewöhnlich gestaltet, sie sollen die Patienten auf andere Gedanken bringen. Ärzte und Assistenten tragen blaue und orangene Kleidung. Der typische Zahnarztgeruch ist ein Auslöser, auch den vermeiden wir, ebenso wie bestimmte Geräusche, z. B. dieses hohe Pfeifen und Surren des Bohrers.

Hilft es, eine Vertrauensperson mitzunehmen?

Eichenseer: Wenn der derjenige tatsächlich ruhig bleibt und Mut machen kann, ist das sehr gut. Ich habe jedoch schon Begleitpersonen erlebt, die deutlich nervöser waren als der Patient, oder sie sind sogar in Ohnmacht gefallen. Dabei hatte die Person auf dem Stuhl gar kein Problem. Bei Mutter-Kind-Beziehungen ist es häufig etwas problematisch. Kinder spüren die Angst der Eltern eins zu eins.

Sie schimpfen Ihre Patienten wirklich nie?

Auch fantasievolle Wartezimmer entspannen die Patienten.

Eichenseer: Nein, die Vergangenheit ist uninteressant, wichtig ist, was ich in der Gegenwart tun kann, damit es meinem Patienten zukünftig besser geht. Ich finde es beklemmend, auf wie viel Lebensqualität diese Menschen verzichten. Der Patient nimmt zunächst Platz, wir reden unverbindlich. Wir machen eine sanfte Diagnostik mit Kameras und 3-D-Röntgen. Mit diesen Bildern klären wir – immer noch unverbindlich –, was gemacht werden könnte bzw. sollte. Mir ist wichtig, dass sich der Patient alles vorstellen kann, mich wirklich versteht. Denn nur dann kann er die Informationen verarbeiten, Verständnis ist ein Teil der Angstbewältigung.

Wie nehmen Sie die Angst vor den Kosten der Behandlung?

Eichenseer: Dieser Punkt setzt tatsächlich viele Menschen unter Druck. Einer 50-jährigen Patientin war bei einem Unfall der Schneidezahn abgebrochen. Sie lebte mit einem Provisorium, weil sie sich den Ersatz nicht leisten konnte. Wir stellen fest, dass ein Drittel unserer Patienten aus finanziellen Gründen Angst vorm Zahnarzt hat. Diese Menschen leiden extrem. Wir versuchen in unseren Kliniken gegen diesen Trend zu arbeiten. Wir bieten eine Grundversorgung mit hochwertigen Füllungen ohne Zuzahlungen an. Wenn extra Kosten entstehen, halten wir diese so niedrig wie möglich, alles kann in Raten bezahlt werden, auch z. B. Implantate. Wir sind ein Verbund von Tageskliniken, wir haben andere Kostenstrukturen, können Preise günstiger kalkulieren. Mein Ziel ist es, hochwertige Medizin zu günstigen Preisen anzubieten.

Von Spritzen bis Vollnarkose – so spürt der Patient keine Schmerzen

Wenn nach der Diagnose feststeht, welche Behandlung nötig ist, wird mit dem Patienten besprochen, welche Schmerzbehandlung für ihn in Frage kommt. Dr. Eichenseer weiß: „Die Schmerzgrenze ist nicht überall gleich: Auf dem Zahnarztstuhl sind die Menschen deutlich empfindlicher als sagen wir in der Disco.“ Und selbst vor manchen schmerzlindernden Methoden gibt es Bedenken, so z.B. vor Zahnarztspritzen, denn das Pieksen in Gaumen und Zahnfleisch selbst ist recht schmerzhaft. Dr. Eichenseer selbst wendet diese Art der Betäubung nicht an, er nimmt eine andere Technik: die Druckspritze. Dabei wird zwischen Zahn und Knochen ein Druck aufgebaut, der den Nerven betäubt, mit der feinsten technisch herstellbaren Nadel wird dann das Betäubungsmittel dort hineingegeben. Der Zahnarzt: „Diese Spritze tut nicht weh, der Patient ist sofort komplett schmerzfrei. Das reduziert die Behandlungszeit. Und hinterher hat er kein pelziges oder taubes Gefühl im Mund.“ Diese Spritzentechnik wird von allen Krankenkassen gezahlt, aber leider nur von der Hälfte der Ärzte angewendet. Warum? „Ich weiß es nicht“, sagt Dr. Eichenseer: „Ich sehe nur Vorteile.“

Ist eine Spritze jedoch nicht genug, stehen Ko-Tropfen (Dormicum), Teilnarkosen oder sogar Vollnarkosen unter ständiger Aufsicht eines Narkosearztes zur Verfügung. Letztlich entscheidet der Patient. Narkosen jedoch sind für den Organismus belastend, der Zahnarzt schlägt daher häufig einen Kompromiss vor: „Wir beginnen mit einer Betäubung und wenn der Patient dann sagt, er hält es nicht mehr aus, unterbrechen wir, legen ihn in Vollnarkose und beenden die Behandlung. Das ist fast immer problemlos möglich.“ Auch Hypnose bietet er seinen Patienten an. Dr. Eichenseer: „Ich habe eine spezielle Ausbildung absolviert und es ist wirklich erstaunlich, wie man sehr vielen Patienten damit helfen kann. Sie spüren nicht einmal, wenn man ihnen einen Zahn zieht. Das ist tatsächlich so, aber man muss es wohl gesehen haben, um es zu glauben.“

Dr. Johann Eichenseer hat einen Verbund zahnärztlicher Tageskliniken gegründet. Er besitzt mittlerweile acht Praxen in sieben Städten, darunter zwei in München. Sein Team besteht aus 50 Zahnärzten und Chirurgen, sowie rund 250 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Weitere Infos gibt es hier

S.Stockmann

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