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Das Knie ist von Natur aus kein einfaches Gelenk: Die Bewegung beim Abbiegen ist komplex, das Knie rotiert um mehrere Achsen. Trotzdem gibt es viele OP-Möglichkeiten.

Chirurgie-Report

Künstliches Knie: Was Patienten wissen müssen - Infoabend für Leser

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In unserem Chirurgie-Report beantwortet Cheforthopäde Prof. Volkmar Jansson aus Großhadern die wichtigsten Fragen. Diesmal geht es um das künstliche Kniegelenk.

Was ist der häufigste Grund für ein Ersatzgelenk?

„In den allermeisten Fällen leiden die Patienten an Gonarthrose“, erklärt Prof. Volkmar Jansson, Direktor der Orthopädischen Klinik Großhadern. Dabei nutzt sich der Knorpel im Kniegelenk zunehmend ab – bis Knochen auf Knochen reibt. Im fortgeschrittenen Stadium bilden sich knöcherne Anbauten bzw. Höckerchen. Im Gelenk entsteht ein dauerhafter Reizzustand. Dieser mechanische Entzündungsprozess verursacht immer größere Schmerzen. Die Entstehung der Arthrose wird oft durch Vorschädigungen befeuert – wie Kreuzbandrisse, größere Meniskusverletzungen oder auch Fehlstellungen (starke O- oder X-Beine).

Welche Untersuchungen sind nötig?

Der Arzt befragt den Patienten ausführlich zu seinen Beschwerden, untersucht ihn dann mit seinen Händen. Bei dieser klinischen Untersuchung prüft er unter anderem, wie beweglich und stabil das Kniegelenk ist und bei welchen Bewegungen Schmerzen auftreten. Grundsätzlich wird ein Röntgenbild gemacht, manchmal kann ergänzend eine Kernspin- oder Computertomografie sinnvoll sein.

Wann ist es Zeit für eine Operation?

Je später man sich ein künstliches Gelenk einsetzen lässt, umso besser – es sei denn, die Knochen nehmen bereits massiv Schaden. „Außerdem spielen bei einem künstlichen Kniegelenk die Achsen und die Stabilität der Bänder eine entscheidende Rolle“, betont Jansson. Insbesondere könnten ein starkes X-Bein und eine ausgeprägte Bandinstabilität dazu führen, dass man keine kleinen Ersatzgelenke mehr verwenden könne. „Beim künstlichen Kniegelenk gilt aber die Regel: Je kleiner das Ersatzgelenk, desto besser ist dessen Funktion“, sagt Jansson. Daher sei der richtige Zeitpunkt für die OP schwieriger zu bestimmen als beim Hüftgelenkersatz. Wichtigstes Kriterium sei aber der Schmerz. „Wer auf Dauer größere Mengen an Schmerzmitteln braucht, um die Beschwerden auszuhalten, sollte über eine Endoprothese nachdenken“, sagt Jansson.

Welche Typen von Prothesen gibt es?

Oft ist von einer „Knie-TEP“ die Rede. TEP steht für „totale Endoprothese“. Dabei wird also das komplette Kniegelenk ersetzt – genauer: die Knochenoberflächen. Darum spricht man alternativ von einer „Oberflächenersatz-Prothese“. Hierfür werden die defekten Gelenkanteile entfernt und die darunterliegenden Knochen sozusagen überkront – und zwar mit Metallteilen. Der eine Prothesen-Anteil wird im Oberschenkel-, der andere im Unterschenkelknochen verankert. Dazwischen ist ein „Inlay“ aus dem Kunststoff Polyethylen.

Etwa 15 Prozent der Patienten erhalten eine „unikondyläre Schlittenprothese“, die auch „Hemischlitten“ oder „Halbschlitten“ genannt wird. Dabei wird nur eine Gelenkseite ersetzt – entweder innen oder außen. Sie kommt in Betracht, wenn die Arthrose nur auf einen Gelenkanteil beschränkt ist. Voraussetzung: Die Kreuzbänder sind noch erhalten und die Seitenbänder stabil. „Außerdem darf der Patient kein extremes X- oder O-Bein haben“, sagt Jansson.

Welche Vorteile haben die verschiedenen Typen?

Die Schlitten-Prothese wird meist minimalinvasiv eingesetzt. Als Zugang reicht ein etwa acht Zentimeter langer Hautschnitt. Bänder und Muskeln bleiben unverändert, die Reha ist daher kürzer als bei einem kompletten Oberflächenersatz. Allerdings ist die „Revisionsrate“ mit etwa fünf Prozent (gelockerte Prothesen nicht eingerechnet) höher. Revision bedeutet, dass der Schlitten ersetzt werden muss – dann meist durch eine TEP.

Dieser komplette Oberflächenersatz, auch „bikondylärer Schlitten“ oder „Doppelschlitten“ genannt, ist bei den meisten Gelenkersatz-OPs am Knie Standard. In diesen Fällen hat die Arthrose bereits das gesamte Kniegelenk geschädigt. Wie beim Hemischlitten können die Metallteile hierzu entweder im Knochen verklemmt oder mit Knochenzement befestigt werden. Das vordere Kreuzband wird entfernt, in manchen Fällen auch das hintere. Die Seitenbänder werden an das künstliche Kniegelenk angepasst. Bei Patienten mit sehr laxen Bändern oder auch nach Prothesen-Lockerungen kann eine (teil-)gekoppelte Prothese neue Stabilität bieten.

Welche Fortschritte gibt es beim Kniegelenk-Ersatz?

Das Knie ist von Natur aus leider kein einfaches Gelenk. Die Bewegung beim Abbiegen ist komplex, das Knie rotiert um mehrere Achsen. Trotz dieser Herausforderungen ist der Gelenkersatz am Knie längst zur Erfolgsgeschichte geworden. „Allerdings ist noch viel zu tun“, merkt Jansson an. „Aus Befragungen und Studien wissen wir, dass nur 80 Prozent der Patienten mit ihrer Knie-TEP wirklich zufrieden sind, zehn Prozent bewerten ihre Situation als unverändert, weitere zehn Prozent kommen schlechter zurecht als vor der OP. Die besseren Ergebnisse liefert nach wie vor die zementierte Knie-TEP. Die Operation dauert etwa eine bis eineinhalb Stunden und erfolgt meist in Vollnarkose.“

Welche Komplikationen sind möglich?

Neben den allgemeinen Operationsrisiken ist beim Knie ein Infekt besonders gefürchtet. Bestimmte Keime können auf den Oberflächen der Implantate einen „Biofilm“ bilden, der sie unangreifbar für Antibiotika macht. Allerdings liegt dieses Risiko für ansonsten gesunde Patienten bei unter einem Prozent. Wird ein Infekt früh behandelt, ist die Chance aber groß, dass man ihn in den Griff bekommt und die Prothese erhalten werden kann. Manche Patienten beschreiben nach dem Einsetzen einer Knie-TEP eine Art „Fremdkörpergefühl“. Das lässt sich vermeiden, wenn die Prothese so exakt wie möglich geplant und eingesetzt wird.

Wie läuft die Nachbehandlung ab?

Die Physiotherapie beginnt früh: Der Patient kann in der Regel bereits am Abend nach der OP oder am nächsten Tag erste Schritte machen – in Begleitung eines Physiotherapeuten und mit Gehstützen. Die sollte er etwa zwei Wochen nutzen, damit die Wunde gut heilen kann. Insgesamt bleiben Patienten etwa sieben bis zehn Tage im Krankenhaus. Danach folgt meist eine Anschlussheilbehandlung in einer Rehaklinik.

Worauf muss man im Alltag achten?

Grundsätzlich halten Implantate genauso viel aus wie gesunder Knochen – auch bei einem Sturz. Dauerhaft hohe Belastungen sollte man vermeiden, das begünstigt den Verschleiß. „Patienten mit einem künstlichen Kniegelenk sollten längeres Abwärtsgehen, vor allem beim Treppensteigen, vermeiden“, sagt Jansson. Wurde das künstliche Gelenk zementfrei eingesetzt, muss es zunächst in den Knochen einwachsen. Sport ist nach etwa drei bis sechs Monaten erlaubt, abhängig von der Sportart. Leichtes Radeln auf dem Heimtrainer ist oft schon bei der Reha möglich. Später gilt: „Trainieren Sie regelmäßig, aber in Maßen“, rät Jansson. Gut geeignet sind Schwimmen, Radlfahren – am besten mit hochgestelltem Sattel – und Einheiten auf einem Crosstrainer. Beim Bergwandern gilt: „Bergab sollte man nach Möglichkeit die Seilbahn nehmen“, rät Jansson. Wer vor der OP ein routinierter Skifahrer war, der kann auch danach wieder die Brettl anschnallen. Allerdings sollte er moderat fahren.

Wie lange hält eine Knieprothese?

Die durchschnittliche Standzeit, also die Lebensdauer des Implantats, beträgt 15 Jahre. Es gibt aber auch viele Patienten, bei denen der Gelenkersatz wesentlich länger hält. Ein Ersatz wird nötig, wenn sich die Prothese lockert. Das liegt meist am Verschleiß. Hauptursache ist der Abrieb des Kunststoff-Inlays. Die winzigen Partikel führen zu einer Entzündungsreaktion und damit zum Knochenschwund und zur Lockerung. Aufgrund intensiver Forschung konnten die Materialen aber „deutlich verbessert und verschleißfester gemacht werden“, sagt Janssson. Zwar hält die Zweit-Prothese meist nicht mehr so lang wie die erste. Heute seien aber auch mehrere Wechsel möglich. Entscheidend hierfür ist, dass bei der ersten Implantation so knochensparend wie möglich operiert wurde.

Lesen Sie auch: Chirurgie-Report: Ersatzteile im Körper – und trotzdem fit

Infoabend für Leser

Vom 21. bis 24. März findet auf dem Messegelände in Riem das wichtigste Chirurgen-Treffen Deutschlands statt – der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. 6000 Ärzte, Wissenschaftler und Hightech-Experten werden sich unter anderem über die wichtigsten Fortschritte im Operationssaal austauschen. 

Welche neuen Therapien und Behandlungstechniken es gibt und wer davon profitieren kann, das erläutern Experten auch bei einer großen Patientenveranstaltung. Sie findet am Mittwoch, 15. März, im Pressehaus Bayerstraße statt (Beginn 17 Uhr). 240 unserer Leser haben die Chance, dabei zu sein und Infos der Spezialisten aus erster Hand zu bekommen. 

Die Themen sind unter anderem: Minimalinvasive Bauchchirurgie (Prof. Werner, Klinik für Allgemeinchirurgie, LMU); Schulterschmerzen (Dr. Beitzel, Poliklinik für Sportorthopädie, Rechts der Isar); Hüft- und Knieprothesen (Prof. Jansson, Klinik für Orthopädie, LMU).

So bekommen Sie kostenlose Karten (zwei pro Person): Rufen Sie einfach ab sofort bis 6. März, 12 Uhr, unter folgender Nummer an und nennen Sie das Stichwort „Patiententag“: 0 13 78/80 66 50 (50 Cent/Anruf aus dem deutschen Festnetz, Mobilfunkpreise abweichend). Wir benachrichtigen die Leser, die Karten bekommen, schriftlich.

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