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Die Notärzte sprechen von der Goldenen Stunde, in der der Patient in die Klinik gebracht werden sollte.

Ein bayerischer Notarzt berichtet aus seinem Alltag

Jede Sekunde zählt

Wenn der Notarzt gerufen wird, herrscht höchste Alarmstufe. In Sekundenschnelle müssen ­Diagnosen gestellt, Entscheidungen getroffen und lebensrettende Maßnahmen eingeleitet werden. Über sechs Millionen Mal wird jedes Jahr in Deutschland der Notarzt gerufen.

Wenn der Piepser den Bereitschaftsarzt alarmiert, er ins bereitstehende Auto springt, das Blaulicht einschaltet und losrast, weiß er nie, was ihn erwartet: Ein Schlaganfall, eine beginnende Geburt oder ein ­Zuckerschock? Ende der 60er-Jahre hat sich das Notarztsystem in Deutschland etabliert, der ­bayerische Arzt Dr. Friedrich Frohlauber hat die Entwicklung über Jahrzehnte begleitet.

Bei Unfällen wird den Schwerstverletzten zuerst ­geholfen.

Dr. Frohlauber hat sich im Laufe der Jahre den Spitznamen Speedy erarbeitet – weil er immer besonders schnell bei den Patienten eintrifft. Im Bundesdurchschnitt dauert es knapp sieben Minuten, bis der Notarzt da ist. Auf dem Land, sagt Dr. Frohlauber, seien die Anfahrtswege weiter, da könne es manchmal ein bisschen länger dauern. Doch binnen 15 Minuten soll überall der Notarzt vor Ort sein. Dr. Frohlauber erinnert sich an Zeiten ohne Digitalfunk und Navigationsgeräte, wo es manchmal schwierig war, den Einsatzort zu finden: z. B. in einer weitläufigen Kiesgrube zu dem Arbeiter zu kommen, der vom Gerüst gefallen war. Oder es geschah, dass er bei zwei namensgleichen Dörfern im falschen Ort den Sportplatz suchte. Oder er musste mitten in der Nacht auf dem Marktplatz das Martinshorn ertönen lassen, weil er Hilfe brauchte, um zu einer schier unauffindbaren Hausnummer zu gelangen.

Bei Einsätzen mit Kindern leiden diese meist an Pseudokrupp oder hohem Fieber.

Der überwiegende Anteil der Einsätze sind laut einer Studie der Ludwig-Maximilians-Universität internistische Notfälle wie Herzinfarkte, Herzerkrankungen, Bewusstlosigkeit, Schlaganfälle, Antemnot oder Kreislaufprobleme (siehe Tabelle). Dann zählt jede Sekunde, der Notarzt wird versuchen, den Kreislauf und die Atmung des Patienten zu stabilisieren, um ihn mit dem Rettungswagen in die Klinik zu schicken. Manchmal kommt jedoch jede Hilfe zu spät, wie vor Jahrem bei dem Bauern, der beim Traktorfahren einen Herzinfarkt erlitt und in den Bach stürzte, wo ihn ein Nachbar entdeckte. Dr. Frohlauber vermutete am Unfallort, dass der Mann schon klinisch tot war, als der Unfall geschah. Die Obduktion bestätigte das.

Immer wieder kommt es auch zu ungewöhnlichen Einsätzen: Dr. Frohlauber erinnert sich auch, wie er mal zum Friedhof musste, weil der Friedhofswärter von einem stadtbekannten Grabschänder in den Bauch geschossen worden war. Er hatte den Grabschänder auf frischer Tat ertappt. Ebenso im Gedächtnis blieben Dr. Frohlauber die zwei splitternackten Frauen, die friedlich im Kornfeld schliefen. Es stellte sich heraus, dass beide einen ordentlichen Drogenrausch hatten und sich bei schönstem Sommerwetter erst komplett auszogen, um durch ein Kornfeld zu tanzen, wo sie dann erschöpft einschliefen.

Dr. Friedrich Frohlauber

Manche Einsätze ähneln sich: Wenn z. B. Menschen mit Diabetes einen Unterzucker haben und bewusstlos werden. Oder wenn plötzlich nach einem Insektenstich akute Lebensgefahr besteht – ein allergischer Schock, bei dem sofort Medikamente gegeben werden müssen, sonst stirbt der Patient. Bei Kindern sind die Einsätze oft aufregend, weil die Eltern besonders aufgeregt sind. Nicht immer kann Dr. Frohlauber Leben retten: Bei einem Mädchen, das beim Schwimmen in einem Teich unterging, kamen die Wiederbelebungsmaßnahmen zu spät. Eine Dreijährige allerdings, die ins Eis eingebrochen war und erst nach 40 Minuten gefunden werden konnte, wurde erfolgreich wiederbelebt. Die Unterkühlung im eiskalten Wasser hatte die Überlebenschancen erhöht. Das Kind behielt nur eine kleine Lähmung an einem Finger zurück.

Notarzt aus Leidenschaft

Der Internist Dr. Friedrich Froh­­­lauber (72) war bis zu seiner Pensionierung Chefarzt in einer bayerischen Klinik. Da auf dem Land Notärzte rar sind, kam er gern der ­Bitte der Kassenärztlichen Vereinigung nach, in Bayern an verschiedenen Standorten weiterhin als Notarzt tätig zu sein: „So ist aus dem Hobby fast ein Vollzeitjob geworden.“ Er schätzt, dass er in 43 Jahren um die 15.000 Ein­sätze gefahren ist. Über seine Erfahrungen und Erlebnisse hat er ein Buch geschrieben: Mit dem Blaulicht auf dem Kopf, Schwarzkopf & Schwarzkopf ­Verlag, Preis 9,95 Euro.

Ich weiß nie, was mich erwartet

Steht Ihr Rettungswagen jetzt vor der Tür?

Dr. Friedrich Frohlauber: Nein, heute habe ich frei. Nur wenn ich Bereitschaft habe, dann steht das NEF, das Notarzteinsatzfahrzeug, vor der Tür. Das ist nicht zu verwechseln mit dem Rettungswagen, der den Patienten in die Klinik bringt. Mit dem NEF trifft sich der Notarzt mit dem Rettungswagen am Einsatzort. Häufig steht dem Notarzt ein Fahrer zur Verfügung.

Was haben Sie im Einsatzfahrzeug dabei?

Frohlauber: In einem großen Notfallrucksack sind circa 50 Medikamente mit an Bord. Darunter Schmerzmittel, starke, aber auch ganz einfache. Dann Medikamente, die notwendig sind, um Atmung und Kreislauf aufrechtzuerhalten, dazu Wirkstoffe gegen Atemnot und Herzrhythmusstörungen. Wir haben ein modernes Beatmungsgerät, Sauerstoff- sowie ein EKG-Gerät mit automatischer Blutdruckmessung dabei, dessen Daten, besonders EKG-Kurven, via Modem gleich in die Klinik übertragen werden, wo ein Kardiologe den Befund erstellen und entscheiden kann.

Seit Jahrzehnten sind Sie als Notarzt im Einsatz, warum fasziniert Sie dieser Beruf so?

Frohlauber: Man wird immer wieder gefordert, weil man nie weiß, was der nächste Einsatz bringt: einen massiven Herzinfarkt oder eine beginnende Geburt, ein Knochenbruch oder ein Schädelhirntrauma? Es ist dabei unbedingt wichtig, die Übersicht zu behalten und selbst Ruhe auszustrahlen, um eine eventuell prekäre Situation zu beruhigen. Auf dem Land kenne ich praktisch keine Aggressionen gegen Notärzte oder dem Rettungsdienstpersonal. Aus Großstädten weiß ich, dass manche Assistenten nur mit Schutzwesten fahren. Ich habe das Buch geschrieben, weil ich den täglichen Einsatz beschreiben wollte, den ungeschminkten Alltag eines Notarztes.

Erfahren Sie in kritischen Fällen, wie es dem Patienten geht?

Frohlauber: Nur wenn ich konkret in der Klinik nachfrage. Vereinzelt treffe ich manche Patienten oder deren Angehörige nach Wochen oder Monaten wieder. Da erkundige ich mich dann jeweils nach dem Befinden. Ich finde ein Feedback wichtig für die eigene Kontrolle!

Was machen Sie, wenn Sie nicht helfen konnten?

Frohlauber: Dann spreche ich mit meiner Frau, die auch aus dem medizinischen Bereich kommt, anonymisiert über den Fall. Es gibt eben einfach schicksalhafte Verläufe, die nicht zu ändern sind. Das muss man auch akzeptieren können. Ich erinnere mich an einen Fall, da ist ein Kind nicht hoch von einer Kommode gefallen. Trotz aller Anstrengungen ist das Kind nach einer Stunde in der Klinik verstorben. Später stellte sich heraus, dass es einen Defekt im Gehirn hatte, und wir von vornherein machtlos waren.

Wann sollte man den Notarzt rufen?

Frohlauber: Im Zweifelsfall immer dann, wenn aus Wohlbefinden heraus eine akute Situation entsteht. Natürlich gilt das für schwere Unfälle jeder Art. Wenn aus Gesundheit plötzlich Krankheit wird. Wenn der Patient ohnmächtig wird, wenn schlagartig starke Schmerzen in der Brust auftreten, wenn die Worte nicht mehr gefunden werden, Lähmungserscheinungen auftreten. plötzlich längere Übelkeit oder starke Bauchschmerzen bestehen. Dann sollte man den Notarzt rufen, also immer dann, wenn eine bedrohliche Situation vorzuliegen scheint.

tz

Notarzteinsätze in Bayern
Einsatzgrund Fälle
Internistischer Notfall 193.612
Sonstiger Notfall 47.765
Internistische Versorgung 45.790
Sonstiger Unfall 24.486
Verkehrsunfall 15.999
Chirurgische Versorgung 4.455
Betriebsunfall / Schulunfall 4.372
Zuordnung nicht möglich 3.802
Gesamt 340.281

Quelle: LMU-Studie Notarzteinsatz Bayern 2006

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