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Der vierjährige Kevin wird für den Zuckertest in den Finger gepikst.

Folge 3

Diabetes: Patienten werden immer jünger

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Die kleinen Patienten von Dr. Ilse Engelsberger sind immer jünger: Erkrankten noch vor wenigen Jahren Kinder meist im Schulalter am Typ-1-Diabetes, manifestiert sich die Stoffwechselstörung nun immer häufiger bei Kindern unter fünf Jahren.

Kinderdiabetologin Dr. Ilse Engelsberger.

Das körpereigene Immunsystem hat bei diesen Kindern in der Bauchspeicheldrüse die Zellen zerstört, die Insulin bilden. Dieses Hormon spielt eine Schlüsselrolle bei der Aufnahme des Zuckers in die Zellen des Körpers. Die Kleinen sollen so normal wie möglich leben können, das heißt jedoch, dass die Eltern lernen müssen, mithilfe von Insulinspritzen,-pens oder -Pumpen die Funktion der Bauchspeicheldrüse zu ersetzen. Dr. Ilse Engelsberger, Oberärztin in der Kinderklinik Schwabing und Leiterin der Kinderdiabetologie beantwortet in der dritten Folge unserer Diabetes-Serie die wichtigsten Fragen rund um die Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen:

Wen trifft es am häufigsten?

Dr. Ilse Engelsberger: Diabetes Typ 1 ist die häufigste Stoffwechselerkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Man schätzt, dass zurzeit rund 25.000 Kinder unter 15 Jahren erkrankt sind. Man rechnet damit, dass im Jahr 2020 die Zahl der kranken Kinder unter fünf Jahren doppelt so groß sein wird wie heute. Das hat nichts damit zu tun, dass Kinder falsch ernährt werden oder übergewichtig sind.Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2 sind ganz verschiedene Erkrankungen. Der Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung, bei der sich das Immunsystem gegen körpereigene Zellen wendet. Abgesehen von genetischen Faktoren, kennt man die Gründe nicht, aber es gibt natürlich viele Studien und Forschungen dazu: Untersucht werden z. B. Umweltfaktoren, die Anzahl von Infektionen und auch Ernährungsgewohnheiten. Eine Änderung der Lebensgewohnheiten spielt offenbar eine Rolle: Länder, in denen früher sehr weniger Kinder erkrankten, wie z. B. Polen, haben derzeit die stärkste Zunahme bei jungen Diabetikern.

Welche Rolle spielen die Eltern bei der Behandlung?

Engelsberger: Es ist ganz wichtig, die Eltern von Anfang in alles mit einzubeziehen und sie auch aufzufangen. Die Diagnose ist immer ein Schock, es handelt sich um eine lebenslange Erkrankung, und uns ist ganz wichtig, dass die Eltern den Anfang nicht zu unangenehm in Erinnerung behalten. Das ganze Team aus Ärzten, Diabetes-Beraterinnen, geschulten Schwestern und einer Psychologin kümmert sich nicht nur um die Gesundheit des Kindes, sondern auch um die Eltern. Das Ziel der Therapie ist, dass die Kinder ein so normales Leben wie möglich führen sollen. Gleichzeitig muss die Funktion der Bauchspeicheldrüse ersetzt werden. Und dafür müssen natürlich bei kleinen Kindern die Eltern sorgen. Sie müssen den Blutzucker testen und ihren Kindern Insulin spritzen. Sie werden in Schulungen und auch im Anschluss an den Krankenhausaufenthalt ständig fortgebildet. Je älter die Kinder werden, desto mehr lernen sie, selbst ihren Insulinbedarf einzuschätzen und sich selbst zu spritzen.

Wie ändert sich das Leben?

Engelsberger: Wir möchten natürlich auf der einen Seite die Kinder nicht zu sehr in ihrer Spontaneität einschränken, auf der anderen Seite ist es aber so, dass je mehr Regeln es im Tagesablauf gibt, umso besser läuft es. Natürlich sollen Kinder nicht auf die Minute pünktlich essen müssen, sie dürfen auch mal ausschlafen, sollen im Kino Popcorn essen, bei Freunden übernachten und sich beim Kindergeburtstag den Bauch vollschlagen dürfen. Aber es ist eben einfach so, dass die Kinder mindestens viermal, in der Regel eher fünfmal am Tag Insulin spritzen müssen. Dabei werden meistens morgens und abends länger wirkende Insuline gegeben und zu den Mahlzeiten dann noch mal schnell wirkende. Man versucht damit, die Arbeit der Bauchspeicheldrüse nachzuahmen, denn auch diese gibt ständig eine gewisse Menge Insulin ins Blut ab, zu den Mahlzeiten kommt ein zusätzlicher Insulinschub dazu. Studien haben ganz klar gezeigt, dass eine derartige Therapie langfristig Spätschäden vermeidet und dass die Erkrankten bei guter Gesundheit bleiben.

Die Pubertät ist ja schon so nicht einfach, wie ist es für Jugendliche mit Diabetes ?

Engelsberger: Es ist eine wirklich schwierige Zeit, und wir versuchen alles, um die Jugendlichen am Ball zu halten. Nach der Diagnose und dem Krankenhausaufenthalt ist es wichtig, dass die Kinder kontinuierlich von auf Kinderdiabetologie spezialisierten Ärzten weiter betreut werden. Und zu dieser Ärztin, diesem Arzt entwickelt sich über die Jahre ein Vertrauensverhältnis, und dadurch schaffen wir es, auch in der Pubertät den Zugang zu den Jugendlichen zu finden. Wir bieten zudem spezielle Schulungen an, bei denen wir auch über diese Zeit sprechen, z.B. darüber welche Auswirkungen Alkohol haben kann. Dieser senkt nämlich den Blutzucker und die Jugendlichen erkennen dann die Symptome eines Unterzuckers nicht mehr. Das kann wirklich gefährlich werden, besonders wenn sie selbst am Steuer eines Autos sitzen. Natürlich schlagen Jugendliche über die Stränge, und da sind auch die ganz Braven keine Ausnahme. Wir versuchen, den Jugendlichen entgegenzukommen. Vielleicht kann die Therapie umgestellt werden, wenn die Jugendlichen z. B. ein Langzeitinsulin bekommen und somit morgens länger schlafen können. Das kann einen neuen Motivationsschub bringen. Diese Zeit muss man irgendwie überbrücken. Meist ist es so, dass nach der Pubertät der Diabetes stabiler wird, dass die jungen Leute weniger Insulin brauchen.

Dürfen die Kinder Leistungssport treiben?

Engelsberger: Sport ist gut, durch die Bewegung kann die Muskulatur auch ohne Insulin Zucker aus dem Blut aufnehmen. Bei Hochleistungssport den Blutzucker einzustellen, ist nicht einfach – aber es gibt keine pauschalen Verbote mehr. Wenn ein Kind talentiert ist, wird man ihm seinen Leistungssport immer ermöglichen. Die Kinder werden speziell geschult, darauf zu achten, dass ihr Blutzuckerwert vor dem Training eher im höheren Bereich liegt. Sie müssen wissen, dass ihre Muskeln mehr Zucker verbrennen und dass sie sich besonders ernähren müssen. Die Kinder sollen alles tun, was ihnen Freude macht.

Interview: S. Stockmann

Insulin

Zucker ist der Treibstoff, der unseren Körper am Laufen hält, allein unser Gehirn verbrennt jeden Tag 140 Gramm Glukose! Durch die Verdauung gelangen die Zuckermoleküle ins Blut. Um in den Körperzellen aufgenommen zu werden, bedarf es jedoch eines Türöffners: Das Hormon Insulin (im Foto blau dargestellt), das in den Langerhansschen Inseln der Bauchspeicheldrüse produziert wird. Die Pankreas ist zwölf bis 18 Zentimeter lang und wiegt etwa 70 bis 80 Gramm. Die Drüse liegt quer im Oberbauch hinter dem Magen. Wurde Insulin früher aus den Bauchspeicheldrüsen von Schweinen gewonnen, kann es heute synthetisch hergestellt und gentechnisch verändert werden, sodass es sicherer und feiner dosierbar geworden ist. Insulin muss unter die Haut gespritzt werden, als Tablette würde das Hormon im Magen zerstört werden.

Die Alarmzeichen erkennen!

Leber und einer Bauchspeicheldrüse im Modell.

Wenn die Bauchspeicheldrüse kein Insulin mehr produziert, werden die Kinder schwer krank. Alle Eltern sollten die Warnzeichen kennen – denn meistens wird Diabetes zufällig bei einer Blutuntersuchung entdeckt, oder die Kinder kommen schwer krank in die Klinik. Wenn Mädchen und Buben plötzlich ständig Durst haben, häufig zur Toilette müssen und/oder nachts wieder einnässen – dann ist das Grund genug, um zum Arzt zu gehen. Wenn der Körper beginnt, sich von den Fettreserven zu ernähren, die Atmung des Kindes sich vertieft und der kleine Körper austrocknet – dann ist das Kind schwerkrank und muss auf der Intensivstation behandelt werden.

sus

Mehr zum Thema:

Was stimmt und was nicht? Zuckerkrank: Zehn Irrtümer über Diabetes

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