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AOK-Chef Helmut Platzer kritisiert die Haltung der Hausärzte.

Interview mit Helmut Platzer

AOK-Chef: Ärzte wollen zu viel

München - Die AOK Bayern streitet seit Monaten mit dem Hausärzteverband über einen neuen Hausarzt-Vertrag – ohne Aussicht auf Einigung. Im Merkur-Interview erklärt Bayerns AOK-Chef Helmut Platzer die Lage.

Herr Platzer, Sie haben eine Front aus Hausärzten und Politik gegen sich. Warum bleiben Sie hart?

Wir sprechen hier über einen Schiedsspruch, der wichtige Inhalte nicht regelt und deshalb nicht umsetzbar ist. Es gibt vor allem keine ausformulierte Vergütungsregelung, die besagt, wie viel die AOK den Ärzten zahlen muss. Was im Schiedsspruch steht, ist, als würde Ihnen ein Bäcker sagen: Was ich Ihnen gebe, entscheide ich, was ich berechne, machen wir später aus.

Ist es nicht so, dass wir eine bessere Honorierung der Ärzte brauchen, um die Versorgung zu sichern?

Selbst wenn das so wäre, wäre es nicht Gegenstand der hausarztzentrierten Versorgung. Es geht nicht darum, an die alten Leistungen der Ärzte neue Preisschilder zu kleben, sondern die Qualität für die Patienten zu verbessern.

Die AOK war Vorreiter bei Hausarzt-Verträgen...

Speziell die AOK Bayern hat solche Verträge 2005 eingeführt, lange bevor sie gesetzlich vorgeschrieben wurden. Am Anfang hat das sehr gut funktioniert, weil wir zwei Verträge hatten: einen mit der Kassenärztlichen Vereinigung und einen mit dem Hausärzteverband. Seit der Hausärzteverband das Monopol hat, stehen die Verhandlungen nur noch unter einer Überschrift: mehr Honorar für die Ärzte.

Sie sagen also: Die Ärzte haben schon genug.

Wegen der geflossenen Zusatzhonorare müssten wir hier jetzt schon paradiesische Zustände haben. Seit 2008 hat die AOK Bayern 1,2 Milliarden Euro zusätzlich an die Hausärzte überwiesen. Jeder teilnehmende Arzt bekommt im Schnitt 34 000 Euro pro Jahr obendrauf. Das ist mehr als der durchschnittliche AOK-Versicherte im Jahr verdient. Der Schiedsspruch würde, in der Interpretation des Hausärzteverbands, eine Verdoppelung bewirken. Unser Angebot lautet: zehn Prozent mehr, das wären also 38 000 Euro zusätzlich. Die Erwartung des Hausärzteverbands liegt offenbar weit darüber.

Warum ist das Honorar hier so viel höher als in anderen Bundesländern?

Das hat sich über die Jahre so entwickelt. Bisher konnten wir immerhin auf eine Ausgaben-Obergrenze vertrauen. Jetzt sagen die Hausärzte, im Schiedsspruch sei keine Gesamtdeckelung vorgesehen. Die Zeche müssten am Ende unsere 4,3 Millionen Versicherten zahlen, darunter die 3,7 Millionen ohne Hausarzt-Vertrag.

Die Möglichkeit einer Fusion steht im Raum. Wie ernst ist die Situation?

Wenn die Spreizung der Beitragssätze zwischen den AOKen steigt, wird man wieder über eine Bundes-AOK diskutieren. Damit würde man zwar kein Problem lösen, aber Strukturprobleme verschleiern. Das kann nicht in Bayerns Interesse sein. Es würde die Möglichkeit verlieren, Einfluss auf die Gesundheitspolitik im Bund zu nehmen.

Wie geht es weiter – ziehen Sie vor Gericht?

Der Verwaltungsrat wird über das Beratungsschreiben von Ministerin Huml sprechen und ihr antworten. Je nachdem, wie die Reaktion ausfällt, müssen wir sehen, welche Schritte in Betracht kommen.

Was passiert bis dahin mit dem Schiedsspruch?

Direkt umsetzen können wir ihn, wie gesagt, nicht. Es wird aber keinen vertragslosen Zustand geben. Es bleibt dabei: Wir sind bereit, auf die bisherigen Zahlungen zehn Prozent draufzulegen, mehr geht nicht. Wir müssen konkurrenzfähig bleiben. Und diese Konkurrenzfähigkeit ist bedroht.

Was heißt der Status quo für Ihre Versicherten?

Für die 530 000 Mitglieder, die im Hausarztvertrag eingeschrieben sind, fließt weiterhin die zusätzliche Vergütung. Ansonsten kann jeder mit seiner Gesundheitskarte jederzeit einen Hausarzt seiner Wahl aufsuchen.

Das Interview führten Marcus Mäckler und Mike Schier.

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