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Ein Tumor im Dickdarm muss kein Todesurteil sein. Bei der Vorsorkoloskopie (Spiegelung) kann der Arzt praktisch in den Darm hineinschauen und Krebsvorstufen wie Polypen sofort abtragen.

Neue Hoffnung

Darmkrebs: Neue schonende OP-Technik 

Keine Frage: Jede Tumorerkrankung ist ein ­realer Albtraum, der viel zu oft tödlich endet. So sterben jedes Jahr etwa 30.000 Menschen allein an Darmkrebs. Das ist bitter! Aber es gibt auch Entwicklungen in der Medizin, die Mut machen:

Dank des Früherkennungsprogramms konnte die Zahl der Darmkrebs-Neuerkrankungen erstmals eingedämmt werden. Und es stehen inzwischen OP-Techniken zur Verfügung, die für die Patienten wesentlich schonender sind. Dazu richtet das städtische Klinikum einen speziellen OP-Saal ein, in dem ein neuer Top-Spezialist arbeiten wird.

Neuer Spezialist für schonende OP-Technik

Bei der Behandlung von Darmkrebs hat die Medizin große Fortschritte gemacht – vor allem, wenn es um die Entfernung der Tumoren geht. Spezialisten können ihre Patienten inzwischen wesentlich schonender operieren als noch vor einigen Jahren, aber genauso erfolgreich und sicher. „Die Patienten erholen sich schneller von dem Eingriff und haben hinterher oft mehr Lebensqualität“, sagt der Ärztliche Leiter des renommierten Bogenhausener Darmkrebszentrums, Professor Dr. Wolfgang Schepp.

OP-Methode der Zukunft: Vier kleine Schnitte reichen, um den Darmtumor zu entfernen.

Möglich wird dies durch eine moderne OP-Methode, die mit kleinsten Hautschnitten auskommt. Von dieser sogenannten laparoskopischen (Schlüsselloch)-Chirurgie sollen Münchner Darmkrebs-Patienten künftig stärker profitieren. Das städtische Klinikum konnte einen der führenden deutschen Spezialisten auf diesem Gebiet ins Bogenhausener Krankenhaus holen: Am 1. März tritt Professor Dr. Ayman Agha (49) vom Uniklinikum Regensburg seinen Job als neuer Chefarzt der Allgemein- und Bauchchirurgie an.

Kommt als Chefarzt nach Bogenhausen: Professor Dr. Ayman Agha.

Er löst Professor Dr. Wolf-Ulrich Heitland ab, der am Jahresende nach 26 Dienstjahren in den Ruhestand gegangen ist. Sein Nachfolger Agha soll die moderne Tumorchirurgie in der Bauchhöhle weiter ausbauen. Momentan wird dazu eigens ein Operationssaal mit spezieller Hightech ausgestattet, sozusagen maßgeschneidert für laparoskopische Eingriffe. „Dieser OP-Technik gehört die Zukunft“, ist Darmkrebszentrum-Chef Schepp überzeugt. „Wir wollen ein medizinisches Leuchtturmprojekt für München und für unser städtisches Klinikum auf die Beine stellen.“

Dabei soll Professor Agha eine wesentliche Rolle spielen. Der erfahrene Viszeralchirurg etablierte die minimalinvasive Chirurgie am Universitätsklinikum Regensburg seit Ende der 1990er Jahre. In der Oberpfalz wurden inzwischen mehr als 1500 Darmkrebs-Patienten mit dieser Technik operiert.

Der entscheidende Unterschied: Bei der herkömmlichen Methode muss man den Bauch auf einer Länge von 25 bis 30 Zentimetern öffnen – etwa vom Rippenbogen bis zum Schambein. „Bei der laparoskopischen Chirurgie reichen vier kleine Schnitte mit einem Durchmesser von weniger als einem Zentimeter“, erklärt Spezialist Agha. Durch diese Öffnung werden vier dünne stabartige Spezialgeräte in den Bauchraum geschoben. Eins trägt eine winzige Kamera an der Spitze, ein anderes eine Art Mini-Skalpell. Zwei weitere Instrumente dienen zum Halten des Darmgewebes. Der Operateur operiert nicht mehr mit seinen Händen direkt im Bauch, sondern praktisch mit Joysticks vor einem Monitor.

Einige Chirurgen hatten das neue Verfahren lange kritisch beäugt. Sie zweifelten daran, dass man damit wirklich zuverlässig sämtliche Gewebezellen des Tumors im Darm entfernen kann. Das ist von entscheidender Bedeutung, um das Rückfallrisiko so gering wie möglich zu halten; Mediziner sprechen von einem Tumorrezidiv. Vereinfacht ausgedrückt: Manche Ärzte befürchteten, dass die bessere Kosmetik auf Kosten der dauerhaften Heilungschancen der Patienten geht.

Doch jetzt konnten Wissenschaftler den Gegenbeweis erbringen – und daran hatte Laparoskopie-Experte Agha entscheidenden Anteil. Mit seinem Regensburger Ärzteteam konnte er jetzt eine Zehn-Jahres-Studie über laparoskopische Darmkrebs-Operationen fertigstellen. Sie dokumentiert den Krankheitsverlauf von 225 Patienten mit Mastdarmtumoren. Nur bei 5,8 Prozent der Patienten hat sich ein Lokalrezidiv gebildet – eine Quote, die mit den Ergebnissen offener Operationen absolut vergleichbar ist – wenn nicht sogar geringer als bei herkömmlichen Operationen.

Die Ergebnisse der Studie sind auch deshalb von großer Bedeutung, weil Mastdarmtumoren als besonders schwer zu operieren gelten. „In diesem Bereich sind die Strukturen nur millimetergroß, wichtige Nerven und Organe liegen extrem eng beisammen“, erklärt Agha. „Wenn sich das laparoskopische Verfahren für Mastdarmoperationen eignet, dann funktioniert es auch bei oftmals weniger komplexen Eingriffen am Dickdarm.“

Im Bogenhausener Darmkrebszentrum soll nun reinrassige Laparoskopie gemacht werden, betont der Ärztliche Leiter Schepp. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, mittelfristig 80 Prozent aller Darmkrebs-Operationen nur noch laparoskopisch durchzuführen.“

Erstmals wieder weniger Neuerkrankungen

Führender Darmkrebs-Experte: Professor Dr. Wolfgang Schepp.

Im Kampf gegen den Darmkrebs kristallisiert sich eine ermutigende Entwicklung heraus. Nach einem stetigen Anstieg scheint die Zahl der Neuerkrankungen in Deutschland jetzt wieder zu sinken: So werden in der Statistik für 2013 voraussichtlich erstmals wieder knapp unter 70.000 neue Patienten registriert, zuvor waren es noch circa 75.000 gewesen. „Wir nehmen an, dass dieser erfreuliche Rückgang dem gesetzlichen Programm zur Früherkennung zu verdanken ist“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft deutscher Darmkrebszentren und Bogenhausener Chefarzt, Professor Dr. Wolfgang Schepp.

Darmspiegelung ab 55 Jahren

Zum Hintergrund: Seit 2002 hat jeder Bundesbürger ab 55 alle zehn Jahre gesetzlichen Anspruch auf eine kostenlose Darmspiegelung – ganz egal, bei welcher Krankenkasse er versichert ist. Bei dieser sogenannten Vorsorgekoloskopie untersucht ein – meist niedergelassener – Facharzt (Gastroenterologe) den Dickdarm endoskopisch auf Krebsvorstufen wie Polypen, Adenome oder Drüsengewächse. Falls er welche entdeckt, kann er sie während des Eingriffs sofort entfernen – und so verhindern, dass sich dieses verdächtige Gewebe möglicherweise zu einem bösartigen Tumor entwickelt. „Solche Krebsvorstufen werden bei jeder 15. Vorsorgekoloskopie gefunden“, erläutert Schepp.

Trotz des großen Nutzens und geringen Risikos – die Komplikationsrate liegt bei nur 0,26 Prozent – nutzen noch immer vergleichweise wenige Menschen das Angebot. Im Nationalen Krebsplan ist von 24 Millionen Anspruchsberechtigten die Rede. „Aber nur etwa jeder zehnte geht zur Darmspiegelung“, weiß Professor Schepp – und der erfahrene Bogenhausener Chefarzt liefert eine mögliche Erklärung gleich hinterher: „Im Gegensatz zu anderen Routineuntersuchungen etwa am Herzen gilt die Vorsorgekoloskopie in unserer Gesellschaft als ziemlich unappetitlich. Das wichtige Thema wird leider oft verdrängt.“

Dabei verursacht eine Darmspiegelung keinerlei Schmerzen. Am Tag vor der Untersuchung trinkt der Patient eine Reinigungslösung, damit der Arzt während der Untersuchung durch einen dünnen Schlauch mit einer Mini-Videokamera im Darm klare Sicht hat. Den Eingriff selbst, der in der Regel etwa eine halbe Stunde dauert, bekommt der Patient gar nicht mit. Er erhält vorher eine sanfte Narkose. „Man schläft, kann sich hinterher an nichts erinnern, muss dabei aber nicht künstlich beatmet werden wie bei einer Operation“, erklärt Schepp. Diese sogenannte tiefe Sedierung baut der Körper schnell wieder ab, so dass der Patient im Regelfall nach etwa zwei Stunden wieder nach Hause gehen kann.

Wie wichtig die Früherkennung ist, zeigt eine wissenschaftliche Auswertung, die das Deutsche Ärzteblatt veröffentlicht hat. Danach konnten alleine zwischen 2003 und 2010 circa 100.000 Darmkrebsfälle durch Vorsorgekoloskopien verhindert werden. „Ich kann jedem nur raten, diese Chance zu nutzen“, betont Darmkrebs-Spezialist Schepp.

Das wichtigste zum Thema Darm

Darm: Von Zotten und Bakterien

Andreas Beez

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