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Ein neuer Gesetzesentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn stößt auf wenig Verständnis.

Psychische Krankheiten

Für Depressive "wäre dieses Gesetz eine Katastrophe": Bundestag nimmt Stellung zu Vorwürfen

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Ein neuer Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sorgt für Wirbel: Er will die Psychotherapie neu regeln - eine Betroffene macht ihrem Ärger jetzt Luft.

Update vom 14. Dezember 2018, 09.11 Uhr: Dirk Heidenblut als Mitglied des Deutschen Bundestages ist  für die SPD-Bundestagsfraktion im Ausschuss für Gesundheit sowie im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz. In einer Pressemitteilung verurteilte er den Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zur Neuregelung des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG):

Der Druck aus der Fachwelt auf die Gesundheitspolitik in Berlin - auch durch eine Petition mit mehr als 190.000 Unterschriften - zeigt Wirkung: Ein hoch umstrittener Passus zur Psychotherapie soll aus dem Entwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) entfernt werden. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Dirk Heidenblut, Berichterstatter für Psychiatrie und Psychotherapie, hat bereits früh die kritische Haltung der Fachverbände unterstützt. Die SPD-Fraktion folgt nun einhellig seinem Kurs.

"Die kritisch diskutierte Regelung hätte dem Gemeinsamen Bundesausschuss die Befugnis erteilt, eine neue Versorgungsstruktur in der Psychotherapie zu entwickeln. Die Verbände der Psychotherapeuten befürchteten meiner Ansicht nach zu Recht, dass dadurch unnötig neue Hürden für die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit einer psychischen Erkrankung geschaffen würden. Ebenso bestand die Gefahr, dass diese Neustrukturierung ein Ende der freien Wahl von Therapeut und Therapieverfahren in der psychotherapeutischen Behandlung herbeiführt", erklärt der Abgeordnete Heidenblut.

Originalmeldung

Jeder hat schwermütige Phasen. Dauern diese aber länger an, kann eine Krankheit dahinterstecken. Wer eine Depression vermutet, findet zuerst Hilfe bei seinem Hausarzt und später bei einem Facharzt. Doch Betroffene hadern oft Jahre damit, zum Arzt zu gehen. Die Angst, nicht ernst genommen oder von Freunden und Kollegen als seltsam wahrgenommen zu werden, hindert sie daran.

Jetzt kommt sogar eine neue Hürde vonseiten der Politik: Ein neuer Gesetzesentwurf - ausgerechnet vom Bundesgesundheitsminister - würde Menschen mit psychischen Leiden noch mehr belasten.

TSVG: "(...) für Hilfesuchende mit psychischen Erkrankungen wäre dieses Gesetz eine Katastrophe"

Jens Spahn will mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) die Vergabe von Psychotherapieplätzen neu regeln. Es soll für eine schnellere Terminvergabe von Therapieplätzen und damit für eine bessere Versorgung von psychisch Erkrankten sorgen. "Klingt erst mal super, aber für Hilfesuchende mit psychischen Erkrankungen wäre dieses Gesetz eine Katastrophe", schreibt eine Gastautorin in ihrem Artikel auf dem Portal Neon.

Die Frau, die selbst vor Jahren an einer Depression erkrankt ist, möchte anonym bleiben, richtet aber klare Worte an den Bundesgesundheitsminister.

Kampf gegen psychische Krankheit: Weitere Hürde auf der Suche nach Hilfe

Mit dem TSVG möchte Spahn einen unbeteiligten Dritten bei der Diagnose einer psychischen Erkrankung einschalten. So soll nicht nur ein Hausarzt und ein Facharzt mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie oder Psychotherapie involviert sein, sondern der Patient muss sich noch einem anderen Arzt oder Therapeuten vorstellen, der die Dringlichkeit einer Therapie einschätzen soll.  

In den Augen der anonymen Schreiberin eine Horrorvorstellung. Sie erinnert sich an ihre Therapie: "Wenn ich dazwischen noch ein Vorgespräch mit einem Dritten hätte haben müssen, dem ich wieder 'beweisen' muss, dass ich krank bin, hätte ich das Ganze vielleicht komplett abgeblasen". Allein die Überforderung, sich einen freien Therapieplatz suchen zu müssen, sei unglaublich kräftezehrend. Dazu die ständige Angst, nicht ernst genommen zu werden. Weiter berichtet die Frau: "Jedes Mal wieder erklären zu müssen, warum man so dringend Hilfe braucht, ist anstrengend und fühlt sich aufgrund des gesellschaftlichen Stigmas jedes Mal beschämend an – auch, wenn es das eigentlich nicht sollte."

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"Ich hoffe, der Gegenwind von 93.000 Menschen hilft Ihnen beim Umdenken"

Auch Therapeuten kritisieren den Gesetzesentwurf: Es liegt bereits eine Petition vom Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten, der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung und der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten vor. Über 93.000 Gegner des neuen Gesetzentwurfes haben bereits unterschrieben.

In der Petition argumentieren die Fachleute gegen den Entwurf von Jens Spahn: "Den psychisch kranken Patientinnen und Patienten wird damit aufgebürdet, oftmals enorme, hoch schambesetzte seelische Belastungen gegenüber Behandlern darzustellen, die sie danach in der Regel nicht wiedersehen werden und die sie nicht selbst nach Vertrauensgesichtspunkten gewählt haben". Weiter heißt es: "Der Entwurf zum Paragraph 92 diskriminiert darüber hinaus auch die psychotherapeutisch tätigen Ärzte und psychologischen Psychotherapeuten, die aufgrund ihrer Fachkunde und Zulassung alle über die Qualifikation zur Diagnostik, Indikationsstellung und Behandlungsplanung verfügen."

Die von Depressionen betroffene Autorin beendet ihren Hilferuf an den neuen Bundesgesundheitsminister mit den Worten: "Lieber Herr Spahn, ich hoffe, der Gegenwind von 93.000 Menschen hilft Ihnen beim Umdenken. Denn mit Ihrem neuen Gesetz helfen Sie wirklich niemanden – vor allem nicht denen, die die Hilfe so dringend brauchen. Herzliche Grüße, eine Betroffene, die anonym bleiben will".

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jg

Umarmen oder Händeschütteln: Berührungen tun gut

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