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Wie wirken Bluthochdruck-Medikamente? Wann und welche Therapie brauchen Patienten? 

Herzwochen: Die große Serie mit Experten der Deutschen Herzstiftung

Bluthochdruck: Der Arznei-Check

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Bluthochdruck ist ein unterschätztes Risiko für das Herz und Gefäße. In unserer großen Serie mit Experten der Deutschen Herzstiftung erfahren Sie mehr zu diesem Thema.  

Bei gerade mal fünf Prozent der geschätzten 20 Millionen Bluthochdruck-Patienten in Deutschland steckt eine andere Erkrankung dahinter.

Prof. Dr. Heribert Schunkert.

Dagegen trägt jeder zweite Patient die erbliche Veranlagung für den hohen Blutdruck schon in sich. Trotzdem ist Bluthochdruck alles andere als ein unausweichliches Schicksal: „Vielmehr wird bei einer gegebenen Veranlagung der Blutdruck erst durch sogenannte Lebensstilfaktoren – sprich Übergewicht, zu hoher Salzverzehr, Bewegungsmangel, zu viel Alkohol und Rauchen – nach oben getrieben. Dagegen kann man etwas tun“, betont Professor Dr. Heribert Schunkert, Chef des Deutschen Herzzentrums in München und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung.
Im Rahmen ihrer bundesweiten Herzwochen informiert die renommierte Patientenorganisation derzeit über die Gefahren von Bluthochdruck und anderen stillen Killern, die das Herz- und Gefäßsystem massiv schädigen können. Wie man sich dagegen wappnen kann, erklären Experten der Herzstiftung in unserer großen Serie.

Abnehmen hilft - doch welche Medikamente helfen 

„Allein mit Abnehmen lässt sich einiges erreichen“, erläutert Prof. Schunkert. „Als Faustregel gilt: Mit jedem Kilo purzelt auch der Blutdruck um 1 mmHG. Das bedeutet bei zehn Kilo Gewichtsverlust immerhin einen um 10 mmHG niedrigeren Blutdruck!“
Das große Problem dabei: „Zehn Kilo abzuspecken, erfordert viel Disziplin – genauso wie beispielsweise mehr Bewegung oder eine gesündere Ernährung. Deshalb kommen die meisten Bluthochdruck-Patienten auf Dauer nicht um Medikamente herum.“ Spätestens, wenn sich nach drei Monaten die Werte ohne Tabletten nicht bessern, sei eine medikamentöse Therapie ratsam, so Schunkert.

Einstufung der Blutdruckwerte (in mmHG)

Offizielle Klassifikation des in der Arztpraxis gemessenen Bluthochdrucks

Kategorie

Systolisch

(oberer Wert)

Diastolisch

(unterer Wert)

Optimal

< 120

und

< 80

Normal

120 bis 129

und/oder

80 bis 84

Hochnormal

130 bis 139

und/oder

85 bis 89

Bluthochdruck Grad I

140 bis 159

und/oder

90 bis 99

Bluthochdruck Grad II

160 bis 179

und/oder

100 bis 109

Bluthochdruck Grad III

ab 180

und/oder

ab 110

Prof. Dr. Thomas Eschenhagen.

„Mindestens zwei Drittel aller Patienten brauchen für eine gute Blutdruckeinstellung mindestens zwei, vielleicht sogar drei Medikamente“, berichtet der Pharmakologe Professor Dr. Thomas Eschenhage n im aktuellen Bluthochdruck-Ratgeber der Herzstiftung.
Im Wesentlichen verordnen Ärzte Medikamente aus vier verschiedenen sogenannten Wirkstoffklassen, die häufig miteinander kombiniert werden: ACE-Hemmer bzw. Sartane, Diuretika, Calciumantagonisten und Betablocker. „Trotz intensiver Forschung gibt es bis heute keine klaren Belege dafür, dass bestimmte Blutdrucksenker grundsätzlich besser sind als andere“, sagt Prof. Eschenhagen. Wir erklären die verschiedenen Tablettensorten und ihre Unterschiede.

So wirken die fünf wichtigsten Tablettenarten

  • ACE-Hemmer (z. B. Ramipril, Enalapril, Lisinopril) senken den Blutdruck, weil sie die Bildung des stark gefäßverengenden Hormons Angiotensin reduzieren. Über 16 Millionen Bundesbürger nehmen täglich einen ACE-Hemmer, der damit das am häufigsten eingenommene Arzneimittel überhaupt ist. Die Verträglichkeit ist generell gut. Etwa fünf Prozent der Patienten leiden als Nebenwirkung unter hartnäckigem trockenem Husten. Das ist ein Grund, auf Sartane umzustellen. Sehr selten ist das lebensbedrohliche sogenannte Angioödem, das heißt eine plötzliche Schwellung des Rachenraums mit Luftnot, die ein sofortiges ärztliches Eingreifen erfordert. Wichtig sind Kontrollen der Nierenfunktion und des Kaliumspiegels (Blutuntersuchung). Gute Kombinationspartner der ACE-Hemmer sind Diuretika und Calciumantagonisten.
  • Sartane (Angiotensin-Rezeptorblocker; z. B. Candesartan, Valsartan, Losartan) haben die gleichen Wirkungen und Nebenwirkungen wie ACE-Hemmer. Eine Ausnahme sind Husten und Angioödeme, die bei Sartanen selten oder gar nicht auftreten. Sartane sind die zweitwichtigste Gruppe von Blutdrucksenkern und werden von etwa 8 Millionen Patienten täglich eingenommen. Der 2010 aufgekommene Verdacht, dass Sartane Krebserkrankungen begünstigen, konnte in einer größeren Analyse nicht bestätigt werden.
  • Diuretika (z.B. Chlortalidon, Hydrochlorothiazid, HCT, Indapamid) erhöhen die Salzausscheidung über die Nieren und werden bei Bluthochdruck in relativ niedrigen Dosen eingesetzt, in der Regel in Kombination mit einem weiteren Blutdruckmedikament. Sie werden von etwa 6 Millionen Patienten täglich eingenommen. Chlortalidon ist besser in großen Studien untersucht als HCT und hat eine besonders lange und gleichmäßige Wirkdauer, was als Vorteil gelten muss. Dazu ist es billiger als HCT. Dennoch wird bei uns HCT aus Gewohnheit mehr verordnet.
    Das Hauptrisiko von Diuretika ist eine Verringerung des Kaliumspiegels im Blut, was Herzrhythmusstörungen begünstigt. Daher muss der Kaliumspiegel unbedingt regelmäßig bestimmt und gegebenenfalls durch Gabe von kaliumsparenden Diuretika wie Triamteren, Amilorid oder eben auch Spironolacton/Eplerenon ausgeglichen werden. Die Einnahme von Kaliumtabletten allein ist in der Regel nicht ausreichend und verursacht unnötige Nebenwirkungen. Da ACE-Hemmer/ Sartane den Kaliumspiegel eher erhöhen, ist die Kombination der beiden Prinzipien besonders sinnvoll. Diuretika erhöhen statistisch das Auftreten von Diabetes bei Patienten mit Bluthochdruck. Welche Rolle dies für die Gesamtwirkung auf die Lebensprognose von Patienten hat, ist unklar, weil trotz des Diabetesrisikos keine Studie eine Unterlegenheit von Diuretika gegenüber anderen Blutdrucksenkern gezeigt hat. Diuretika können auch Gichtanfälle auslösen und sollten daher bei Patienten mit hohen Harnsäurespiegeln nicht oder nur in niedrigen Dosen eingesetzt werden. Überhaupt sind die Nebenwirkungen vor allem in hohen Dosen, die günstigen Wirkungen schon in niedrigen Dosen zu sehen. Gute Kombination mit ACE-Hemmern/Sartanen und mit Betablockern.
  • Calciumantagonisten (z. B. Amlodipin, Lercanidipin, Nitrendipin) erweitern die Blutgefäße und senken dadurch den Blutdruck. Sie werden täglich von etwa 6,5 Millionen Patienten eingenommen. Wenn die Blutdrucksenkung, wie z. B. bei Nifedipin, schnell und kurzfristig geschieht, antwortet der Körper mit einer ungünstigen Aktivierung des Sympathikus (Folge z. B. Herzrasen). Daher werden heute für die Blutdrucksenkung praktisch nur noch langsam und langwirkende Substanzen wie Amlodipin eingesetzt, auf die sich der Körper gut einstellen kann. Eine typische Nebenwirkung der Calciumantagonisten sind Unterschenkelödeme. Sie treten bei Lercanidipin weniger häufig auf als bei Amlodipin. Gute Kombination mit ACE-Hemmern/Sartanen und mit Betablockern.
  • Betablocker (z.B. Metoprolol, Bisoprolol, Nebivolol)schirmen Herz und Kreislauf vor den Wirkungen des Stresshormons Adrenalin ab. Sie werden von etwa 7 Millionen Patienten täglich eingenommen. Patienten mit Asthma, AV-Block, Schuppenflechte, Depression oder schwerer Raucherbeinkrankheit und Typ-1-Diabetes dürfen keine Betablocker einnehmen. Betablocker können die maximale körperliche Leistungsfähigkeit einschränken, müde und impotent machen und kalte Finger und Zehen hervorrufen. Daher gelten sie bei vielen Patienten als schlecht verträglich. Tatsächlich zeigen aber Studien, dass Betablocker von den allermeisten Patienten ohne jede Nebenwirkung vertragen werden. Wichtig ist es, mit einer niedrigen Dosis zu beginnen und diese langsam zu steigern. Betablocker müssen unbedingt regelmäßig eingenommen und dürfen nicht plötzlich abgesetzt werden, weil es sonst zu einer überschießenden Adrenalin-Wirkung kommen kann (Herzrasen, Blutdrucksteigerung) – das genaue Gegenteil von dem, was man erreichen will.

Diese Wirkstoffe stecken in vielen Medikamenten

  • ACE-Hemmer: Langwirkend Ramipril, Enalapril, Lisinopril, Benazepril, Quinapril, Fosinopril, Perindropril, kurzwirkend Captopril. 
  • Sartane (AT1-Rezeptorantagonisten): Candesartan, Valsartan, Losartan, Olmesartan,  Telmisartan, Irbesartan,  Eprosartan, Azilsartan 
  • Diuretika: Thiaziddiuretika Hydrochlorothiazid, Xipamid, Indapamid, Chlortalidon, Kaliumsparende Diuretika, die nur im Rahmen einer Kombinationstherapie eingesetzt werden Triamteren, Amilorid, Aldosteronantagonisten Spironolacton, Eplerenon. 
  • Betablocker: Metoprolol, Bisoprolol, Nebivolol, Carvedilol, Atenolol, Propanolol, Celiprolol, Betaxolol, Talinolol.
  • Calciumantagonisten: Langwirkende Dihydropyridine Amlodipin, Lercanidipin, Nitrendipin, Felodipin, Nisoldipin, Kurzwirkende Dihydropyridine Nifedipin.

Kostenloser Ratgeber der Deutschen Herzstiftung

Den 56 Seiten starken Ratgeber der Deutschen Herzstiftung kann man kostenlos bestellen: unter www.herzstiftung.de/Bluthochdruck oder Tel. 069/ 955128-400, -E-Mail: bestellung@herzstiftung.de

Andreas Beez

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