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Experte erklärt neue Behandlungsart

Bessere Chancen bei Leukämie

Blutkrebs: In der tz erklärt ein Experte, wie die Unterarten heute behandelt werden können.

Die meisten Patienten ahnen nichts Böses, wenn sich die ersten Symptome in ihren Alltag einschleichen. Sie sind oft müde, antriebslos, bekommen plötzlich einen recht heftigen Infekt. Da denkt man normalerweise erst einmal an eine hartnäckige Grippe. Bis der Hausarzt Blut abnimmt – und sich im Labor ein erschreckender Verdacht herauskristallisieren kann: Leukämie!

Gewissheit haben die Patienten erst nach einer Knochenmarkspunktion. An einem kleinen Höcker am Gesäß sticht der Arzt eine Nadel ein und entnimmt mit einer Spritze eine geringe Menge Knochenmark. Dann wird das Material in einem Speziallabor genau analysiert.

Die wichtigste Erkenntnis der Wissenschaftler: Leukämie ist nicht gleich Leukämie. Zwar ist das Prinzip der Erkrankung immer dasselbe: Bösartige Zellen des Blutes teilen sich so schnell, dass sie die normale Blutbildung unterdrücken. Aber es gibt allein vier verschiedene Grundarten – und die haben wiederum Dutzende Untergruppen. Sie sprechen auf völlig unterschiedliche Behandlungsmuster und Medikamente an. „Deshalb ist die Diagnostik von entscheidender Bedeutung. Wir versuchen, so genau wie möglich zu differenzieren, mit welchem Leukämie-Typ wir es zu tun haben. Je mehr wir darüber wissen, desto besser können wir dem Patienten helfen“, erklärt Professor Hiddemann. In der großen tz-Gesundheitsserie gibt der Krebsspezialist einen Überblick über die vier häufigsten Grund­arten der Leukämie und ihre Besonderheiten (siehe Tabelle).

Andreas Beez

Akute myeloische Leukämie (AML): Von „akut“ spricht man, weil diese Erkrankung sehr schnell verläuft. Sie trifft etwa 4000 Bundesbürger pro Jahr. „Noch in den 1970er-Jahren hat die AML praktisch niemand überlebt. Heute können wir 40 Prozent der Patienten heilen“, weiß Hiddemann. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einer genauen Charakterisierung der ­Unterart – allein bei der AML sind heute 35 bekannt. Manche sprechen auf bestimmte Medikamente an, andere nicht. „Mit diesem Basis­wissen können wir die Chemotherapie viel zielgerichteter und damit erfolgversprechender einsetzen.“

Bei der Behandlung unterscheiden die Mediziner zwei Phasen: In der ersten erhält der Patient eine sogenannte Induktionstherapie. Das Ziel: die Krebszellen im Blut so stark zu reduzieren, dass sich die normalen Zellen wieder erholen können. „Die Induktionstherapie ist in 70 bis 75 Prozent erfolgreich“, so Hiddemann.

Danach geht die Behandlung in eine zweite Phase – die sogenannte Postremissionstherapie: Die stärkste Variante ist eine Knochenmarkstransplantation. „In 80 Prozent der Fälle wird ein passender Spender gefunden“, erläutert Hiddemann. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, beispielsweise eine Art Impftherapie mit speziellen Immunzellen oder eine mehrjährige niedrig dosierte Echemotherapie. Das ist eine spezielle Chemotherapie.

Chronische myeloische Leu­kämie (CML): Das Wort „chronisch“ bedeutet in diesem Fall, dass es sich um Erkrankung handelt, die über Jahre verläuft. Dieser tückischen Form liegt eine sogenannte Translokation in den Mutterzellen des Blutes zugrunde. Das bedeutet: Zwei Chromosomen – das sind die Träger der Erb­informationen – tauschen gegenseitig Bestandteile aus und bringen dadurch die Zelle außer Kontrolle. Sie teilt sich permanent.

Die CML, die etwa ein Viertel aller Leukämien ausmacht, galt noch bis Anfang unseres Jahrtausends als unheilbar. Wer daran erkrankte, hatte im Schnitt eine Lebenserwartung von drei bis fünf Jahren. „Doch dann ist Forschern eine echte Sensation gelungen“, berichtet Hiddemann. „Sie haben ein Medikament entwickelt, das die Aktivierung der beiden betroffenen Chromosomen blockiert.“ Es heißt Imatinib.

Heute gibt es Weiterentwicklungen dieses Mittels – mit weniger Nebenwirkungen. „Inzwischen können viele Patienten mit Tabletten über lange Jahre und Jahrzehnte weiterleben und manchmal sogar geheilt werden“, freut sich Hiddemann.

Akute lymphatische Leukämie (ALL): Sie trifft vor allem kleine Patienten und ist die häufigste Blutkrebsform im Kindesalter. „ALL kann sehr schnell bedrohlich werden“, sagt Hiddemann. Aber auch bei dieser Erkrankung hat die Medizin große Fortschritte gemacht. Noch vor 30 Jahren starben die meisten ALL-Patienten innerhalb weniger Wochen. Heute können die Ärzte circa 70 bis 80 Prozent der Kinder und 50 bis 60 Prozent der Erwachsenen sogar heilen. „Der Durchbruch gelang mit einer Kombination aus vielen verschiedenen Medikamenten“, erklärt Hiddemann. Die Medikamente, die bei einer Chemotherapie verabreicht werden, nennt man in der Fachsprache Zytostatika. Oft wird bei ALL-Patienten zusätzlich auch der Kopf bestrahlt. Damit wollen die Ärzte eventuell vorhandene Leukämiezellen in den Hirnhäuten vernichten. ALL-Zellen befallen nämlich relativ häufig auch das Gehirn.

Chronische lymphatische Leukämie (CLL): Dieser Blutkrebs ist eine Erkrankung des höheren Lebensalters, sie tritt in der Regel bei Patienten jenseits des 60. Lebensjahres auf. „Viele merken es zunächst gar nicht“, weiß Hiddemann. „Der Klassiker ist: Ihr Hausarzt stellt bei einer Routineuntersuchung des Blutbilds fest, dass die Leukozytenwerte viel zu hoch sind.“ Wissenschaftler haben inzwischen acht bis zehn verschiedene Untergruppen der CLL enttarnt. Sie wird sehr unterschiedlich behandelt – abhängig davon, wie schnell oder langsam sie im Einzelfall voranschreitet. „Bei manchen Patienten beobachten wir die Erkrankung erstmal, weil sich die entscheidenden Blutwerte nicht verschlechtern“, erklärt der Groß­haderner Onkologe.

CLL-Patienten haben allen Grund zur Hoffnung. „Wir können die Krankheit heute zwar noch nicht heilen, aber inzwischen gut aufhalten.“ Dabei war die Entdeckung des Antikörpers Rituximab entscheidend. „Er hat die Immuntherapie bei der CLL revolutioniert“, sagt Hiddemann. Ein Antikörper ist ein Eiweiß, das der Körper eigentlich selbst bildet und zur Abwehr eingedrungener Bakterien und Viren einsetzt. Der Antikörper Rituximab wird im Labor hergestellt. Er erkennt ein bestimmtes Merkmal der CLL-Zellen mit Namen CD-20. „Grundsätzlich kann man sich einen Antikörper wie eine Art Feindaufklärer vorstellen. Er macht Krebszellen fürs Immunsystem sichtbar“, so Hiddemann. „Rituximab geht sogar noch einen Schritt weiter: Es dockt nicht nur an die Krebszelle an, sondern schickt auch Todessignale in sie hinein. Dadurch stirbt die Zelle ab.“

Weitere vielversprechende Medikamente werden bereits getestet. „Einige sind in Teilbereichen zugelassen und werden uns schon nächstes Jahr zur Verfügung ­stehen“, weiß der Krebs­experte.

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