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Wie chronische Zahnfleischentzündungen den ganzen Körper krank machen. 

Mund gesund – Mensch gesund

So gefährlich sind Zahnfleischentzündungen

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Als ihr Lieblingspatient diesmal auf dem Zahnarztstuhl Platz nahm, erlebte Dr. Beatrix Lenz eine Überraschung – zum ersten Mal seit 30 Jahren plagten den Mann heftige Schmerzen. Was war passiert?

Er hatte sich verliebt, geheiratet und sich bei seiner Ehefrau mit dem aggressivsten Erreger für Zahnfleischentzündungen angesteckt. Dieser Keim – mit dem unangenehmen Namen Aggregatibacter actinomycetemcomitans – hatte den Kieferknochen angegriffen und Zähne gelockert. Patient und Ehefrau wurden mit verschiedenen Lasertechniken behandelt, bis alle Bakterien abgetötet waren. Die Behandlung mit dem gebündelten Licht hatte eine erfreuliche Nebenwirkung: Die knochenbildenden Zellen um die Zähne wurden angeregt und ließen den Kieferknochen wieder wachsen. „Für mich ist es ein Wunder, dass wir den Knochenschwund nicht nur aufhalten, sondern jetzt auch rückgängig machen können“, sagt Dr. Beatrix Lenz aus München.

Warum ist die Mundgesundheit so wichtig?

Dr. Beatrix Lenz: Man weiß schon seit Langem, dass die ständige Entzündungssituation im Mund den ganzen Körper krank machen kann. Die Bakterien selbst wandern aus der Mundhöhle in die Gefäße, sorgen dort für Entzündungen und sind ein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere Leiden. Gewisse Stoffwechselprodukte von Bakterien z. B. sind mit eine Ursache für Rheumatische Arthritis. Rheuma-Patienten können durch eine effektive Parodontitis-Behandlung eine Verbesserung ihres Krankheitsbildes erreichen. Schon Lange gibt es den Rat an Rheuma-Patienten, regelmäßig zum Zahnarzt zu gehen. Herz-Rhythmus-Probleme lassen nach, ebenso wie ein Diabetes besser einstellbar wird. Denn die Bakterien irritieren einfach bestimmte Vorgänge im Körper und versetzen das ganze Immunsystem in einen Alarmzustand.

Umgekehrt: Wenn der Mund gesund ist, dann ist auch der Mensch gesund?

Lenz: Absolut. Und ich glaube, dass wir in den nächsten Jahren noch viel mehr über diese Zusammenhänge lernen werden. Aktuell gibt es große Forschungen im Bereich der Fruchtbarkeit von Männern und Frauen. So steht z. B. ein Keim, den man bisher für nicht ganz so gefährlich gehalten hat, im Verdacht, Schwangerschaftsdiabetes mit auszulösen.

Was sind beim Lasern die Unterschiede zu einer normalen Pardontitis-Behandlung?

Lenz: Bei einer normalen Paradontitis-Behandlung werden die Ablagerungen aus den Zahnfleischtaschen mit Scalern und Küretten entfernt, man kommt so circa fünf bis sechs Millimeter tief. Damit kann man eine Parodontitis aufhalten, aber nicht heilen. Zudem geht man nicht gegen die Bakterien vor. Die Erreger sitzen nämlich nicht auf, sondern etwa 0,3 bis 0,5 Millimeter in der ersten Hautschicht tief in den Zahnfleischtaschen. Sie verstecken sich da. Auch wir machen eine normale Kürettage der Zahnfleischtaschen, aber zusätzlich kommen bei uns zwei Lasersysteme zum Einsatz. Diese wirken mit einer Eindringtiefe von bis zu einen Millimeter tief im Gewebe. Zusätzlich kann man mit dem Laser viel tiefere Zahnfleischtaschen behandeln und vor allem auch bei aggressiven Bakterien ohne den Einsatz von auch für die Allgemeingesundheit schädlichen Antibiotika. Dadurch können wir auch dort die Keime zerstören und letztlich die Paradontitis wirklich heilen.

Wie sieht die Behandlung konkret aus?

Die Münchner Laserzahnärztin Dr. Beatrix Lenz bei der Behandlung.

Lenz: Neben der üblichen Diagnostik findet eine Bestimmung der Bakterien in der Mundhöhle statt. Wenn wir wissen, was wir bekämpfen müssen, können wir planen, welche Laser und welche Methoden zum Einsatz kommen. Denn die Kombination von Lasern verschiedener Wellenlängen und Eindringtiefen bringt die besten Ergebnisse. Zusätzlich können wir bei Bedarf mithilfe eines laseraktivierten Farbstoffes die desinfizierende Wirkung der Behandlung auch gegen Pilze und Viren verstärken. Für eine normale Paradontitis-Behandlung kommt der Patient dreimal zu uns in die Praxis, jeweils im Abstand von ein bis zwei Wochen. In der ersten Sitzung töten wir mit einem Dioden-Laser die aggressiven Bakterien ab. Der Laser, der u. a. im dunklen Gewebe wirkt, zerstört dabei die Zelloberfläche der meist dunkel pigmentierten Bakterien. Wir säubern dann die Zahnfleischtaschen; diese erste Behandlungssitzung ist schmerzarm. Im Gegensatz zur zweiten Sitzung, bei der ein Laser mit einer speziell für die Parodontits-Behandlung entwickelten Spitze zum Einsatz kommt. Mit ihm können wir tief in die Taschen bis an den Knochen vordringen. Dabei werden die restlichen Bakterien getötet und der Knochen durch die Aktivierung der knochenbildenden Zellen in einem gewissem Umfang wieder zum Wachstum angeregt. Diese Sitzung wird von einigen Patienten als schmerzhaft empfunden. Meist reicht ein Gel zur Betäubung aus. Wenn die Taschen sehr tief sind, empfehle ich Betäubungsspritzen. In der dritten – wieder schmerzarmen – Sitzung reinigen und desinfizieren wir nochmals mit dem Dioden-Laser. Abschließend werden die Bakterien der Mundhöhle erneut bestimmt, damit wir genau sehen, ob es noch Stämme gibt, gegen die wir weiter vorgehen müssen. Ein Jahr nach der Behandlung kann man im Röntgenbild sehen, dass der Knochen tatsächlich gewachsen ist. Wenn Zähne locker waren, sind sie in der Regel fester verankert.

Können auch Schwangere gelasert werden?

Lenz: Natürlich, der Laser beeinträchtigt das ungeborene Baby in keinster Weise. Während einer Schwangerschaft ist das sogar die schonendste Methode, um eine Entzündung im Mund zu behandeln. Wie wichtig das ist, um das Leben des Ungeborenen zu schützen, zeigen neueste Erkenntnisse: Einige der Bakterien sind platzentagängig. Eine Infektion erhöht das Risiko für eine Fehl- und Frühgeburt.

Zahlen Krankenkassen?

Lenz: Die privaten Krankenkassen und auch die Zusatzversicherungen zu Zahnbehandlungen übernehmen die Kosten häufig ganz oder größtenteils. Gesetzlich Versicherte ohne Zusatzversicherung müssen die Rechnung selbst begleichen. Die Höhe hängt von der Schwere der Erkrankung und dem Umfang der Behandlung ab, aber die Kosten werden vorher genau besprochen.

Wie findet man einen guten Laserzahnarzt?

Lenz: Bei der Deutschen Gesellschaft für Laserzahnheilkunde in Aachen gibt es Verzeichnisse von allen spezialisierten Zahnärzten. Dort kann man sich einen Arzt in der Nähe nennen lassen. Infos unter: www.dgl-online.de

Das Versteck der Keime

Jeder, der einigermaßen regelmäßig zum Zahnarzt geht, kennt den Begriff Zahnfleischtasche. Aber was ist damit wirklich gemeint? Bei einer Parodontitis – also der Entzündung des Zahnhalteapparates – kommt es zum Abbau des Knochens rund um die Zähne. Der Kiefer zieht sich sozusagen zurück vom Zahn und mit ihm schrumpft das Zahnfleisch. Wo vorher Knochen und Zahnfleisch den Zahn am Zahnhals fest umschlossen haben, entsteht eine Lücke. Diese Lücke wird Zahnfleischtasche genannt. Etwa 75 Prozent der Erwachsenen sind von einer Parodontitis betroffen. Nur mit Zähneputzen kann man der Erkrankung nicht Herr werden: Die Zahnbürste kommt nicht so tief unters Zahnfleisch.

Ansteckend und gefährlich

  • Hochaggressiv : Der Aggregatibacter acinomycetemcomitans (A.a.) produziert Substanzen, die die Abwehrzellen des Immunsystem ausschalten, sodass der Keim ins Zahnfleisch einwandern kann. Der A.a. ist hochaggressiv und zersetzt Zahnfleisch und Knochen. Er ist sehr ansteckend und kann leicht übertragen werden.
  • Alarm ! Der Porphyromonas gingivalis (P.g.) kommt auf der Zunge, im Speichel, in den Gaumenmandeln und den Zahnfleischtaschen vor. Er löst einen ständigen Alarmzustand des Immunsystems aus. P.g. bringt das Immunsystem dazu, bestimmte körpereigene Zellen abzubauen. Das fördert die Entstehung von Rheuma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

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