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Messen in der Praxis ist nicht zuverlässig: Manche Menschen sind beim Arzt aufgeregt, ihr Blutdruck steigt – die Diagnose: Weißkittel-Hypertonie.

Was Bluthochdruck so gefährlich macht

München - Er gilt als stiller Killer - Bluthochdruck verursacht keine Schmerzen, ist aber dennoch sehr gefährlich. Die Risiken und Folgen von zu hohem Blutdruck:

Bluthochdruck – oder Hypertonie wie die Mediziner sagen, ist in Deutschland weit verbreitet. Laut Erhebungen des Robert-Koch-Instituts tritt er bei jedem zweiten Erwachsenen auf (44 % der Frauen und 51 % der Männer im Alter von 18 bis 79 Jahren). Bei geschätzten 18 bis 35 Millionen Menschen wird das Blut mit zu hohem Druck durch die Arterien gepumpt.

Wird Bluthochdruck zufällig bei einer Routineuntersuchung festgestellt, gibt es oft schon erste Schäden an Gefäßen oder Organen. „Wir schätzen, dass in Deutschland rund fünf Millionen Menschen, insbesondere junge Erwachsene, gar nicht wissen, dass ihr Blutdruck zu hoch ist“, erklärte Professor Martin Middeke, Leiter des Hypertoniezentrums München, im tz-Gespräch. Mit ihm sprach Susanne Stockmann darüber, was unser Herzkreislauf­system unter Druck setzt.

Blutdruckmessung: Das bedeuten die Werte

Klassifikation

systolisch

diastolisch

optimal

< 120

< 80

normal

120 - 129

80 - 84

„hoch-normal“

130 - 139

85 - 89

leichte Hypertonie (Schweregrad 1)

140 - 159

90 - 99

mittelschwere Hypertonie (Schweregrad 2)

160 - 179

100 - 109

starke Hypertonie (Schweregrad 3)

≥ 180

≥ 110

Als optimal gilt ein Wert von 120/80mmHg, dann werden alle Organe bestens durchblutet und mit Sauerstoff versorgt. Die Arterien sind darauf ausgelegt, diesen Druck elastisch zu puffern und das Blut im gleichmäßigen Fluss weiterzuleiten. Ab einem Wert von 140/90 mmHg spricht man von zu hohem Druck, der gesenkt werden sollte. „Studien haben zweifelsfrei belegt, dass die Patienten von einer Blutdrucksenkung profitieren“, erklärt der Mediziner Middeke: „Es geht darum, im mittleren Alter etwas für sich zu tun, um das hohe Alter genießen zu können.“ Unter Hochdruck lebt es sich erheblich kürzer: Bleibt ein 35-Jähriger Mann mit einem dauerhaften Blutdruck von 150/100 mmHg unbehandelt, so reduziert sich seine Lebenserwartung um 16,5 Jahre von 76,5 auf 60 Jahre!

Das sind die Warnzeichen

Manchmal gibt es Warnzeichen wie Schwindel und Kopfschmerzen nach dem Aufstehen am Morgen. „Je stärker der Blutdruck erhöht ist, desto schlimmer sind die morgendlichen Beschwerden“, so Prof. Middeke. Allerdings nicht bei jedem: Nur vier von zehn Hypertonikern werden so gewarnt, die meisten merken nichts.

So verlängern Sie Ihr Leben

Fotos

90 Prozent der Patienten haben eine primäre Hypertonie, das heißt, es liegt keine andere Erkrankung vor, die das System unter Druck setzt. „Bei 40 Prozent dieser Menschen spielt jedoch eine genetische Komponente eine Rolle“, so Professor Middeke. Lebenstil bedingte Faktoren haben dann einen größeren Einfluss, zum Beispiel, „dass diese Menschen auf Salz besonders stark mit einem Blutdruckanstieg reagieren“. Bluthochdruck kann verschiedene Ursachen haben, generell steigt er mit dem Alter. Der wohl wichtigste Auslöser für eine Hypertonie ist Übergewicht: 60 Prozent der Patienten sind zu dick. Aber auch Stress, Bewegungsmangel, Schlafstörungen, Rauchen und übermäßiger Alkohol sind wichtige Risikofaktoren. Einen Automatismus gibt es nicht: Nicht jeder Couch-Potatoe steht innerlich unter Druck.

Als gefährdet gelten sogar Kinder, bei denen zudem nur selten gemessen wird. Besonders die übergewichtigen Kleinen mit Hypertoniker-Eltern sollten regelmäßig kontrolliert werden, sonst sinkt ihre Lebenserwartung drastisch.

Diagnose und Therapie

Eine Diagnose und eine möglicherweise lebenslange Therapie darf nicht auf einer einmaligen Messung in der Arztpraxis beruhen. Diese Ergebnisse sind nicht zuverlässig: Während sich bei manchen aufgeregten Menschen der Blutdruck beim Arzt erhöht (Weißkittel-Hypertonie), sinkt er bei besonders gestressten Zeitgenossen, die sich beim Mediziner endlich mal entspannen (maskierte Hypertonie). Nur eine ambulante Langzeitmessung über 24 Stunden gibt Aufschluss über die wahren Werte. Dabei wird der Druck etwa 70 Mal gemessen. Schwankungen im Tagesverlauf sind normal: Morgens nach dem Aufstehen ist er am höchsten, bei Anstrengung, Aufregung und Stress steigt er zwischenzeitlich. Nachts sinkt er. Ergibt eine 24-Stunden-Kontrolle, dass der Blutdruck in der Nacht sogar steigt, gibt es höchstwahrscheinlich eine organische Ursache, die gefunden werden muss, wie zum Beispiel hormonelle Störungen der Nebenniere. Das bedeutet, dass bei der Basis-untersuchung immer auch die Hormone bestimmt werden müssen, um die mögliche Ursache des hohen Blutdrucks zu finden. Dabei kann sich auch herausstellen, dass Vitamin-D-Mangel vorliegt. Man vermutet, dass bei älteren Menschen die Haut an Fähigkeit verliert, Vita­min D mit Hilfe des Sonnenlichts herzustellen.

„Die Blutdruckbehandlung muss im Alltag stattfinden“, sagt Professor Middeke, der ein Befürworter der Selbstmessung ist. Allerdings gibt es Menschen, die durch ihre negative Erwartungshaltung einen hohen Blutdruck produzieren. Diese sollten dann lieber mit einem 24-Stunden-Messgerät ausgerüstet werden. Bei Patienten, bei denen es sehr schwer ist, den Blutdruck einzustellen, leistet die Telemetrie gute Dienste. Dabei misst der Patient daheim dreimal am Tag seinen Blutdruck, die Daten werden automatisch per Mobiltelefon an den Arzt-Computer übermittelt: „Ich kann die Daten per Internet von überall einsehen und bei Krisen sofort reagieren“, so Middeke. Notfälle sind selten. Denn beim Blutdruck gilt: „Die Therapie ist Prävention. Der Profit der Behandlung tritt erst später im Leben zutage.“

Blutdruck - Bedeutung für viele Organe

Zwischenhirn: Melatonin, das von der Zirbeldrüse freigesetzt wird, steuert den Tag-Nacht-Rhythmus, es blockiert die Stresshormone und senkt dadurch den Blutdruck. Wer zu wenig schläft, leidet oft unter Bluthochdruck.

Schilddrüse: Auch die Schilddrüse und die Nebenschilddrüse sind mit ihren Hormonen an der Regulation des Blutdruck-Systems beteiligt.

Herz: Mit jedem Schlag pumpt der Hohlmuskel das Blut mit Druck in die Arterien - dabei entsteht der höhere systolische Blutdruck. Der diastolische Blutdruck ergibt sich, wenn das Herz wieder erschlafft, um sich erneut mit Blut zu füllen. Das Herz erzeugt den Druck, ist aber nicht verantwortlich für die Höhe.

Nebenniere: Die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin, die in der Nebenniere gebildet werden, wirken aufs Herz und die Gefäße und erhöhen dadurch den Blutdruck. Wer ständig unter Strom steht, hat häufig Hypertonie. (Die kleinen Nebennieren liegen am oberen Rand der Nieren.)

Niere: Das Renin-Angiotensin-System (RAS-System) führt unter anderem dazu, dass Wasser und Natrium im Körper zurückgehalten werden und der Blutdruck erhöht wird.

Haut: Das von der Haut durch das Sonnenlicht gebildete Hormon Vitamin D greift in die Blutdruckregulation über mehrere Mechanismen ein. Fehlt Vitamin D, das zu 80 Prozent vom Körper gebildet und zu 20 Prozent aus der Nahrung aufgenommen wird, steigt der Blutdruck.

Folgen von zu hohem Blutdruck

Die empfindliche Haut, die die Gefäße auskleidet, das Endothel, wird geschädigt. In Folge werden die Gefäße erst steif, dann kann es zu Artherosklerose, Ablagerungen und Verengung der Arterien, kommen.

Demenz: Bluthochdruck im mittleren Lebensalter lässt das Risiko für Altersdemenz rasant wachsen. Hochdruck ist tatsächlich die häufigste Ursache für Demenzen!

Augenkrankheiten: Die zarten Äderchen der Netzhaut vertragen Hochdruck schlecht, sie verdicken und können sogar platzen: Es kommt zu Blutungen, Sehstörungen und sogar zur Erblindung (Bild oben). Unten: eine gesunde Netzhaut.

Nierenversagen: Hypertonie ist die häufigste Ursache für Nierenerkrankungen und Nierenversagen. Lebensgefährlich ist die Kombination Bluthochdruck und Diabetes.

Schlaganfall: Die Hauptursache von Schlaganfällen ist zu hoher Blutdruck, je höher der Druck desto größer das Risiko.

Herzschwäche: Muss das Herz ständig gegen hohen Druck anpumpen, wird es größer, aber steifer und schwächer. Die Patienten sind kaum belastbar.

Herzinfarkt: Die Herzkranzgefäße lagern vermehrt Cholesterin und Kalk ein, Engstellen (Stenosen) entstehen. Verschließen diese, kommt es zum Infarkt.

tz

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