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Schockdiagnose Diabetes – was jetzt?

Folge 2

Schockdiagnose Diabetes – was jetzt?

Jeder Schritt bedeutet Überwindung, selbst das Denken fällt schwer – Alltag und Job zu meistern, scheint unmöglich. Der Grund: Den Körperzellen fehlt ihr Brennstoff Zucker.

Dr. Franz Bichler Chefarzt Innere Medizin, Klinik im Alpenpark in Bad Wiessee.

Er ist im Blut gelöst, gelangt aber nicht in die Zelle, weil der Türöffner, das körpereigene Hormon Insulin, seine Wirksamkeit eingebüßt hat. „Ich hatte schon Firmenchefs hier, die aufhören wollten“, sagte Dr. Franz Bichler, Chefarzt Innere Medizin, Klinik im Alpenpark in Bad Wiessee. Meistens sind diese Patienten sehr überrascht, wenn er ihnen sagt, dass sie an Diabetes mellitus Typ 2 leiden. Noch überraschter sind die Betroffenen, wenn mit einer wirksamen Therapie Schwung und Leistungsfähigkeit zurückkommen. Viele bekommen mit einer Ernährungsumstellung, leichtem Sport und wenn nötig mit Tabletten, den Blutzuckerspiegel in den gesunden Bereich – ohne auf alle lieben Gewohnheiten verzichten zu müssen. Chefarzt Franz Bichler beantwortet in der zweiten Folge der Diabetes-Serie die wichtigsten Fragen zum Diabetes mellitus Typ 2, früher als Altersdiabetes bezeichnet.

Zuckerkrank? Viele wissen nichts davon

Diabetes: Wie gefährdet sind Sie?

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Geschätzte zwei Millionen Menschen in Deutschland wissen nicht, dass sie zuckerkrank sind. Hinter jedem dritten Herzinfarkt verbirgt sich ein nicht entdeckter Diabetes. Das Risiko einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, steigt mit dem Lebensalter an, es ist höher bei Übergewicht, erhöhtem Blutdruck und hohen Blutfettwerten und wenn auch die Eltern Diabetes hatten. Frauen, die während der Schwangerschaft einen sogenannten Gestationsdiabetes hatten, sind gleichfalls stärker gefährdet.

Wer sich bewegt, braucht weniger Medikamente.

Die Krankheit ist mit einigen Bluttests und einem sogenannten Glukosetoleranztest sehr gut zu diagnostizieren. Wer noch nicht zum Arzt gehen möchte, kann in der Apotheke seinen Blutzuckerwert messen lassen. Die dort verwendeten Sticks haben zwar eine Abweichung bis zu 15 Prozent, können aber einen Hinweis auf den Gesundheitsstatus geben. Mit Bluttests kann auch festgestellt werden, ob die Bauchspeicheldrüse noch Insulin produziert, also ein Typ 2 vorliegt. Steht die Diagnose, ist es das Ziel, den Blutzucker langsam aber kontinuierlich zu senken. Starke Schwankungen sollen vermieden werden. Manchmal treten sie dennoch in Form von Unterzuckerung auf, das kann ein Hinweis auf eine Diabetes-Erkrankung des Typs 1 sein, bei der der Körper kein Insulin mehr herstellen kann. Dr. Franz Bichler: „Hinter circa jedem zehnten Typ-2-Diabetes verbirgt sich ein Typ-1-Diabetes. Das war früher nicht so bekannt Darauf wird heute sehr geachtet, damit diese Patienten schnell adäquat geschult und behandelt werden können.“

Bewegung ist die beste Medizin

Muss der Betroffene sein ganzes Leben nach der Krankheit richten?

Obst, Gemüse und Vollkornprodukte schützen vor Diabetes.

Dr. Franz Bichler: Die Behandlung der Krankheit hat sich sehr gewandelt, Insulin spritzen müssen sich zunächst nur Patienten beim Typ-1-Diabetes. Selbst diese Patienten müssen nur noch Broteinheiten zählen, wenn sie unter stark schwankenden Blutzuckerspiegeln leiden. Beim Typ-2-Diabetes sollte der Betroffene seine Lebensweise zunächst umstellen. Um grundlegende Maßnahmen wie vermehrte körperliche Bewegung und vernünftige Ernährung wird er nicht herumkommen. Wurde die Erkrankung bei einem Check-up des Hausarztes frühzeitig entdeckt, reichen diese Maßnahmen in aller Regel schon aus, um dem Blutzuckerspiegel wieder in den Griff zu bekommen. Es muss nicht Marathon gelaufen werden, aber drei- besser fünfmal in der Woche eine Stunde sollte man schon spazieren gehen. Wer stark übergewichtig ist, muss mit einer Reduktionsdiät Gewicht verlieren, für die übrigen reicht es aus, sich gesund zu ernähren. Dabei muss man ganz und gar nicht auf alles verzichten. Man hat schon lange den Begriff Diabetes-Diät verlassen. Es ist eigentlich ein gesundes Essen mit viel Gemüse, Obst und Kohlehydraten, wenig tierischen Fetten und Zucker, so wie wir alle essen sollten. Diabetes-Produkte sind aus medizinischer Sicht unnötig.

Wann raten Sie zu Medikamenten?

Bichler: Häufiger haben wir es mit älteren Patienten zu tun, die aufgrund von weiteren Erkrankungen wie z. B. Arthrose gar nicht in der Lage sind, sich täglich ausreichend zu bewegen. Da haben wir bewährte Medikamente, um den Blutzuckerspiegel zu senken. Zwischenzeitlich stehen mehrere Substanzgruppen zur Verfügung: Meist wird mit Metformin in niedriger Dosis begonnen. Es senkt den Blutzucker, indem es die Aufnahme des Zuckers in die Zellen erleichtert, ohne dass der Patient an Gewicht zunimmt oder in einen Unterzucker kommt. Hilft diese Therapie nicht oder wird sie nicht gut vertragen, können andere Medikamente verschrieben werden, ohne dass zunächst Insulin nötig wird. Doch auch beim Typ-2-Diabetes kann es sein, dass die Produktion von Insulin so weit nachgelassen hat, dass Insulin gegeben werden muss. Meist ist das selbst Spritzen für die Patienten ungewohnt und bisweilen auch angstbesetzt. Die meisten lernen im Rahmen einer Schulung, damit gut zurechtzukommen. Aber um es zu betonen: Das ist kein schicksalhafter Verlauf: Wer sich vernünftig bewegt, vernünftig isst – hat gute Chancen, seinen Blutzuckerspiegel bis ins hohe Alter stabil zu halten.

Wie gut ist die Mitarbeit?

Bichler: Das kommt auf den Einzelnen an. Manche sind dankbar für Ratschläge und setzen sie um, andere dagegen fallen schnell wieder in alte Verhaltensmuster zurück. Denn im Anfangsstadium haben sie oft keine Symptome, die Menschen fühlen sich gesund und leben bald wieder wie vor der Diagnose. Das bedeutet dann leider, dass der Diabetes sehr schnell wieder zurückkommt.

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