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Das Herz im Blick: Prof. Heribert Schunkert zählt zu Deutschlands renommiertesten Kardiologen.

Herzspezialisten erklären die Details

Neue Regeln für den Blutdruck

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Kaum eine Volkskrankheit wird so stark unterschätzt – und das, obwohl Experten seit Jahren gebetsmühlenartig auf die Gefahren des „stillen Killers“ wie Schlaganfälle oder Herzinfarkte hinweisen: Bluthochdruck.

Rund 20 Millionen Bundesbürger leiden unter Bluthochdruck, riskieren damit eine schleichende Schädigung ihrer Gefäße. Schätzungsweise vier Millionen wissen noch nicht mal etwas von ihren zum Teil äußerst besorgniserregenden Werten. „Weniger als die Hälfte aller Bluthochdruckpatienten erreicht heute einen Blutdruck von unter 140/90 mmHG, der zur Senkung des Herzkreislaufrisikos notwendig ist“, warnt Herz-Professor Heribert Schunkert. Dabei sollten die Werte in vielen Fällen sogar noch deutlich niedriger sein. 

So hat sich in einer spektakulären Großstudie herauskristallisiert, dass viele Patienten mit mäßigem Herz-Kreislauf-Risiko von Blutdruckwerten unter 130 mmHg systolisch (oberer Wert) deutlich profitieren. Bei geeigneten Patienten könne eine weitere Senkung auf unter 120 mmHG „beeindruckende Erfolge“ bringen, so Schunkert. Der Experte der Deutschen Herzstiftung und Ärztliche Direktor des Deutschen Herzzentrums München die neuen Regeln für den Blutdruck.

Die sogenannte SPRINT-Studie lässt die Herzen vieler Kardiologen schneller schlagen. Sie lieferte ein aufsehenerregendes Kernergebnis: Bluthochdruckpatienten haben ein deutlich kleineres Risiko zu sterben oder eine gefährliche Herzschwäche zu erleiden, wenn der obere Blutdruckwert unter 120 mmHg liegt – also deutlich unter dem bislang empfohlenen Grenzwert von 140 mmHg! Wissenschaftler rund um den Globus halten die Studie mit 9361 Patienten über 50 Jahren für sehr aussagekräftig.

„Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht – wie die meisten medizinischen Studien – durch die Pharmaindustrie finanziert wurde, sondern von den US-Gesundheitsbehörden“, berichtet Professor Schunkert in einem Interview mit der Zeitschrift Herz heute. Darin betont der Spezialist der Herzstiftung allerdings zugleich, dass eine derart intensive Blutdrucksenkung längst nicht bei allen Patienten Sinn mache – in manchen Fällen könne sie sogar schaden. Etwa dann, wenn Begleiterkrankungen wie eine Koronare Herzkrankheit vorliegen: „Für sie kann eine zu drastische Senkung problematisch werden, weil die Durchblutung der Herzkranzgefäße, besonders wenn noch Engstellen vorliegen, gefährdet werden kann.“ 

Wie Prof. Schunkert erläutert, kommt nach den Ergebnissen der Studie eine intensive Senkung auf 120 mmHg besonders für bestimmte Patienten über 50 Jahre infrage, deren Herz-Kreislauf-Risiko von ärztlicher Seite als nicht zu hoch eingestuft wird. 

Seine Faustregel lautet: „Je jünger und gesünder ein Hochdruckpatient ist, desto näher sollte er an 120 mmHg herangeführt werden: Kommt ein junger Mensch mit einem Blutdruck von 140 mmHg zu mir, sage ich: ,Da ist mehr drin‘.“ Allerdings seien enge Kontrollen wegen möglicher Nebenwirkungen durchaus angebracht. Dazu zählen zu niedriger Blutdruck, Ohnmachtsanfälle, Störungen des Salz- bzw. Elektrolythaushalts und eine Verschlechterung der Nierenwerte.

Mehr Infos: www.herzstiftung.de/sprint-studie

Wann ist der Blutdruckwert krankhaft erhöht?

Bluthochdruck ist definiert als eine durch den Arzt wiederholt gemessene Erhöhung des Ruheblutdrucks über 140 mmHg systolisch (oberer Wert) und 90 mmHg diastolisch (unterer Wert). Bei der Patientenselbstmessung liegt die Grenze zum krankhaften Blutdruck tiefer bei 135 mmHg systolisch und 85 mmHg diastolisch. Beim Überschreiten dieser Werte ist das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich erhöht. Die Blutdruckerhöhung gilt als krankhaft, wenn einer der beiden Grenzwerte überschritten wird. Die Deutsche Herzstiftung rät dazu, frühzeitig – bereits beim Kinderarzt und später beim Hausarzt – regelmäßige Blutdruckmessungen vornehmen zu lassen. Wenn die Werte zu hoch sind, sollte der Bluthochdruck konsequent behandelt werden.

Bluthochdruck? So fällt der Wert ohne Pillen

Herz-Prof. Helmut Gohlke.

Bluthochdruck ist kein unabdingbares Schicksal. Zum einen lässt sich die Volkskrankheit heutzutage mit gut verträglichen Medikamenten effektiv behandeln (siehe Übersichtstabelle unten), und zum anderen können Patienten ihre Werte auch ein Stück weit selbst beeinflussen – mit einem gesünderen Lebensstil. Was alles dazu gehört und worauf es im Alltag besonders ankommt, erklärt Professor Helmut Gohlke, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung. Er hat fünf praktische Tipps auf Lager, wie man den Blutdruck auf natürliche Weise senken kann.

  • Tipp Nr. 1: Mit Bewegung den Blutdruck natürlich senken!
    Mit einem gut durchdachten Sportprogramm ist bei einem Bluthochdruck eine Verringerung der Werte um etwa 5 bis 10 mmHg zu erwarten, wobei sich die Wirkung von Mensch zu Mensch je nach Veranlagung deutlich unterscheiden kann. Die medizinischen Leitlinien empfehlen zur Blutdrucksenkung unter anderem regelmäßige Ausdauerbewegung (schnelles Gehen, Joggen, Radfahren oder Schwimmen) fünfmal die Woche 30 Minuten lang. 
  • Tipp Nr. 2: Frische Kräuter statt Salz! 
    Bei vielen Menschen führt eine hohe Salzzufuhr zu erhöhten Blutdruckwerten. Vermeidet man in solchen Fällen salzreiche Speisen und schafft es damit, die tägliche Kochsalzzufuhr auf unter sechs Gramm zu verringern, lässt sich auf diese Weise ein erhöhter Blutdruck oft deutlich senken. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Salzaufnahme erreicht bei vielen Menschen bei einer unbedachten Ernährungsweise häufig 10 bis 15 Gramm pro Tag, wobei auch bis zu 30 Gramm pro Tag bei manchen Menschen keine ungewöhnlichen Mengen sind. Dass Speisen mit wenig Salz gezwungenermaßen fade schmecken, ist eine zwar weit verbreitete, aber falsche Vorstellung, was nicht zuletzt die mediterrane Küche beweist. Oft kann man mit ausgewählten Gewürzen und frischen Kräutern sogar einen deutlich besseren Geschmack erzielen als mit der üppigen Verwendung von Salz. 
  • Tipp Nr. 3: Auf überlegten Umgang mit Alkohol achten! 
    Alkohol kann ab bestimmten Mengen den Blutdruck erhöhen. Männern wird empfohlen, pro Tag nicht mehr als 20 Gramm Alkohol zu trinken, was je nach Alkoholgehalt zum Beispiel 250 Milliliter Wein am Tag entsprechen kann. Frauen sollten dagegen nicht mehr als 10 Gramm Alkohol pro Tag trinken (125 ml Wein) – nicht nur wegen des geringeren Körpergewichtes, sondern auch weil sie den Alkohol langsamer abbauen.
     
  • Tipp Nr. 4: Körpergewicht kann Blutdruck beeinflussen!
      Auch wenn es erfahrungsgemäß oft nicht einfach ist, Übergewicht zu reduzieren, gehört die Normalisierung des Körpergewichts zu jenen Maßnahmen, mit denen sich ein hoher Blutdruck in vielen Fällen besonders wirkungsvoll senken lässt. Oft lohnen sich die Anstrengungen des Abnehmens dann übrigens gleich in mehrfacher Hinsicht: Wer in dieser Zeit zum Beispiel neue Sportarten entdeckt – vielleicht sogar im Team mit anderen Menschen – oder Spaß an einer gesundheitsfördernden Ernährung findet, wird das Abnehmen schnell als Bereicherung erleben und mit hoher Wahrscheinlichkeit einen deutlichen Zugewinn an Lebensfreude verbuchen können.
     
  • Tipp Nr. 5: Den eigenen Umgang mit Stress verbessern!
    Bestimmte Formen von Stress können den Blutdruck in die Höhe treiben und damit das Risiko für Herzerkrankungen steigern. Deshalb sollte man Stress unbedingt reduzieren.

Andreas Beez


So wirken Blutdrucksenker

Übersicht der Deutschen Hochdruckliga über die wichtigsten Medikamente

Wirkstoffgruppe

Wirkung

Erste Wahl

Nebenwirkungen

Diuretika

(Thiazide, „Wassertabletten“)
Gängige Wirkstoffe: Hydrochlorothiazid (z.B. HCT, Disalunil), Indapamid (Indapamid von AL, Stada, ratiopharm u.a.)

Steigern die Ausscheidung von Salz und Wasser, wirken daher harntreibend. Die Blutflüssigkeitsmenge nimmt dadurch ab, die Gefäßwände werden entlastet und erweitert.

Gut in niedriger Dosis in Kombination mit anderen Blutdrucksenkern, verstärken ihre Wirkung. Empfehlenswert bei Herzmuskelschwäche.

Anfangs häufiger Harndrang. Heute als alleiniges Blutdruckmittel (Monotherapie) nicht mehr üblich, weil Diuretika sich ungünstig auf Fett- und Zuckerwerte auswirken können. Bevorzugt Einsatz in geringer und besser verträglicher Dosierung in der Kombinationstherapie.

Beta-Blocker

(Beta-1-Rezeptor-selektive Blocker) Gängige Wirkstoffe: Metoprolol (z.B. Beloc zok, Metoprolol von Heumann, AWD, Stada u.a.), Bisoprolol (z.B. Concor, Bisoprolol von ratiopharm, Stada, AWD u.a.)

Blockieren die Stellen am Herzen (Beta-1-Rezeptoren), an denen blutdrucksteigernde Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin andocken.

Basismedikament für Patienten, die schon Ablagerungen an den Herzkranzgefäßen haben (Koronare Herzkrankheit, KHK), einen Herzinfarkt hatten, an Herzmuskelschwäche oder Herzrhythmusstörungen leiden. Verzögern Fortschreiten dieser Erkrankungen und wirken hierbei lebensverlängernd.

Der Herzschlag verlangsamt sich. Eine Schuppenflechte kann wieder aufblühen. Bei Asthmatikern sind Betablocker nicht geeignet. Bei Patienten mit chronischer obstruktiver Bronchitis können sie unter Beachtung der Lungenfunktion und Verträglichkeit mit Vorsicht eingesetzt werden.

Kalzium-Antagonisten

Gängige Wirkstoffe: Nitrendipin (z.B. Nitrendipin von Stada, AL u.a.), Amlodipin (z.B. von AWD, Hexal, Stada), Verapamil (z.B. Falicard, Isoptin, Verapamil von 1A Pharma, ratiopharm u.a.), Diltiazem (z.B. von ratio u.a.)

Hemmen das Einströmen von Kalzium in die Muskelzellen der Gefäße oder des Herzens, entspannen damit die Muskeln. Einige Mittel (Amlodipin) stellen Gefäße weit, andere (Verapamil / Diltiazem) verlangsamen zusätzlich den Herzschlag.

Sind gut wirksam bei fast allen Patienten und können gut in Kombination mit anderen Medikamenten gegeben werden.

Nur selten Nebenwirkungen. Bei höherer Dosis sind Wassereinlagerungen an den Knöcheln (Ödeme), Kopfschmerzen, Herzklopfen möglich. Zwei besondere Kalzium-Antagonisten (Verapamil und Diltiazem) verlangsamen wie Beta-Blocker den Herzschlag und dürfen deshalb nicht mit diesen kombiniert werden.

ACE-Hemmer

Gängige Wirkstoffe: Ramipril (z.B. Delix, Vesdil, Ramipril von CT, AL, Hexal u.a.), Lisinopril (z.B. Acerbon, Lisinopril von 1A Pharma, Sandoz, Stada

Verhindern weitgehend das Entstehen eines Hormons (Angiotensin II), das die Gefäße eng stellt und damit den Blutdruck erhöht.

Besonders gut für Diabetiker und bei Herzmuskelschwäche. Können eine Verschlechterung diabetischer Nierenschäden verzögern. Besonders gut wirksam in Kombination mit einem Diuretikum oder Kalzium-Antagonisten.

Häufig (10%) Reizhusten, oft erst nach Jahren der Einnahme. Dann empfiehlt sich, stattdessen einen AT 1-Rezeptor-Antagonisten einzunehmen. Dürfen in der Schwangerschaft nicht eingenommen werden.

AT 1-Rezeptor-Antagonisten (Sartane)
Gängige Wirkstoffe: Losartan, (z.B. LORZAAR) Valsartan (z.B. Diovan, Provas), Candesartan (z.B. Atacand, Blopress), Eprosartan (z.B. Teveten), Olmesartan (Olmetec, Votum), Telmisartan (z.B. Micardis, Kinzalmono)

Blockieren die Effekte von Angiotensin II an den Andockstellen (Rezeptoren) im Gewebe.

Wie ACE-Hemmer.

Sehr nebenwirkungsarm, Alternative zu ACE-Hemmern. Dürfen in der Schwangerschaft nicht eingenommen werden.

Renin-Hemmer

Gängiger Wirkstoff: Aliskiren (Rasilez)

Greifen wie ACE-Hemmer in die Hormon-Synthese von Angiotensin II ein – allerdings sehr frühzeitig.

Wirkt alleine blutdrucksenkend oder besonders in Kombination mit einem Diuretikum oder Kalzium-Antagonisten.

Durchfall, Hautausschlag. Bei Diabetikern oder bei Nierenschwäche keine gleichzeitige Behandlung mit ACE-Hemmer oder AT 1-Rezeptor-Antagonist. Rücksprache beim Hausarzt erforderlich. Dürfen in der Schwangerschaft nicht eingenommen werden.

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