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„Wir haben keine Hobbys, ich renne halt mit, was er macht und gut ist.“ Assistenzkraft Michaela Gleske, 50, zusammen mit Ralf Schmidt, 58, unterwegs in München.

Mit Behinderung durch den Alltag

Ziemlich beste Assistenzkraft -  Leben durch einen Fremden

München - Ralf Schmidt ist querschnittsgelähmt – und macht trotzdem, was er will. Möglich macht das Michaela Gleske, seine Assistenzkraft. Über ein Arbeitsverhältnis, das Ralf Schmidt ein normales Leben ermöglicht.

Ralf Schmidt kocht gerne. Gulasch, Chili oder Hähnchen zum Beispiel. Und jeden Donnerstag, da macht er Saiblingsfilet mit Kartoffeln, den er sich vom Wochenmarkt auf der Schwanthalerhöhe holt, gleich bei ihm um die Ecke. Ralf Schmidt sagt: „Bei der Zubereitung habe ich oft meinen eigenen Willen.“ Michaela Gleske isst oft bei ihm mit, sie sagt: „Er ist ein sehr guter Koch.“

Ralf Schmidt ist querschnittsgelähmt. Der 58-Jährige kann auf dem Markt kein Geld aus seiner Tasche holen, um den Fisch zu bezahlen, er kann ihn nicht in die Pfanne werfen, ihn nicht schneiden. Wenn er davon spricht, dass er kocht, heißt das: Er sitzt in seinem Rollstuhl neben dem Herd und sagt, wann der Fisch ins Fett, wann er gewendet, wann er rausgeholt werden muss. Die Hände, die das alles machen, gehören Michaela Gleske. Ralf Schmidt ist ihr Arbeitgeber, sie seine Assistenzkraft. Assistenzkräfte sind keine ausgebildeten Pfleger. Es sind Menschen, die Menschen mit Behinderung ihre Hände leihen, ihre Füße, ihre Muskelkraft. Michaela Gleske macht das bei Ralf Schmidt 120 Stunden in jedem Monat, seit sieben Jahren. „Er gestaltet seinen Tag selber, wie er will und wie er ihn braucht“, sagt die 50-Jährige. „Und ich renne hinterher.“

Besuch im Café: Michaela Gleske geht mit Ralf Schmidt überall hin. Seit sieben Jahren. 120 Stunden pro Monat.

Dies sollte die Geschichte über eine Freundschaft werden, so ähnlich wie im französischen Kinoerfolg „Ziemlich beste Freunde“, in dem ein Kleinkrimineller die Assistenzkraft eines reichen querschnittsgelähmten Mannes wird, und das ihrer beiden Leben verändert. Aber eigentlich ist Michaela Gleske nicht Ralf Schmidts Freundin, auch nicht nur seine Angestellte. Sie ist sein Körper. Deswegen ist es eine Geschichte darüber, wie ein Mensch für 120 Stunden im Monat im anderen verschwindet und das völlig in Ordnung ist. Denn: Diese Form des Zusammenarbeitens ermöglicht Ralf Schmidt sein Leben, sein ganz normales Leben, so wie er es vor seinem Unfall gelebt hat: mit Bier mit Freunden, mit Reisen, mit seinem Lieblingsfisch.

Ralf Schmidt sitzt an seinem Küchentisch, in seinem Rollstuhl, in einer Erdgeschosswohnung nahe der Schwanthalerhöhe. Eine Dreizimmerwohnung, so weiträumig geschnitten, dass durch jeden Gang und jeden Türrahmen ein Rollstuhl passt.

Schmidt hat glasklare blaue Augen. Seine Schultern bewegen sich rauf und runter während er redet, als ob er allem, was ihm im Weg steht, entgegen rufen würde: Ja, mei. Ja, mei, wie: Es ist wie es ist, und es wird alles schon irgendwie. Michaela Gleske sitzt ihm gegenüber. Normalerweise hält sie sich erst einmal raus, wenn er Besuch hat. Das geht sie ja nichts an, sagt sie. Das erwarte ich schon, sagt Ralf Schmidt. Aber heute wollen die beiden über sich reden, darüber, wie sie arbeitet, während und damit er lebt wie jeder andere.

Als Ralf Schmidt sagt, er hat sich ein paar Notizen gemacht, leicht nach links guckt, ist da Gleskes Hand, die den obersten Zettel vom Blätterstapel am Rand des Tisches nimmt und vor ihn schiebt. Sie holt seine Brille aus dem Etui, setzt sie ihm auf. Ralf Schmidt redet weiter, als ob neben ihm gar nichts passiert. Er, der seine Finger nicht bewegen kann, sagt, er hat sich ein paar Notizen gemacht. Da steht zum Beispiel etwas vom Artikel 19 der Behindertenrechtskonvention der UN: dass Menschen mit Behinderungen frei entscheiden dürfen, wo sie leben und wie sie leben. Dass sie das Recht haben auf eine persönliche Assistenz, die sie an der Gesellschaft teilhaben lässt. Aber, sagt Schmidt: „Das haut noch immer nicht überall hin.“ Dabei gehe es doch genau darum: „Selbstbestimmt leben zu können, ein Konzert, wann ich das will, ein Bier, wann ich das will.“

So, wie es vorher war. Vor dem Motorradunfall, 1976. Ralf Schmidt brach sich seinen Hals am vierten Wirbel. Deswegen kann er noch seinen Kopf und seine Schultern bewegen. Ein Bruch ein bisschen weiter oben, und das wäre nicht möglich gewesen. Nach so einem Unfall, sagt er, drehte sich die Welt erst einmal langsamer. Da war das Loch, während der ersten sechs Monate danach in der Unfallklinik, und auch am Anfang, als er in eine Wohnanlage für Menschen mit Behinderung einzog. Das Loch, weil man weiß: Mein Leben, wie ich es bisher gelebt habe, ist vorbei.

„Bei einem dauert es länger, bei dem anderen kürzer“, sagt Ralf Schmidt am Küchentisch. Bei ihm hat es vielleicht zwei Jahre gedauert, bis er sich denken konnte: Ja, mei. „Du bist ja nicht allein, anderen geht es genauso beschissen, dann akzeptiert man das irgendwann.“ Das sei das Wichtigste: unter Menschen zu kommen, ob mit oder ohne Behinderung. „Umso schneller man das macht und normal behandelt wird, desto schneller akzeptiert man Situation und Behinderung.“ So lebt er es bis heute.

Seit dem Unfall ist er in Frührente. Seine Zeit steckt er in sein Ehrenamt und seine Hobbys. Er ist bei dem Zusammenschluss „BRK von unten“ aktiv, der Demos durch München organisiert, außerdem im Vorstand vom Verein „Vereinigung Integrationsförderung“ und Mitglied bei „Mobil mit Behinderung“. Und er berät Freunde, was sie wo beantragen müssen – das hat er raus, nach beinahe 40 Jahren.

Schmidt ist gern unterwegs: in Biergärten und Restaurants, auf Konzerten. Manchmal sitzt er in einem Café nahe der U-Bahn-Station und beobachtet Menschen. Wie sie angezogen sind, welche Mimik sie machen, wie sie reden. Michaela Gleske malt gern, tanzt, wandert, radelt. Gibt es gemeinsame Interessen? „Wir haben keine Hobbys, ich renne halt mit, was er macht und gut ist“, antwortet Gleske.

Aber Ralf Schmidt reist gern, beide waren gemeinsam in der Türkei mit drei weiteren Assistenzkräften und einem Freund von Schmidt. Er war auch schon in Südostasien, Portugal, Florida hat er schon gesehen, alles im Rollstuhl, alles nach dem Unfall.

„Ich bin Passivfahrer“, sagt Ralf Schmidt. Michaela Gleske fährt gleich Auto – und er wird Anweisungen geben wie.

Sein Tagesablauf? „Ich stehe auf, denn gehe ich ins Bad, dann wasche ich mich, dann Zähne putzen, Haare kämmen, anziehen. Dann kommt meist schon der erste Anruf, dann lese ich etwas.“ Ralf Schmidt macht eine Pause und sagt dann: Normal eben. So geht das weiter im Gespräch: Er fährt Auto, er kocht, er geht einkaufen, er trifft Freunde. Das Telefon klingelt, Gleske sagt, der Rainer ist es. Ralf Schmidt antwortet: Ich habe Besuch. Gleske sagt in den Hörer: Er ruft zurück.

Ralf Schmidt redet so selbstverständlich in der ersten Person, nur von sich, dass man sich irgendwann fragt, ob man da vielleicht etwas falsch verstanden hat. Kann er denn wirklich allein Auto fahren? „Nee“, antwortet er dann. „Ich bin Passivfahrer.“

Ralf Schmidt hat neun Assistenzkräfte, vier sind fest angestellt

Michaela Gleske lacht. Die 50-Jährige lacht gern und oft. Auch, während sie das Auto fährt. Die Anweisungen – da vorne links, hier wenden, park hier – kommen von hinten. Dort sitzt Ralf Schmidt, in dem Kombi, der so ausgestattet ist, dass er mit seinem Rollstuhl hineinpasst und angeschnallt werden kann. Während Gleske fährt, erzählt sie, was ihr Spaß macht an der Arbeit: „Man trifft neue Leute, ist an der frischen Luft, wir sind unterwegs.“ Gleske hat schon vieles gemacht: im Einzelhandel gearbeitet, in der Gastro, in einer Fensterbaufirma. Aber das mit der Assistenzkraft, das will sie jetzt machen, bis sie in Rente geht. Vor Ralf Schmidt hatte sie noch bei einen anderen Arbeitgeber gehabt, da hat es aber nicht gepasst, sagt sie: „Das ist ja eine sehr persönliche Arbeit.“

Neun Assistenzkräfte arbeiten für Ralf Schmidt: vier Festangestellte, die anderen sind Minijobber. Einer von ihnen ist immer da: 24 Stunden, jeden Tag. Ist einer verhindert, muss ein anderer einspringen. Sie sind Kollegen, auch wenn sie nie miteinander arbeiten. Die Bezahlung teilen sich Krankenkasse, der Bezirk Oberbayern und die Stadt München.

Ralf Schmidt hat sie selbst angelernt: Wie er liegen und sitzen muss, damit sein Rücken geschont wird, wie die Schläuche vom Katheter liegen müssen. Er stellt nicht jeden an. Wenn die Assistenzkräfte zu autoritär sind zum Beispiel. Wenn sie meinten, zu wissen, was ihm gut tut: „Wie ich mich wasche, wie ich koche, wie ich meine Wohnung sauber halte“, sagt er. „Das ist für mich undenkbar.“

Die Stundenzahl seiner Assistenzkräfte muss Schmidt genau dokumentieren, für die Behörden. Für die muss er eigentlich alles ganz genau dokumentieren – alles, was Geld kostet. Genauso, wie er für alles einen neuen Antrag stellen muss: wenn sich der Strom erhöht, die Waschmaschine kaputt ist, er eine Winterjacke braucht. „Ich muss für alles betteln gehen“, sagt Schmidt.

Er stand auch schon drei Mal vor Gericht: Damit er allein wohnen darf. Damit er ein Auto bekommt. Damit seine Wohnung behindertengerecht umgebaut wird. Jedes Mal hat er Recht bekommen. Er pocht auf sein Recht, auf den Paragraph 19, der auf seinem Zettel steht. Der heißt für ihn, dass er seine Zahnärztin behalten darf, auch wenn sie jetzt in einem Haus mit Treppe wohnt, dass er ins Kino kann, wann er will, sich mit seinen Freunden treffen kann, wann er will. Die Idee der Assistenzkraft macht das möglich.

Viele kennen diese Art des Arbeitsverhältnisses nicht. Wenn Michaela Gleske jemandem sagt, was sie macht, sagen die Leute oft: Ach, Krankenschwester? Dann sagt sie: Nein, ich bin eine angelernte Assistenz. Sie will das nicht gleichstellen, sie braucht keine Ausbildung dafür. Eine Pflegekraft sagt den Menschen, was gut für sie ist. Gleske macht das nicht. Sie macht nur das, was Ralf Schmidt sagt. Ist sein Körper.

Das musste sie selbst auch erst lernen. Vor sieben Jahren, als Ralf Schmidt das erste Mal laut überlegt hat, was er heute kochen soll, dachte Michaela Gleske: „Na, der ist ja gut, ich koche doch.“ Sie lacht. Und erinnert sich, wie sie gleich gelernt hat: Nein, tatsächlich: Ralf Schmidt ist es, der kocht.

So wird man Assistenzkraft:
Wer als Assistenzkraft arbeiten möchte, kann sich beispielsweise beim Verein Vereinigung Integrations-Förderung (Vif) bewerben. Die Vif sucht sowohl Teil- als auch Vollzeitarbeitskräfte. Eine vorherige Ausbildung ist nicht nötig, der Stundenlohn im Großraum München beträgt 10,99 Euro brutto. Es ist auch möglich als Assistenzkraft zu arbeiten, wenn Sie Arbeitslosengeld beziehen oder Rente. Weitere Infos unter www.vif-selbstbestimmt-leben.de oder 089 / 309 04 86 0.

Valerie Schönian

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