Portrait von Harald Lesch
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Astro-Physiker und Fernsehstar Harald Lesch

Der Astro-Physiker und TV-Star Harald Lesch sagt:

„Wir können nicht alles kontrollieren“

  • Oliver Menner
    vonOliver Menner
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Wie wollen wir alle miteinander leben? Für Harald Lesch (60) muss unsere Gesellschaft umdenken. Sie muss offen sein, um sich weiterzuentwickeln, muss Risiken eingehen, aber auch abschätzen – zum Wohle aller. Der Astrophysiker und TV-Star (Leschs Kosmos) hat ein neues Buch zum Thema geschrieben.

Sie wollten ja eigentlich ein ganz andereres Buch schreiben. Aber dann kam Corona…
Harald Lesch: Ja (lacht). Mein guter Freund Thomas Schwartz und ich hatten uns in Weimar verabredet, um was über das Verhältnis von Religion und Wissenschaft zu schreiben, und mitten in unser erstes Gespräch schlich sich dieses immer bedrohlichere Lockdown-Monster. Und das warf Fragen auf…
Wie zum Beispiel?
Lesch: Was denn das jetzt für ein Land wie unseres bedeutet, das so sehr auf Strecke, auf Justin-Time-Produktion ausgerichtet ist. Das wird sich darauf nur ganz schwer einstellen können.
Der Theologe und der Physiker schreiben zusammen ein Buch – beißt sich das denn nicht?
Lesch: Nicht wirklich. Wir kennen uns schon lange und sind gut befreundet. Und haben schon manche Nacht miteinander die großen Fragen durchdiskutiert…
Das Thema war also schnell gefunden?
Lesch: Ja, auch wenn wir Naturwissenschaftler immer als Ritter des Quantitativen gelten, als Prediger der Berechenbarkeit, haben wir es ja seit einiger Zeit mit komplexen Systemen zu tun.Und da ist eben alles anders. Beispiel Klima: Da kann man eben nicht mehr an der Berechenbarkeit festhalten, weil wir sehen, dass allerkleinste Veränderungen zu ganz überraschenden Resultaten führen können.
Das Leben ist also als Wagnis zu begreifen?
Lesch: Was wir Menschen immer gerne möchten, ist eine eindeutige Welt. Aber wir erleben überall: So läuft es halt nicht. Vieles läuft ganz anders. Darum sollten wir uns auch ruhig öfter mal auf den Dialog einlassen mit jemanden, der gar nicht unserer Meinung ist, um unsere eigene Position auch mal dahingehend zu überprüfen, wie stabil unsere eigene Denke eigentlich ist. Ist das eigentlich alles so berechenbar? Oder haben wir nicht eigentlich auch vielmehr Spielräume im Zwischenmenschlichen?
Im Buch schreiben Sie dazu vom „Dorf-Prinzip“. Das bedeutet?
Lesch: Wir müssen vom „Global Village“ zur „Global Neighborhood“ kommen. Wir brauchen Nachbarschaft statt der Anonymität der urbanen Riesenräume. Das Dorf als Ausdruck des geteilten Lebens kann auch in einer Großstadt verwirklicht werden, es ist nicht auf einen bestimmten Ort beschränkt. Es macht die Unberechenbarkeit des Lebens nicht weniger unberechenbar, aber die Unübersichtlichkeit etwas übersichtlicher. Als Nachbarn kümmert man sich um seine „Genossen“, nicht im sozialistischen Sinn, sondern, ganz ursprünglich gemeint, ums Wohlergehen derer um einen herum, im „Viertel“.
Und dazu gehören dann auch die Spielräume?
Lesch: Ja. So schafft Unberechenbarkeit Vertrauen. Und das reduziert wieder Komplexität. Wenn wir unsererUmgebung vertrauen, müssen wir uns um manches nicht kümmern. Weil wir das den anderen überlassen. Andererseits ist ja gerade der Aufwand für Misstrauen ungeheuer hoch! Wir versuchen ja auch, mit Misstrauen Komplexität zu reduzieren, indem wir alles kontrollieren wollen. Aber um welchen Preis! Von der Evolution her – und da bin ich wieder ganz Naturwissenschaftler – sind wir ganz darauf ausgelegt zu vertrauen. Auch in uns selbst.
Ein Kapitel heißt „Stabile Seitenlage, Puls 60“. Ist das Buch insgesamt ein Plädoyer für Gelassenheit, auch in der Unsicherheit?
Lesch : DerSpruch ist von meinem Bruder. Er sagt mir ständig: „Harald, kannst ruhig bleiben. Stabile Seitenlage, Puls 60, kein Blutverlust“. Im Kern werben wir von der wissenschaftlichen wie von der theologischen Seite darum, sich gelassen des eigenen Verstandes zu bedienen, durchaus auch mit einer Prise Humor.
Sie kritisieren auch unsere „Vollgas-Gesellschaft“, wie es an einer Stelle heißt. Das meint?
Lesch: Wir haben auch angeschrieben gegen diese Hysterie, die durch zu viel Twitter, zu viel Social Media entsteht – diese rastlose Digitalisierung, das zuwenig In-Ruhe-Nachdenken. Diese Hinwendung zum rein Quantitativen hat zu einer Eintönigkeit geführt, die wir eigentlich ja gar nicht haben wollen. Wir haben schon andere Zeiten gesehen, als wir digitale Apparate weniger genutzt haben, in denen wir viel qualitativer miteinander umgegangen sind.
Sie nennen das den „Teufelskreis der Technikabhängigkeit“ – wie können wir uns da lösen?
Lesch: Schon alleine zu erkennen, dass unser Alltag von Geräten diktiert wird, die uns die Pace vorgeben, ist ein Teil der Lösung. Wir müssen die Wahrnehmung schärfen, Alternativen überlegen. Und dann handeln. Wie viel Smartphone-Zeit ist wirklich nötig? Wie viel Computerzeit? Technik ist ja sehr übergriffig. Sie hat natürlich auch ihre Vorteile, ohne Zweifel. Aber wenn mich unzählige Zoom-Sitzungen des Tages nachts als Zombie zurücklassen, muss ich eine Grenze ziehen. Und ganz wichtig: Wir werden zum Beispiel auch keine Energiewende hinkriegen ohne unsere Hände.
Das heißt?
Lesch: Wir werden das nicht schaffen, wenn wir uns hinter unseren Flachbildschirmen verstecken. Die Welt da draußen, die echte, die widerspenstige, die so ganz anders ist als die digitale, die verlangt von uns Handwerk. Wir müssen vielmehr begreifen und die Dinge wieder in die eigene Hand nehmen.
Ist es das, was Sie mit dem Begriff der „souveränen Gesellschaft“ meinen?
Lesch: Ja. Ich bin selbst verantwortlich und muss mir meine Freiräume auch mitunter erkämpfen. Es muss immer klar sein: Wer ist Koch und wer ist Kellner? Die Haltung einer gesunden, souveränen Gesellschaft, die mit sich im Reinen ist, wäre diejenige, ruhig zu bleiben, sich anzuschauen, was der Fall ist, cool zu bleiben, auch dann, wenn die Krise länger dauert. Und mutig zu werden, wenn es notwendig sein sollte, vielleicht ganz neue Schritte zu gehen.
Unberechenbar - Das Leben ist mehr als eine Gleichung

(Über-)leben in der Dauerkrise: Das neue Buch

Wie wollen wir eigentlich leben – vor allem, wenn es schwierig wird? Astrophysiker Harald Lesch und Theologe Thomas Schwartz analysieren in Unberechenbar - Das Leben ist mehr als eine Gleichung (Herder, 176 Seiten, 18 ,60 Euro) scharfsinnig und unterhaltsam unseren Alltag: Was bestimmt unser Leben? Sie beschreiben Missstände und kritisieren Fehlentwicklungen, erschöpfen sich ab er nicht in Krisen-Gejammer. Auf der Suche nach dem besten Gesellschaftsmodell betrachten sie gemeinsam die derzeitigen Entwicklungen aus den unterschiedlichsten Perspektiven. ome

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