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Blutverdünner sollten das Patienten mit Schlaganfall- oder Herzinfarkt-Risiko schützen. 

Revolution in der Herzmedizin?

Die neuen Blutverdünner

Zum Schutz vor Schlaganfall und Herzinfarkt verschreiben Kardiologen ihren Patienten Gerinnungshemmer. Neue Medikamente sind auf den Markt. Wer sie braucht und wie sie wirken:  

Es ist eine schleichende Revolution in der Herzmedizin: Um ihre Risikopatienten vor Schlaganfällen und Herzinfarkten zu schützen, haben die Kardiologen noch bis vor Kurzem in den meisten Fällen Marcumar verordnet. Zu diesem traditionsreichen Gerinnungshemmer – im Volksmund Blutverdünner genannt – gab es über sieben Jahrzehnte kaum eine massentaugliche Alternative. Doch inzwischen stehen den Ärzten und Millionen Patienten gleich drei neue Medikamente zur Verfügung. Ihre deutschen Handelsnamen: Pradaxa, Xarelto und Efient.

Professor Heribert Schunkert, Direktor der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen am Deutschen Herzzentrum

Diese neue Generation von Gerinnungshemmern ist zwar erst seit 2008 zugelassen, hat sich bei führenden Spezialisten aber bereits fest etabliert. „Wir behandeln immer mehr Patienten mit den neuen Medikamenten. Sie werden Marcumar langfristig weitgehend vom Markt verdrängen“, prophezeit Professor Heribert Schunkert, Direktor der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen am Deutschen Herzzentrum München.

Wie große wissenschaftliche Studien belegen, wirken Pradaxa, Xarelto und Efient mindestens genauso gut wie Marcumar, aber sie lassen sich wesentlich leichter dosieren. Der entscheidende Vorteil in der täglichen Praxis: Den Patienten bleiben häufige Bluttests und Änderungen bei der Tabletteneinnahme erspart.

Trotz aller Vorteile dürfe man Blutverdünner jedoch nicht verharmlosen, warnt Professor Schunkert. „Es sind keine Smarties, die man einfach so herunterschlucken sollte.“ Im Gegenteil – sie bergen auch Risiken: „Alle bekannten Gerinnungshemmer können Blutungen im Gehirn verursachen, die ebenfalls zu einem Schlaganfall führen“, erläutert Professor Joachim Röther, Sprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG). „Nutzen und Risiko müssen deshalb bei jedem Patienten sorgfältig abgewogen werden.“

Welche Vorteile haben die neuen Blutverdünner im Vergleich zum Medikamenten-Dino Marcumar? Welche Risiken bergen Pradaxa, Xarelto oder Efient? Und wer sollte welchen Typ Blutverdünner nehmen? Wir erklären die wichtigsten Fragen zu den alten und neuen Gerinnungshemmern.

Wer wird mit Blutverdünnern behandelt?

Alle Patienten, die Risikofaktoren für einen Gefäßverschluss aufweisen. Dazu zählt in erster Linie Vorhofflimmern – eine Herzrhythmusstörung, an der fast 1,8 Millionen Deutsche leiden.

Beim Vorhofflimmern können sich in einer Herzkammer Blutgerinnsel bilden. Wenn sich diese lösen, über die Halsschlagader ins Gehirn gelangen und dort ein Blutgefäß blockieren, dann kommt es zu einem Schlaganfall. Etwa 20 Prozent aller Schlaganfälle werden durch Vorhofflimmern verursacht, das sind in Deutschland etwa 50 000 pro Jahr.

Das persönliche Schlaganfallrisiko liegt nach Erkenntnissen der DSG bei Vorhofflimmer-Patienten durchschnittlich bei bedrohlichen acht Prozent – das heißt: Jedes Jahr erwischt es acht von 100 Menschen, die mit dieser häufigsten aller Herzrhythmusstörungen leben. Diese Patienten werden meist mit den Blutverdünnern ASS und Clopidogrel behandelt.

Weitere Gründe für die Einnahme von Blutverdünnern sind: eine genetisch bedingte Gerinnungsstörung, eine Lungenembolie oder eine Beinvenenthrombose. Der Begriff Thrombose leitet sich übrigens vom griechischen Thrombus ab, er bedeutet so viel wie Klumpen oder Pfropfen.

Wie wirken die Gerinnungshemmer?

Marcumar ist ein sogenannter Vitamin-K-Antagonist. Es hemmt die Wirkung von Vitamin K, das eigentlich die Blutgerinnung ankurbelt. Dagegen greifen die neuen Medikamente sozusagen direkt in den Gerinnungsprozess aus diversen Eiweißreaktionen ein und schwächen ihn ab. Beide Arzneimittelgruppen dienen demselben Ziel: Am Ende muss das Blut dickflüssig genug sein, um eine Wunde zu verschließen, aber auch dünnflüssig genug, um die Bildung eines Blutgerinnsels zu vermeiden.

Wie unterscheiden sich Marcumar und die neuen Gerinnungshemmer?

Marcumar hat zwei Schwachpunkte: Zum einen kann die Vitamin-K-Aufnahme mit der Nahrung erheblich schwanken. Zum anderen „verstoffwechselt“ jeder Mensch Marcumar anders. Vereinfacht ausgedrückt: Der eine verarbeitet den Wirkstoff schneller, der andere langsamer. „Jeder einzelne Patient muss genau auf Marcumar eingestellt werden“, erläutert Professor Schunkert. „Das bedeutet: Der Arzt muss die individuelle Dosis bestimmen und deren Wirkung immer wieder kontrollieren.“ Dazu wird Marcumar-Patienten regelmäßig Blut abgenommen, um den sogenannten INR-Wert zu bestimmen. Diese international standardisierte Messung beschreibt, wie schnell das Blut gerinnt.

„Bei den neuen Medikamenten gibt es diese Schwankungen nicht mehr. Sie wirken bei jedem Patienten gleich – konstant und zuverlässig“, weiß Professor Schunkert.

Welche Vorteile haben die neuen Blutverdünner?

Den Patienten bleiben zuallererst die ungeliebten regelmäßigen Blutuntersuchungen erspart. Außerdem müssen sie – anders als bei der Einnahme von Marcumar – ihre Ernährung nicht nach dem Medikament richten. „Die allermeisten Patienten vertragen die neuen Gerinnungshemmer gut“, sagt Professor Schunkert. „Nebenwirkungen sind – abgesehen von leichter Übelkeit – sehr selten.“ Auch seien bislang keine Leberschäden beobachtet worden, berichtet der Kardiologe Professor Günter Breithardt in einem Beitrag für die Zeitschrift Herz heute der Deutschen Herzstiftung. Die neuen Medikamente führen „bei gleicher oder sogar besserer Wirksamkeit als Marcumar seltener zu den gefürchteten Blutungen im Gehirn“.

Welche Nachteile haben die neuen Blutverdünner?

 Die Wirkung von Marcumar hält sechs bis zehn Tage an. Wenn man mal vergisst, die Tablette zu nehmen, ist das kein Problem – die Gerinnung wird trotzdem weiter gehemmt. Dagegen bauen sich die Wirkstoffe der neuen Medikamente bereits innerhalb eines Tages stark ab. Diese kurze Wirkdauer kann sich gerade für vergessliche Patienten als Problem entpuppen. Sie laufen Gefahr, ganz schnell ihren Schlaganfallschutz zu verlieren. Und in manchen Fällen würde es zunächst niemand bemerken, weil es ja, anders als bei Marcumar-Patienten, keine Bluttests mehr gibt. „Darum ist die regelmäßige Einnahme der neuen Gerinnungshemmer von besonderer Bedeutung“, betont Professor Hans-Christoph Diener, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Welche Patienten können von den neuen Gerinnungshemmern profitieren?

„Wenn ein Patient seit Jahren Marcumar nimmt und damit gut zurecht kommt, dann hat er keinen Grund, das Medikament zu wechseln“, rät Professor Schunkert. „Wenn jemand allerdings immer wieder mit größeren Schwankungen beim INR-Wert zu kämpfen hat, dann kann eine Umstellung für ihn Sinn machen.“

Für welche Patienten sind die neuen Blutverdünner nicht geeignet?

„Für Patienten mit einer künstlichen Herzklappe“, sagt Professor Schunkert. „Wir behandeln auch keine Stent-Patienten damit, weil uns noch die erforderlichen Langzeitstudien dazu fehlen.“ Ungeeignet ist die neue Generation der Gerinnungshemmer auch für Patienten mit ernsten Nierenerkrankungen. Sie laufen Gefahr, dass der Wirkstoff nicht schnell genug ausgeschieden wird. Dadurch könnte es zu lebensbedrohlichen inneren Blutungen kommen.

Erste Hilfe bei Herzinfarkt

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Andreas Beez

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