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Zu viel Zucker im Blut kann dramatische Folgen haben. 

Folge 4

Zucker als Zellenkiller

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Es erscheint paradox: Diabetes kann gut therapiert und kontrolliert werden. Es ist möglich, den Blutzucker mit Hilfe von leichtem Sport, vernünftiger Ernährung bzw. Tabletten oder Insulin in einen gesunden Bereich zu bringen.

Trotz aller Behandlungsfortschritte ist jedoch die Gefahr für Spätschäden weiterhin erschreckend hoch. Die Zahlen der Deutschen Diabetes-Hilfe schockieren: Durch die Zuckerkrankheit gibt es jedes Jahr 40.000 Amputationen, erblinden 2000 Menschen neu. 30 bis 40 Prozent der Menschen mit Diabetes haben Nierenschäden, über 2000 Diabetes-Patienten werden jedes Jahr neu dialysepflichtig. Ungezählt ist die Zahl der Schlaganfälle und Herzinfarkte, die auf Diabetes zurückgehen. Immer noch wird bei sehr vielen Menschen der Diabetes erst entdeckt, weil sie wegen eines Herzinfarkts in die Klinik kommen. Man mag es kaum glauben – die Späterkrankung fällt früher auf als der zugrunde liegende hohe Blutzucker!

Die Münchner Professorin Petra-Maria Schumm-Draeger sieht eine richtige Krankheitswelle auf uns zurollen – die Anzahl der Menschen mit Typ-2-Diabetes wird immer größer, mit ihnen steigt auch die Zahl der Männer und Frauen, die unter Spätschäden leiden werden. Die Chefärztin der Klinik für Diabetologie am Klinikum Bogenhausen hat eine klare Botschaft an alle Ärzte und Patienten: Hohe Blutzuckerwerte müssen ernst genommen werden, auch schon in einem frühen Stadium.

Glukose führt zur Dauer-Entzündung in den Gefäßen

Die Spätschäden entstehen durch eine chronische Entzündung der Blutgefäße, ausgelöst durch hohe Zuckerwerte im Blut, die über lange Zeit die Gefäßwände attackieren. Der Zucker wird eigentlich in den Zellen als Energielieferant gebraucht, doch weil der Körper entweder kein Insulin mehr produzieren kann (Typ-1-Diabetes) oder das Hormon seine Wirksamkeit verloren hat (Typ-2-Diabetes), reichert sich Zucker im Blut an.

Die glatte Innenhaut der Gefäße wird rau, kleine Gerinnsel können kleben bleiben, Ablagerungen entstehen – Plaques genannt. Das Gefäß wird enger und es kann zum Verschluss kommen. Das betrifft die großen Blutgefäße zum Herzen, ins Gehirn und in die Beine genauso wie die ganz kleinen Adern, die Nerven, Nieren und Augen mit Sauerstoff versorgen. Verschließt sich eines der Herzkranzgefäße, kommt es zum Herzinfarkt. Liegt der Verschluss in einem Gefäß, das das Gehirn versorgt, liegt ein Schlaganfall vor. Beides sind die am häufigsten auftretenden Spätschäden und ein Hauptgrund dafür, dass Typ-2-Diabetiker eine um fünf bis zehn Jahre verkürzte Lebenserwartung haben. Männer mit Diabetes haben ein zwei bis vier Mal höheres Risiko, Frauen sogar ein sechsfach erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden. Durch die Schädigung der Nervenempfindung haben Patienten die charakteristischen Schmerzen nicht, die einen Herzinfarkt oder eine schlechte Durchblutung z. B. im Bein ankündigen.

Eine sehr häufige Spätfolge ist der sogenannte diabetische Fuß, eine Kombination aus Durchblutungsstörung und Störung der Nervenempfindungen, bei dem es zu schlecht heilenden Wunden und offenen Stellen kommt. Zu den häufigen Spätschäden gehören auch Nierenerkrankungen, Erkrankungen der Netzhaut und die diabetische Fettleber.

Folgeschäden werden zu spät entdeckt

Kündigen sich Folgeschäden durch Warnzeichen an?

Professorin Petra-Maria Schumm-Draeger: Kaum – sowohl der Diabetes als auch die Folgeschäden können lange Zeit unentdeckt bleiben. Zunächst fühlen sich die Patienten gesund, bei Typ-2-Diabetes mit mäßig erhöhtem Blutzucker klagen sie allenfalls über etwas mehr Müdigkeit.

Hohen Blutzucker merkt man nicht. Aber über Monate und Jahre hinweg schädigt er die Innenwände der Blutgefäße. Nicht nur die großen Blutgefäße zum Gehirn, Herzen und in die Beine werden beeinträchtigt, sondern es verstopfen auch die sehr kleinen Gefäße, die die Nerven mit Sauerstoff versorgen.

Diese Neuropathien bedeuten, dass die Patienten manche Arten von Schmerz nicht mehr spüren! Daher wird bei vielen Menschen die Zuckerkrankheit erst entdeckt, weil sie mit einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt in die Klinik eingeliefert wurden. Der typische Brustschmerz bei Angina Pectoris ist bei ihnen ausgeblieben. Wenn es Warnzeichen gibt, dann liegt schon eine erhebliche Einengung der Blutversorgung vor. Wenn es zu z.B. zu Schmerzen in den Beinen kommt oder wenn Albumin im Urin festgestellt wird – dann ist der Schaden schon eingetreten, dann ist die Blutversorgung ins Bein oder die Nierenfunktion schon gestört. Es gibt z. B. die sogenannte Schaufensterkrankheit, bei der Menschen beim Gehen starke Schmerzen in der Wade bekommen und stehen bleiben müssen. Nach kurzer Pause können sie weiterlaufen. Je nachdem, wie kurz die Strecke ist, die sie noch bewältigen können, desto größer ist der Verschluss der Beinarterie. Wenn man das kranke Bein untersucht, stellt man oft fest, dass es kälter ist, weil es nicht mehr gut durchblutet wird. Aber das merken die Menschen gar nicht mehr.

Wie können die Patienten besser geschützt werden?

Schumm-Draeger: Normale Blutzuckerwerte schützen vor Spätschäden. Was können wir tun, um die Patienten dahingehend bestmöglichst einzustellen?
Wir können an drei Hebeln ansetzen: bei den Patienten, den Ärzten und der Gesundheitspolitik. Menschen mit Typ-2-Diabetes sind zum überwiegenden Teil übergewichtig bis adipös, sie leiden ganz oft zusätzlich zum Diabetes unter Bluthochdruck und unter hohen Blutfettwerten. Diese Kombination verstärkt erheblich das Risiko für Gefäßerkrankungen vor allem für Herzinfarkt und Schlaganfall.
Alle Risikofaktoren sollten zum frühstmöglichen Zeitpunkt gut kontrolliert und eingestellt werden. Wenn die Leute mitmachen, ihren Lebensstil ändern und von einer guten medikamentösen Therapie profitieren, dann kann man Folgeerkrankungen verhindern bzw. den Manifestationszeitpunkt ganz erheblich nach hinten verlagern. Das Traurige ist, dass die Diagnose auch heute immer noch viel zu spät gestellt wird. In der Arztpraxis wird eher der hohe Blutdruck oder das Cholesterin gemessen. Die Sache mit dem Zucker gilt immer noch als nicht so dramatisch. Auch wenn der Nüchtern-Zucker nur etwas erhöht ist, heißt das für mich als Diabetologin, dass dringend gehandelt werden muss. Denn schon jetzt hat mein Patient ein drastisch erhöhtes Herzkreislaufrisiko, bei Nierenfunktionseinschränkung darf er nicht mehr alle Tabletten in der normalen Dosis nehmen. Eine Untersuchung im Computertomographen mit Kontrastmittel kann z. B. eine vorgeschädigte Niere so belasten, dass sie versagt. Da müssen wir alle noch genauer drauf achten. Die Disease-Management-Programme bedeuten, dass die Patienten regelmäßig zum Arzt gehen, damit bestimmte Werte kontrolliert werden. Dass es das Programm gibt, ist grundsätzlich gut. Im Einzelnen sind jedoch Verbesserungen nötig – ich würde mir von der Politik wünschen, dass sie der Prävention, also der Verhütung von Schäden, eine höhere Bedeutung einräumt bei der Behandlung von Diabetes. Bisher ist es leider so, dass oft erst gehandelt wird, wenn der Schaden schon eingetreten ist.

Sind Spätschäden heilbar?

Schumm-Draeger: Zu den reversiblen Spätschäden gehört das Albumin im Urin als Frühmarker für die Nierenschädigung. Wenn man die Einstellung konsequent stabilisiert, kann das wieder weggehen. Ist die Nierenfunktion jedoch schon messbar eingeschränkt, können wir das nicht mehr zurückdrehen. Auch eine Sehstörung am Auge geht nicht wieder weg, genauso wenig wie die Narbe durch einen Herzinfarkt. Aber wenn z. B. eine koronare Herzerkrankung diagnostiziert wird und es noch zu keinem Herzinfarkt gekommen ist, kann man bei guter Stabilisierung erreichen, dass die Erkrankung nicht fortschreitet.

Ende der Serie über Diabetes über Mythen, Ursachen und Behandlungen der Erkrankung aufgeklärt hat.

sus

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