Durchblutungsstörungen stärker als gedacht

Bein weg? Junge Raucherinnen sind stark gefährdet

In Deutschland, das ist ein trauriger Fakt, gibt es viel zu viele Amputationen. Jedes Jahr verlieren rund 60 000 Menschen eine Gliedmaße, fast immer ist es der Fuß, ein Teil des Beines oder das ganze Bein.

Selten ist ein Unfall die Ursache, in zwei Drittel der Fälle trifft es Diabetiker, bei den übrigen Menschen handelt es sich meist um Raucher. Häufigster Grund für eine Amputation ist eine Durchblutungsstörung, die Schlagadern von Becken, Ober- oder Unterschenkel sind verstopft. „Wir könnten schneller helfen“, sagt die Oberärztin Corinna Böttiger von den Schön-Kliniken am Starnberger See: „Aber leider warten viele Menschen zu lang oder lassen sich wegen vermeintlicher Muskel- und Skeletterkrankungen beim Orthopäden behandeln.“ Besonders Raucher unterschätzen die Gefahr von Durchblutungsstörungen. Da immer mehr junge Frauen mit dem Rauchen beginnen, hat Dr. Böttiger auch immer mehr Patientinnen: „Die Vorstellung, jemand mit Raucherbein müsse alt und männlich sein, ist absolut falsch.“

Warum kommen die Menschen oft sehr spät?

Dr. Corinna Böttiger.

Dr. Corinna Böttiger: Gerade wenn man noch relativ jung ist, denkt man bei Muskelproblemen in der Wade nicht zuerst an eine Durchblutungsstörung. Dabei ist die stark beanspruchte Oberschenkelarterie, die die Wadenmuskeln versorgt, besonders anfällig für Verstopfungen. Man vermutet eine Zerrung, die immer wieder kommt, geht zum Orthopäden, und wenn dieser, wie es ja häufig geschieht, Bandscheibenprobleme findet, dann wird oft lange Zeit nicht die richtige Ursache behandelt. Wenn bei Raucherinnen z.B. die Beckenarterie nicht mehr gut durchlässig ist, bekommen sie Schmerzen im Gesäß und im Oberschenkel. Dann glaubt man erst recht, das Kreuz verursache die Beschwerden. Ich erwarte jedoch von jedem Arzt, dass er zumindest den Puls am Arm und am Fuß tastet. Denn wenn der Fußpuls nicht oder kaum tastbar ist, ist das ein ernst zu nehmender Hinweis auf eine Durchblutungsstörung.

Was sind weitere Alarmzeichen?

Böttiger: Krämpfe oder Schmerzen in der Wade beim Gehen, die in Ruhe verschwinden und wiederkommen, wenn man weitergeht. Wenn Wunden über Monate nicht heilen, müssen Alarmsirenen sofort das Wort „Durchblutungsstörung“ rufen.

Wieso ist der Zigarettenrauch so giftig?

Böttiger: Die Inhaltsstoffe der Zigarette werden über die Lunge direkt ins Blut aufgenommen. Viele dieser Chemikalien attackieren die Wände der Arterien. Den ganzen Mechanismus kennt man nicht genau, aber diese Stoffe verändern die Stoffwechselprozesse in den Zellen, sodass sie nach und nach vergiftet werden. Unsere Arterien müssen zudem viel aushalten, bei jedem Herzschlag dehnen sie sich leicht aus. Allein durch das Alter verlieren die Gefäße allmählich ihre Elastizität. Rauchen verstärkt diesen Elastizitätsverlust deutlich. Es kommt zu Umbauprozessen in der Gefäßwand, Entzündungszellen wandern ein, Cholesterinablagerungen, sogenannte Plaques, entstehen. An diesen Stellen wird zudem Kalk abgelagert. Diese Ablagerungen wachsen im Laufe der Zeit immer weiter in die Blutbahn hinein, bis es zu einem vollständigen Verschluss des Gefäßes kommen kann. Diese Ablagerungen sind steinhart, das sind richtige kleine Steinchen.

Wie sieht die Behandlung aus?

Böttiger: Wenn es einen Hinweis auf Durchblutungsstörungen gibt, können wir die Blutbahnen mithilfe von Ultraschall-Untersuchungen sehr gut darstellen. Das ist eine absolut sichere und harmlose Untersuchung, die uns genau zeigt, wo die Probleme sind. Die Grunderkrankung, die Arteriosklerose, ist nicht heilbar. Wir haben im Prinzip zwei Möglichkeiten: Wir nutzen einen Selbstheilungsprozess des Körpers: Wenn durch ein verengtes oder sogar verschlossenes Beingefäß immer weniger Blut in der Wade ankommt, wird der Körper mit der Zeit Umgehungswege bilden, die als Umgehungsstraßen den Verschluss kompensieren. Mit gezieltem Gehtraining kann man diesen Umbauprozess fördern. Zusätzlich geben wir Medikamente, wie Aspirin 100 und Cholesterinsenker, damit die Erkrankung nicht fortschreitet. Reichen diese Umleitungen nicht aus, können wir Gefäße wieder öffnen.

Ist das eine große Operation?

Böttiger: Meist ist heutzutage gar keine Operation notwendig, bei der der Chirurg mit dem Skalpell schneiden muss. Wir können die Gefäße fast immer mithilfe von kleinen Schläuchen, sogenannten Kathetern, reparieren – wir sprechen dabei von „interventionellen Verfahren“. Der Eingriff geschieht ohne Narkose. Die Stelle an der Leiste, wo wir in die Arterie eindringen, wird örtlich betäubt. Der Patient hat ein Druckgefühl im Bereich der Leiste und spürt eine gewisse Wärme. Wir führen kleine Schläuche in die Arterie ein, mithilfe von Drähten und sogenannten Ballonkathetern versuchen wir, einen Weg durch die verengten oder verschlossenen Gefäße zu finden. Mittlerweile gibt es sogar zur Unterstützung winzige Messerchen und ganz kleine Bohrer, Wir tasten uns Millimeter für Millimeter vor, wie wenn man einen Tunnel bohrt. Ist es gelungen, einen Draht durch das verschlossene Gefäß zu bringen, wird die Ader dann mit einem Ballon aufgedehnt. Damit das Gefäß auch offen bleibt, setzen wir entweder metallene Gefäßstützen, sogenannte Stents, ein oder wir dehnen das Gefäß mit Ballons, die auf ihrer Oberfläche ein Medikament tragen. Dieses Medikament verhindert ebenfalls, dass das Gefäß wieder zuwächst. Wir können so z. B. Strecken im Oberschenkel, die 30 Zentimeter lang sein können, wieder weiten, wir dringen sogar bis in die Fuß- und sogar Zehenadern vor.

Infos unter: www.schoen-kliniken.de

Wann welche Adern dicht machen

In Deutschland leiden aktuellen Zahlen zufolge rund 4,5 Millionen Menschen an einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK), ihre Adern, die das Blut vom Herzen in den Körper transportieren, sind also verkalkt. Am häufigsten ist bei der pAVK die Arterie im Oberschenkel verstopft, bei Rauchern kommt es jedoch auch besonders häufig zu einem Verschluss der Beckenarterie. Diabetiker haben oft die schlimmsten Probleme im Unterschenkel. Wichtig zu beachten ist, dass von der Arteriosklerose nicht nur die Beinschlagadern betroffen sind, sondern sämtliche Schlagadern des Körpers. Ganz besonders gefährlich wird es, wenn die Gefäße, die das Herz oder Gehirn mit Blut versorgen, verstopfen. Hierbei kommt es zur koronaren Herzerkrankung mit der Gefahr des Herzinfarktes oder, wenn die Halsgefäße sich einengen, des Schlaganfalls. Wer Bluthochdruck hat, hat eher Probleme mit der Hauptschlagader, bei hohen Cholesterinspiegel verschließen sich besonders die Halsgefäße. Warum ist das so? „Das wissen wir leider noch nicht“, so die Gefäßspezialistin Böttiger: „Wir stellen es nur fest.“ Genauso wenig ist geklärt, warum einige Menschen nur Beschwerden mit einzelnen Gefäßen haben, während manche Patienten überall Ablagerungen in den Arterien bekommen. Sobald eine pAVK festgestellt worden ist, sollte auch an Verengungen Herz- und Halsschlagader gedacht werden.

Nicht nur Röhren! Arterien leben

Jeder Laie weiß, dass das Blut im Körper durch Adern fließt (Grafik: tz-Archiv). Man stellt sie sich meist als Röhren vor, ein System von Kanälen, das jede Zelle mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Mediziner jedoch lernen im Studium, dass diese Röhren lebendig sind. Arterielle Gefäße bestehen aus verschiedenen Schichten, sie können sich dehnen und zusammenziehen, und müssen mit Blut versorgt und mit Nährstoffen ernährt werden. Unser Gefäßsystem hat die unvorstellbare Länge von 50 000 bis 100 000 Kilometern und transportiert jeden Tag 10 000 Liter Blut.

Was steckt in jeder Zigarette?

Der Rauch einer jeden Zigarette enthält zwischen 4000 und 5000 verschiedene Chemikalien. 250 davon gelten als hochgiftig, etwa 50 als sehr sicher krebserregend. Ab 16. Mai sollen neue Verpackungen mit Ekelbildern Rauchern die Gesundheitsrisiken vor Augen führen. Nikotin übrigens ist nicht krebserregend, es sorgt nur für den Suchtfaktor. Im blauen Dunst finden sich so unsympathische Substanzen wie Benzol, Nitrosamine, Teer, Arsenverbindungen und Zinkoxid, aber auch Blei und Cadmiumverbindungen oder Gifte wie Blausäure und Kohlenmonoxid.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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