Einzigartiges Therapie-Konzept in München

Schmerz! So hilft blaues Licht

München - Am Klinikum rechts der Isar wird ein neues hoch­innovatives Therapiekonzept erprobt, das die Behandlung von Millionen Schmerzpatienten revolutionieren könnte – und das garantiert ohne Nebenwirkungen.

Diese Statistik tut weh: In Deutschland leiden etwa acht Millionen Menschen regelmäßig unter Schmerzen, jeder Vierte sogar täglich. Jetzt wird am Klinikum rechts der Isar ein neues hoch­innovatives Therapiekonzept erprobt, das die Behandlung von Millionen Schmerzpatienten revolutionieren könnte – und das garantiert ohne Nebenwirkungen. Denn das Erfolgsrezept kommt nicht aus den Entwicklungslabors der Pharma-Industrie, sondern stammt aus der ­Natur: Licht, genauer gesagt blaues Licht! Es soll vor allem bei einer angeschlagenen Psyche wahre Wunder bewirken.

„Wir setzen unsere Patienten im wahrsten Sinne des Wortes ins richtige Licht“, sagt ­Professor Thomas Tölle, der Leiter des Zen­trums für interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZIS). Dazu sind die Therapieräume mit einem sogenannten intelligenten Beleuchtungssystem ausgestattet worden. Ausgetüftelt haben es Ingenieure der Münchner Firma Osram. Nun will Professor Tölles Ärzte-Team zwei Jahre lang erforschen, wie Patienten am effektivsten von dem weltweit bislang einzigartigen Konzept profitieren können.

Andreas Beez

 

Die Details zur Methode

Die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaftler sind buchstäblich erhellend. „Wir wissen inzwischen, dass das menschliche Auge nicht nur zum Sehen da ist, sondern auch eine Hilfe zum Glücklichsein sein kann“, berichtet Professor Thomas Tölle. Im Auge befinden sich nämlich sogenannte Rezeptorzellen, die empfindlich auf Licht mit einem hohen Blauanteil reagieren. Diese Zellen stimulieren bestimmte Anteile des Gehirns, nehmen dadurch unter anderem Einfluss auf die Ausschüttung von Glückshormonen. „Sie funktionieren wie eine Art Stimmungstaktgeber“, erläutert der Arzt und Wissenschaftler.

Die Rezeptorzellen sind 2001 in Laborstudien entdeckt und 2007 erstmals beim Menschen nachgewiesen worden. Im ZIS werden sie nun praktisch dauerbestrahlt: Die Patienten sitzen während ihrer Behandlungen unter der Spezialbeleuchtung. „Sie hat einen etwa doppelt so hohen Blauanteil wie normales Kunstlicht“, erklärt Osram-Experte Dieter Lang. „Und die Beleuchtungsstärke ist etwa acht Mal so hoch wie an einem typischen Arbeitsplatz.“ Sie beträgt 4000 Lux.

Speziell geschulte Techniker haben die Lichtquellen feinjustiert, bis das System perfekt eingerichtet war. Nun können die Schmerz-Therapeuten des ZIS mit Hilfe eines Computers aus einem Dutzend verschiedener Beleuchtungsvarianten auswählen.

„Der Faktor Licht wird – vor allem was das Wohlbefinden und die Vitalität von uns Menschen angeht – bislang stark unterschätzt“, glaubt Professor Tölle. Er verweist auf diverse wissenschaftliche Studien:

- In England fanden Wissenschaftler heraus: Wenn man an Büro-Arbeitsplätzen Lampen mit einem hohen Blauanteil installiert, verbessert sich die Konzentrationsfähigkeit und die Stimmung der Mitarbeiter. Sie schlafen auch besser.

- In der Schweiz blieben Krankenhaus-Patienten, die an hellen Fenstern lagen, durchschnittlich drei Tage kürzer in der Klinik als jene Patienten, die in lichtabgewandten Bereichen untergebracht waren.

- Wenn OP-Patienten direkt nach dem Aufwachen in lichtdurchflutete Räume gebracht werden, sinkt der Verbrauch von opiathaltigen Schmerzmitteln durchschnittlich um 30 Prozent.

Solche Erkenntnisse sieht Professor Tölle als klare Indizien dafür, dass sich der Einsatz von intelligentem Licht in den verschiedensten Lebensbereichen lohnen würde – im oft düsteren Winter noch mehr als im Sommer. „Wenn sich unser neues Therapiekonzept bewährt, dann könnte sich daraus ­sogar eine Art DIN-Norm für Licht entwickeln“, hofft der Mediziner, „zum Beispiel in Krankenhäusern oder auch in Bürogebäuden.“

 

„Belastungen im Beruf nehmen zu“

Professor Thomas Tölle ist Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft

Immer mehr Menschen leiden unter chronischen Schmerzen. Im tz-Interview erläutert Professor Thomas Tölle vom Klinikum rechts der Isar die Hintergründe. Der renommierte Neurologe und Psychologe ist auch Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft.

Warum ist es so schwierig, chronische Schmerzpatienten effektiv zu behandeln?

Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Thomas Tölle: Weil die körperlichen Symptome nur einen Teil dieser komplexen Erkrankung ausmachen. Oft verbergen sich dahinter auch soziale und psychische Probleme.

Welche zum Beispiel?

Tölle: Schlaf- und Angststörungen sowie Depressionen nehmen massiv zu. Viele Patienten versinken in Perspektivlosigkeit und bauen regelrechte Kastrophenszenarien auf.

Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Tölle: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die sozialen Belastungen zugenommen haben. Der Druck im Job wächst, immer mehr Berufstätige machen sich Sorgen darüber, ob ihr Arbeitsplatz langfristig sicher ist. Das führt zu einer Empfindlichkeit und Empfänglichkeit für psychische Probleme.

Wie kann man diesen Patienten effektiv ­helfen?

Tölle: Wir brauchen mehr Schmerzzentren, in denen eine spezialisierte Versorgung angeboten wird. Ein niedergelassener Arzt kann das in unserem Gesundheitssystem schon aus wirtschaftlichen Gründen kaum leisten. Ihm wird die zeitintensive Betreuung von chronischen Schmerzpatienten nicht vergütet. Außerdem mangelt es oft an der Ausbildungsbreite.

Wann wird ein Schmerz eigentlich als chronisch eingestuft?

Tölle: Wenn er nach etwa drei bis sechs Monaten immer noch anhält und sich nichts bessert. Betroffene sollten nicht zu lange damit warten, zum Arzt zu ­gehen.

Warum ist es so wichtig, Schmerzen frühzeitig zu behandeln?

Tölle: Weil Schmerzpatienten auf Dauer oft in einen Teufelskreis geraten. Ein Beispiel: Man denkt, man kann sich nicht mehr bewegen – also bewegt man sich gar nicht mehr, und die Beschwerden werden noch schlimmer. Wenn etwa ein Rückenpatient länger als sechs Monate krankgeschrieben ist, dann beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass er jemals wieder arbeiten geht, etwa 50 Prozent. Ist ein Patient länger als ein Jahr arbeitsunfähig, dann liegt die Wahrscheinlichkeit praktisch bei null Prozent – und das unabhängig vom Alter.

Interview: Andreas Beez

 

Das ist das ZIS

Das Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZIS) gibt es seit sieben Jahren, die neuen Räumlichkeiten befinden sich direkt an der U-Bahnstation Max-Weber-Platz. Etwa 150 Patienten werden hier in multimodalen Schmerztherapie-Programmen pro Jahr behandelt – ambulant oder stationär. Darüber hinaus werden die Schmerz-Spezialisten jährlich zu etwa 1500 Patienten hinzugerufen, die auf verschiedenen Stationen des Klinikums rechts der Isar liegen.

 

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