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Wunderwerk ganz groß: Das Riesenmodell des Darms holt das Verdauungsorgan aus der Tabuzone – hier bei einem Infotag des Krebshilfevereins Lebensmut in München.

Tabuzone Darm: Experten antworten

Es gibt wenige Themen, über die Patienten in der Praxis so ungern sprechen: Darmkrebs-Vorsorge und Stuhlinkontinenz. Doch anonym am Merkur-Telefon konnten Experten viele Fragen beantworten:

Leserin: Ich habe gehört, dass der Darm bei der Darmspiegelung verletzt werden kann. Stimmt das?

Beantworteten die Fragen der Leser: Darmexperten Dr. Martin Fuchs und Prof. Werner Kauer (v. li.).

Dr. Martin Fuchs: Bei der bloßen Untersuchung, also wenn keine Polypen entfernt werden, ist das Risiko äußerst gering. Alle gastroenterologischen Praxen, welche die Untersuchung ambulant anbieten, haben in der Regel sehr viel Erfahrung mit der Koloskopie. Sie sind hier also gut aufgehoben. Ein etwas größeres Verletzungsrisiko besteht, wenn Polypen entfernt werden. Dann kommt es auf Größe, Lage und Art des Polypen an. Größere Polypen sollte man gegebenenfalls stationär entfernen. Der Patient kann dann noch eine Nacht in der Klinik überwacht werden.

Leserin: Ich muss plötzlich auf die Toilette, schaffe es aber oft nicht mehr dorthin. Ich kann den Stuhl nicht so lang zurückhalten. Ich scheue mich aber, zum Arzt zu gehen. Was macht er bei der Untersuchung?

Prof. Werner Kauer: Zunächst gilt es, die Ursache Ihrer Beschwerden zu finden. Ihr Hausarzt kann Sie hierzu an einen Proktologen überweisen. Dieser wird den Enddarm zunächst mit dem Finger, dann mit einem kurzen (Proktoskop) und längeren Rohr (Rektoskop) untersuchen. Ob der Schließmuskel, etwa durch eine Geburt oder eine Operation, verletzt worden ist, kann man mit Ultraschall feststellen. Um die Funktion des Schließmuskels zu prüfen, misst man den Schließmuskeldruck. Dazu führt man eine Sonde ähnlich wie ein Fieberthermometer in den After ein. Das tut nicht weh. Je nach Ursache wird Sie der Arzt dann zu geeigneten Therapien beraten.

Leser: Ich verliere immer wieder unkontrolliert Stuhl. Da kann man nichts machen, hat man mir gesagt. Stimmt das?

Prof. Kauer: Auf gar keinen Fall! Es gibt im Gegenteil vielfältige Therapiemöglichkeiten. Dazu gehört zum Beispiel das gezielte Trainieren des Schließmuskels (Biofeedback- Training) und das Unterspritzen der Schleimhaut im Bereich des Schließmuskels mit Hyaluronsäure. Das verengt die Öffnung und kann so die Beschwerden mindern.

Derzeit noch im experimentellen Stadium ist der Einsatz eines Schließmuskelrings. Das ist ein Magnetring, der unkontrollierten Stuhlverlust verhindert, sich erst durch Pressen öffnet. Auch eine Art Schrittmacher für den Schließmuskel kann – ähnlich einem Herzschrittmacher – dessen Funktion verbessern. Wenn nötig, kann man sogar einen künstlichen Schließmuskel formen. Der Eingriff ist aber aufwendig und auch sehr selten erforderlich.

Leser: Ich habe eine Darmspiegelung machen lassen. Doch der Arzt ist mit dem Endoskop nicht durchgekommen. Was soll ich machen?

Dr. Fuchs: Sie können die Behandlung stationär durchführen lassen. Dort hat man die Möglichkeit, ein überlanges Koloskop zu verwenden oder Ihnen eine stärkere Narkose zu geben. Ansonsten gibt es als Alternative die virtuelle Koloskopie, die mit einem CT vorgenommen wird. Verzichten würde ich auf die Untersuchung nicht.

Leserin: Ich müsste eigentlich wieder zur Darmspiegelung. Doch die Vorbereitung ist so unangenehm. Schon vom Geruch der Abführlösung wird mir schrecklich übel.

Dr. Fuchs: Das Abführen vor der Koloskopie ist für viele das Unangenehmste daran. Doch es ist überaus wichtig. Der Darm muss sauber sein, sonst kann man bei der Spiegelung nicht genügend erkennen. Für die Vorbereitung gibt es heute verschiedene Mittel, die nicht mehr so unangenehm im Geschmack sind. Manche schmecken nach Apfel, in anderen ist Vitamin C. Sie sind daher säuerlich. Ich würde Ihnen raten, einfach mal auszuprobieren, mit welchem Sie am besten zurechtkommen. Außerdem fällt vielen Patienten das Trinken leichter, wenn sie das Präparat gut kühlen.

Leser: Seit einer Operation an der Wirbelsäule leide ich an Stuhlinkontinenz. Was kann ich tun?

Prof. Kauer: Da bei Ihnen offenbar der Nervenimpuls des Rückenmarks an den Schließmuskel in Mitleidenschaft gezogen wurde, könnte Ihnen vielleicht ein Schließmuskel- Schrittmacher (sakrale Nervenstimulation) helfen. Dieser funktioniert ähnlich wie ein Herzschrittmacher: Er erzeugt einen elektrischen Impuls, der den Muskel stimuliert – dieser zieht sich zusammen. Der Schrittmacher gehört derzeit wohl zu den wirkungsvollsten Therapien bei der Stuhlinkontinenz. Doch hilft er auch nicht jedem. Ehe man das Gerät in einer Operation ins Fettgewebe der Pobacken einpflanzt, trägt der Patient dieses darum etwa zwei Wochen lang ähnlich wie einen Walkman an der Hüfte. In dieser Zeit sollten sich die Beschwerden um 50 Prozent verbessert haben, Patienten führen hierzu ein Stuhltagebuch.

- Leserin: Ich kann mich oft nur schwer entleeren, habe mehrmals nacheinander Stuhlgang, dann mit wenig Stuhl. Später geht oft noch unbemerkt etwas ab. Was kann ich tun?

Prof. Kauer: Die Symptome deuten auf eine Rektozele hin. Das ist eine Aussackung des Darms, in der beim Entleeren Stuhl liegen bleibt. Der kann später unbemerkt abgehen. Fast immer sind Frauen betroffen, nur äußerst selten Männer. Besonders häufig trifft es ältere Frauen, die Kinder geboren haben und denen die Gebärmutter entfernt worden ist. Es kann helfen, den Darm zu straffen und so die Aussackung zu beseitigen.

Leser: Mein Vater ist mit etwa 55 Jahren an Darmkrebs erkrankt. Wann sollte ich zur Koloskopie?

Dr. Fuchs: Hatte ein Verwandter ersten Grades Darmkrebs, sollte man zehn Jahre, bevor dieser erkrankt ist zur Untersuchung gehen: Etwa so lange dauert es, bis aus einem harmlosen Polypen Krebs geworden ist. Bösartige Tumore im Darm entwickeln sich immer aus solchen Vorstufen, die bei einer Koloskopie erkannt und sofort entfernt werden. Die Darmspiegelung ist also eine echte Vorsorge: Sie hilft nicht nur, Krebs frühzeitig zu erkennen – sie kann ihn sogar verhindern. Ist kein Verwandter erkrankt, wird die Untersuchung ab dem Alter von 55 Jahren von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Sind keine Polypen vorhanden, sollte man die Untersuchung nach fünf bis sieben Jahren wiederholen. Wurden Polypen entfernt je nach Befund nach drei Jahren.

Leserin: Ich hatte vor Jahren eine Operation am Enddarm. Heute schaffe ich es kaum zur Toilette, wenn ich Stuhldrang spüre. Ich trainiere seit drei Monaten mit einem Biofeedback-Gerät, was bisher nichts gebracht hat. Hat es Sinn weiterzumachen?

Prof. Kauer: Mit einem Biofeedback- Gerät kann man gezielt den Schließmuskel trainieren. Man führt sich eine Sonde in den After ein und kann dann an einem Lichtsignal sehen, ob man richtig anspannt oder nicht. Dieses Training sollte man zwei Mal täglich durchführen und es kann auch einige Zeit dauern, ehe man damit eine Wirkung erzielt. Wenn Sie aber drei Monate lang konsequent geübt haben und sich die Beschwerden nicht gebessert haben, ist damit auch nicht mehr zu rechnen. Man sollte bei Ihnen mit Ultraschall untersuchen, ob vielleicht der Schließmuskel bei der Operation verletzt worden ist. Unter Umständen kann es sinnvoll sein, eine solche Verletzung zu nähen. Auch eine sakrale Nervenstimulation (Schließmuskel- Schrittmacher) könnte als Therapiemöglichkeit in Betracht kommen.

Leser: Wenn ich auf die Toilette gehe, stelle ich oft überrascht fest, dass ich etwas Stuhl am After habe. Dabei habe ich gar nicht bemerkt, dass etwas abgegangen ist. Was hilft mir?

Prof. Kauer: Dieses Stuhlschmieren, das Sie beschreiben, kann vielfältige Ursachen haben, zum Beispiel vergrößerte Hämorrhoidalkissen. Da kann dann wenig Stuhl hängen bleiben, der später unbemerkt abgeht. Hämorrhoiden kann man aber gut behandeln.

Die Experten

Prof. Werner Kauer leitet das Beckenbodenzentrum am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Dr. Martin Fuchs ist Koordinator des Darmzentrums am Münchner Klinikum Bogenhausen.

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Bauchhirn und Bakterienheim

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