+
Die Seele aufräumen, sich klar über seine Gefühle und Ziele werden - das ist keine Zeitverschwendung. Das hilft dabei, ein glückliches Leben zu führen.

Bilanz im Leben ziehen

Aufräumen der Gefühle: So pflegen Sie ihre Seele

  • schließen

Mal innehalten, mal einfach ruhig dasitzen, mal die Gedanken bündeln und über das eigene Leben nachdenken. Die stade Zeit, die Wochen jetzt im Advent sind ideal dafür - wenn die Tage kürzer, die Abende länger werden.

Auch ein gutes Mittel übrigens, um den Stress rund um das Familienfest mal eine Weile auszublenden. Eine Lebensbilanz zu ziehen, ist keine Zeitverschwendung, ganz im Gegenteil: Sie hilft uns, große Lebenskrisen zu vermeiden und unser Leben bewusster zu leben. „Damit man nicht am Ende feststellen muss, dass man nie das gemacht hat, was einen wirklich glücklich gemacht hätte“, sagt die Münchner Therapeutin Miriam Erraoui, die als persönlicher Coach Menschen dabei hilft, ihren Weg zu einem erfüllten Leben zu finden. 

Miriam Erraoui rät: „Bilanz ziehen ist wie eine Inventur des Lebens. Ich schaue, was hat gut funktioniert, was hat nicht funktioniert und mich womöglich in eine Sackgasse geführt.“ 

Miriam Erraoui Psychosynthese-Coach.

Die Erfahrung der Psychosynthese-Therapeutin mit Klienten ist eindeutig: „Der Mensch ist ein soziales Wesen, unsere Bedürfnisse sind sehr ähnlich.“ Wir brauchen Beziehungen, Freunde, einen Partner, der mit uns das Leben teilt. Wir brauchen Personen, die uns lieben und die wir lieben. Wir wollen eine Tätigkeit, die uns ausfüllt. Wir streben nach Geld, um sorgenfrei leben zu können. Manche Menschen suchen den Erfolg, anderen ist es lieber, ihre Talente im Verborgenen zu pflegen. Aber jeder möchte seine Fähigkeiten ausleben dürfen, will einen Sinn spüren. Freiheit ist wichtig und Zeit wird als Ressource des Lebens immer bedeutsamer. Wenn man Sterbende fragt, welche Dinge sie am meisten im Leben bereuen, ist es meist nicht genügend Zeit mit den Kindern und der Familie verbracht zu haben. Zu viel gearbeitet zu haben und Entscheidungen getroffen oder Lebenswege eingeschlagen zu haben, die andere für sie vorbestimmt hatten.

Inventur des Lebens

„In fast allen Lebensphasen kann man noch neue Wege betreten“, macht Miriam Erraoui Mut: „Aber auf dem Sterbebett ist es natürlich zu spät.“ Sie rät regelmäßig zu einer Inventur des Lebens: „Das macht uns auch bewusst, wie kostbar und zerbrechlich unser Leben ist. Wenn wir das im Hinterkopf haben, leben wir bewusster. Wir gehen durchs Leben, als hätten wir unendlich viel Zeit, Energie und Gesundheit. Aber dem ist nicht so. Wenn wir unserer Vergänglichkeit bewusst sind, gibt uns das eine ganz andere Kraft und unserem Leben eine ganz neue Dynamik. Damit wir nicht am Ende des Lebens dastehen und nur noch sagen können: Schade, warum habe ich eigentlich nie meine Träume verwirklicht - sofern man welche hatte, natürlich.“

Rückschläge im Leben 

Ob man Rückschläge im Leben, z.B . ein Scheitern in einer Prüfung, als Entwicklungschance oder als Ungerechtigkeit ansieht, ist eine Frage der Einstellung. Pessimisten sehen eben eher das Negative, während Optimisten auch im Scheitern nach den guten Dingen suchen: „Ich habe wohl kein Talent für dieses Thema.“ Man kann im Grunde jedes Leben von dieser oder jener Seite her interpretieren. Als eine Kette von Misserfolgen und Niederlagen, aber genauso gut als eine Reihe von Erfolgen und Positivem.

Ist das mein Traumberuf?

Wenn ein junger Mensch während der Ausbildung herausfindet, dass das doch nicht sein Traumberuf ist und umsattelt, ist er dann gescheitert oder hat er alles richtig gemacht? Wenn jemand eine Beförderung ablehnt, weil er lieber mehr Zeit mit der Familie haben möchte, hat er dann eine Herausforderung nicht angenommen oder ist er sich einfach nur treu geblieben? Die Familie mit zwei Kindern, Hund und Haus, ist die im Leben angekommen oder hat sie sich nur den Konventionen ergeben? 

Alles Ansichtssache und daher letztlich egal. Miriam Erraoui: „Stellen Sie ehrlich für sich fest, ob Sie und Ihr Leben im Gleichgewicht sind. Sind Sie da, wo Sie hinwollen? Dann herzlichen Glückwunsch! Haben falsche Entscheidungen Sie dahin geführt, wo Sie gar nicht hinwollten? Dann können Sie jederzeit Ihre Chance ergreifen, ihr Leben anders zu gestalten. Damit Sie Ihr Glück  finden.“

Bilanz ziehen – eine Anleitung

Wie gehe ich vor, wenn ich eine Bilanz meines Lebens ziehen möchte?

Miriam Erraoui: Sie setzen sich mit Papier und Stift irgendwo gemütlich hin und denken nach. Zuerst sollten Sie vielleicht gedanklich in die Zukunft reisen und sich fragen: Wie stelle ich mir mein Leben vor, wenn ich 90 Jahre alt bin? Wie habe ich gelebt? Was hat mir Spaß gemacht? Habe ich Familie, Kinder, Enkelkinder? Was war ich von Beruf? Habe ich ein Unternehmen gegründet? Welche Hobbys habe bzw. hatte ich? Was habe ich erlebt? Bin ich gereist? Wer sind oder waren meine Freunde? Was haben wir gemeinsam unternommen? Diese Antworten geben Hinweise darauf, was Sie wirklich vom Leben erwarten.

Und dann?

Erraoui: Dann schauen Sie, wo Sie gerade im Leben stehen. Fragen Sie sich, was Sie für ein Lebensgefühl haben. Spüren Sie einen Flow, eine Freude und Leichtigkeit? Oder haben Sie ein Gefühl von Schwere, Blockade und Frust? Und nun gehen Sie die wichtigsten Aspekte Ihres derzeitigen Lebens Punkt für Punkt durch. 

Also wie stehen Sie da im Materiellen: Sind Sie finanziell abgesichert, können Sie sich Wünsche erfüllen, haben Sie schon fürs Alter vorgesorgt? Sind Sie zufrieden im Beruf, erfüllt er Sie? Wie sieht es auf der Gefühlsebene aus: Sind Sie zufrieden in der Partnerschaft? Haben Sie Freunde? 

Sie sollten sich fragen, ob Sie ein Umfeld haben, das Sie versteht und unterstützt. Es kann sein, dass unser Umfeld uns hemmt. Vielen ist nicht bewusst, dass sie sich in ihren Entscheidungen oft nach dem richten, was andere raten anstatt sich zu fragen, was ihre eigenen Werte und Ziele sind. Sehr oft, muss man sagen, verfolgen Freunde eigene Ziele. Und sei es nur, weil sie selbst unzufrieden sind und anderen z. B. eine berufliche Fortbildung mit neuen Karrierechancen nicht gönnen. Dann raten sie ab. Aber nehmen wir mal an, Sie machen diese Fortbildung wirklich nicht, die Freundschaft geht in die Brüche und viel später fragen Sie sich: „Warum nochmal habe ich mir das ausreden lassen?“ Dafür ist es auch gut, Bilanz zu ziehen: Damit man sich bewusst wird, was man wirklich will.

Muss ich alles genau aufschreiben?

Erraoui: Das können Sie machen, wie Sie möchten. Sie können auch mit Plus- und Minuszeichen arbeiten. Sie sollten sich auch fragen, welche Entscheidungen im Leben Sie vorangebracht haben, welche falsch waren. Und so bekommen Sie schon nach kurzer Zeit einen Überblick, wo Sie gerade stehen. 

Haben Sie keine Angst: Es geht hier nicht ums Scheitern oder ums Nicht-Scheitern. In der Regel werden Sie in einigen Bereichen mit sich zufrieden sein, in anderen jedoch nicht. Das ist die Chance: Sie können diese Bilanz als Fahrplan für die Zukunft ansehen. Sie haben nun eine Vorstellung von dem, was Sie erreichen möchten, Sie wissen, wo Sie stehen, und können überlegen, wie Sie Schritt für Schritt Ihre Träume verwirklichen. Darum geht es nämlich: Ihr eigenes Leben zu ­leben!

Infos: www.miriam-erraoui.de

Die­ ­verflixten Neuner-Jahre

„Wer im zwanzigsten Jahr nicht schön, im dreißigsten nicht stark, im vierzigsten nicht klug, im fünfzigsten nicht reich ist, der darf darauf nicht hoffen.“ So heißt es in einer der Tischreden von Martin Luther. Bis heute gehen hohe Erwartungen und ein Erfolgsdruck mit einem bestimmten Lebensalter einher. 

Tatsache ist, dass viele Menschen zum Ende eines Lebensjahrzehnts beonders intensiv über ihr Leben nachdenken. Mit 29, 39 oder 49 Jahren wird stärker darüber gegrübelt, ob das eigene Dasein sinnvoll und ausgefüllt ist, berichten US-Forscher in den Proceedings der Nationalen Akademie der Wissenschaften in den USA. 

Menschen neigten dann auch zu radikalerem Verhalten – im Positiven wie im Negativen. Sie gingen z. B. häufiger fremd oder trainierten besonders intensiv für einen Marathon. Die Wissenschaftler werteten Umfragen und Datenbanken aus und stellten fest, dass Neun-Ender generell grüblischer und sorgenvoller waren. Allerdings war der Unterschied gering. Eindeutig war jedoch die Auswertung eines Marathons: Unter den Erstteilnehmer waren überdurchschnittlich viele Neun-Ender: Es waren 50 Prozent mehr, als aufgrund von zufälliger Verteilung zu erwarten gewesen wären. Und bei der Einzelauswertung älterer Läufer zeigte sich: Neun-Ender hatten generell bessere Zeiten als in den Jahren zuvor. Offenbar hatten diese Sportler besonders hart trainiert und waren besonders motiviert.

S. Stockmann

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Low-Carb: Wenig Kohlenhydrate  - und das Hüftgold schmilzt?
Low-Carb verspricht, in nur wenigen Wochen viele Pfunde purzeln zu lassen. Hollywoodstars und Fitnessgurus schwören darauf. Doch stimmt das?
Low-Carb: Wenig Kohlenhydrate  - und das Hüftgold schmilzt?
Keine Lust mehr auf Pizza? Sie könnten schwer krank sein
Sie könnten jeden Tag Salami-Pizza essen – doch plötzlich vergeht Ihnen die Lust? Dann könnte es ein Anzeichen auf etwas Bedrohliches sein.
Keine Lust mehr auf Pizza? Sie könnten schwer krank sein
Frau stirbt an Proteinüberdosis: Kann mir das auch passieren?
Mit nur 25 Jahren starb Bodybuilderin und Mutter Meeghan Hefford an einer Proteinüberdosis. Der Grund: ein seltener Gen-Defekt. Doch was hat es damit auf sich?
Frau stirbt an Proteinüberdosis: Kann mir das auch passieren?
Dokumentation lückenhaft: Kein Beleg für Behandlungsfehler
Bei einem Eingriff kommt es zu Komplikationen. Am Ende steht die Frage im Raum, ob der Arzt einen Fehler gemacht hat. Vor Gericht wäre die Dokumentation der Behandlung …
Dokumentation lückenhaft: Kein Beleg für Behandlungsfehler

Kommentare