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Zu viel Stress, zu wenig Erholungsphasen: Immer mehr Münchner erkranken an Burnout. Kopf und Körper treten dann in den Streik

Burnout: Wenn Körper & Seele schlappmachen

München - Psychofalle Arbeitsplatz – der Leistungsdruck macht immer mehr Menschen krank. Die Krise im Kopf hat einen englischen Namen, der genauso gnadenlos globalisiert ist wie die Weltwirtschaft: Burnout.

Ausgebrannt sein. Leer. Kraftlos. Verzweifelt. Auch in Münchens Firmen breiten sich solche Symptome mit rasender Geschwindigkeit aus.

Experten des Klinikums rechts der Isar berichten von einer dramatischen Entwicklung. „Wir gehen davon aus, dass sich die Zahl der Burnout-Patienten in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt hat“, sagt Dr. Werner Kissling, Leiter des renommierten Centrums für Disease Mangement. Sein Team von zirka 25 Ärzten, Psychologen und Sozialpädagogen hat sich auf die Erforschung und Bewältigung von psychischen Störungen spezialisiert.

Belastbare Statistiken zu den Burnout-Fällen existieren bislang nicht. Das liegt am komplexen Krankheitsbild. Die Probleme der Betroffenen sind oft vielschichtig, lassen sich nicht immer zweifelsfrei in die Burnout-Schablone pressen. Manchmal stellt sich heraus, dass der Patient eher an einer Depression, Angststörung oder Sucht leidet.

Aber es gibt eindeutige Indizien für die Burnout-Explosion. So hat die AOK Bayern jetzt eine Schock-Studie veröffentlicht, die selbst knallharten Wirtschaftsbossen Kopfzerbrechen bereitet. Danach hat sich die Zahl der Arbeitnehmer, die wegen psychischer Probleme krankgeschrieben wurden, binnen sechs Jahren verhundertfacht!

Klingt nach einem Rechenfehler, ist aber das Ergebnis einer gründlichen Auswertung der Krankmeldungen von rund 2,1 Millionen AOK-Versicherten im Freistaat. 2004 hatten die Hausärzte nur bei 48 Patienten „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung: Burnout“ angekreuzt. Im Jahr 2010 waren es 4831 Fälle. Burnout können die Mediziner auf den gelben Zetteln als Zusatzinformation angeben.

„Eine Zunahme um den Faktor 100 ist sicher nicht real, sie hängt eher mit veränderten Dokumentationsgewohnheiten zusammen. Aber auch wir registrieren eine deutliche Steigerung der Fallzahlen bei Burnout“, bestätigt Dr. Kissling.

Besonders betroffen sind ältere Arbeitnehmer. Auf die Gruppe der 40- bis 59-Jährigen entfallen 55 Prozent der Fälle. Und auch zwischen den Geschlechtern kristallisieren sich deutliche Unterschiede heraus. 61 Prozent der Burnout-Krankmeldungen stammten von Frauen. Die AOK: „Je 100 Mitglieder kommen Frauen auf doppelt so viele Tage der Arbeitsunfähigkeit (5,71) wie Männer (2,82).“

Offensichtlich ist das Burnout-Risiko auch eine Frage der Branche. Das belegt eine zusätzliche Studie der AOK bei 11 000 bayerischen Arbeitnehmern. Im sogenannten „nicht produzierenden Gewerbe“ klagen 36 Prozent der Befragten immer oder zumindest häufig über ein Gefühl des Ausgebranntseins. Im produzierenden Gewerbe sind es nur 21,6 Prozent.

Früher haben viele Firmenbosse und auch gesunde Mitarbeiter die Burnout-Probleme ihrer Kollegen eher heruntergespielt. Die Betroffenen wurden als „Weicheier“ belächelt oder gar als arbeitsscheue Versager abgestempelt.

Inzwischen hat sich diese simple Sichtweise radikal verändert. Schon allein deshalb, weil die Fehlzeiten der Burnout-Patienten die Wirtschaft Milliarden kosten. „Deshalb suchen immer mehr Unternehmen professionellen Rat, um die Probleme besser in den Griff zu bekommen“, weiß Kissling.

In den vergangenen Jahren hat sein Expertenteam bereits die Mitarbeiter von mehr als 150 Firmen im Umgang mit psychisch belasteten Kollegen geschult, darunter 50 allein in der Region München.

Ein Vorreiter im Kampf gegen Burnout ist die Stadtsparkasse München. Vorstandschef Harald Strötgen hat inzwischen allen Führungskräften eine Schulung zu diesem Thema angeboten. „Wir beraten Mitarbeiter und Führungskräfte in schwierigen Situationen und können so den Betroffenen frühzeitig helfen“, erklärt der Leiter des Centrums für Disease Management.

Auch die Politik nimmt das Psycho-Thema inzwischen sehr ernst. Im Oktober sind Kissling & Co. zu einer Aufklärungsveranstaltung in die Bayerische Staatskanzlei eingeladen, an der auch Vertreter anderer Ministerien teilnehmen können.

Das Volksleiden Burnout ist überall in der Gesellschaft angekommen – auch in den Köpfen der Gesunden.

Andreas Beez

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