Bei Diabetes: Wie sinnvoll sind Diätprodukte?

München - Kann man Diabetes vorbeugen? Wie sinnvoll sind Diätprodukte, wenn man bereits erkrankt ist? Die Besucher der Merkur-Sprechstunde hatten viele Fragen.

Nicht alle konnten bei der Veranstaltung geklärt werden. Hier beantworten die Experten eine Auswahl.

Ich habe gehört, dass Diabetiker bei den Kohlenhydraten sparen sollen. Stimmt das? Und ist Vollkorn wirklich besser als Weizenmehl?

Prof. Martin Halle: Hierzu müssen Sie wissen, dass es zwei Gruppen von Kohlenhydraten gibt. Sogenannte schnell resorbierbare Kohlenhydrate, die zum Beispiel auch in Obst stecken, führen schnell zu hohen Blutzuckerwerten. Langsam resorbierbare Kohlenhydrate, etwa in Gemüse und auch in Vollkornbrot, sind gut für Diabetiker, weil sie den Blutzucker nicht durcheinanderbringen. Sie sind auch besser, wenn man abnehmen will oder auch nur sein Gewicht halten.

Was ist der Unterschied zwischen Blutzucker und Langzeitzucker?

Prof. Diethelm Tschöpe: Der Blutzucker ist ein spontan gemessener Wert vor und nach dem Essen. Er gibt Auskunft über den aktuellen Zuckergehalt im Blut. Nüchtern, also vor dem Essen, sollte der Blutzucker unter 100 mg/dl (5,5 mmol/l) liegen und nach dem Essen nicht über 140 mg/dl (7,7 mmol/l). Das gilt bei Typ-1- und Typ-2-Diabetes. Der Langzeit-Blutzuckerwert, das sogenannte glykierte Hämoglobin oder auch HbA1c, ist ein Mittelwert, der einmal im Quartal bestimmt wird. Der Wert gibt Auskunft über die Qualität der Blutzuckereinstellung im vergangenen Vierteljahr.

Wie hoch sollte der HbA1c-Wert sein?

Die Experten: Moderatorin Dr. Barbara Richartz, Prof. Martin Halle, Prof. Diethelm Tschöpe und Sternekoch Michael Fell.

Tschöpe: Als Ziel für den HbA1c strebt man Werte unter 6,5 bis 7 Prozent an, bei älteren Patienten unter 8 Prozent. Ein Langzeit-Blutzuckerwert im Zielbereich muss aber nicht automatisch bedeuten, dass alles mit den Blutzuckerwerten optimal läuft. Der HbA1c ist ein Durchschnittswert. Hohe können durch niedrige Werte ausgeglichen werden. Wichtig ist, dass der Blutzucker insgesamt möglichst nahe der Norm eingestellt ist. Hierzu müssen Blutzucker-Abfälle (Hypoglykämien) und starke Zuckeranstiege (Hyperglykämien), zum Beispiel nach dem Essen, vermieden werden.

Dürfen Typ II-Diabetiker frisches Obst essen? Wenn ja: Wie viel pro Tag darf man essen? Und gibt es bestimmte Sorten, auf die sie verzichten sollten?

Halle: Obst ist zwar grundsätzlich sicherlich gesund. Allerdings müssen Diabetiker aufpassen, da Früchte viel Fruchtzucker enthalten. Sie lassen den Blutzucker-Spiegel darum schnell ansteigen. Für Diabetiker ist daher Gemüse deutlich besser als Obst, das sie nur in Maßen essen sollten. Fruchtsäfte sollten sie aber unbedingt vermeiden. Zusätzlich zur Störung des Blutzuckerspiegels haben sie auch viele Kalorien.

Oft habe ich so ein Kribbeln in den Füßen. Sie fühlen sich auch oft taub an. Woher kommt das?

Tschöpe: Die Symptome sollten Sie unbedingt mit Ihrem Arzt besprechen. Ein ständiges Kribbeln in den Füßen, auch Taubheitsgefühle und fehlende Schmerzwahrnehmung können Hinweise sein, dass bereits eine Nervenstörung, eine diabetische Neuropathie vorliegt. Davon sind viele Diabetiker betroffen, vor allem nach langer Erkrankung. Es ist wichtig, früh Maßnahmen zu ergreifen, damit es nicht zu weiteren Folgen wie einer schlechten Wundheilung kommt.

Kann man erhöhte Zuckerwerte allein durch Sport und Diät wieder auf ein Normalmaß bringen?

Halle: Regelmäßige Aktivität im Alltag und zusätzlich ein angepasstes sportliches Training kann die Blutzuckerwerte tatsächlich wieder in den Normalbereich zurückführen. Dies funktioniert allerdings am besten, wenn das Gewicht auch wieder in den Normalbereich kommt. Zudem darf das Diabetes-Stadium nicht zu weit fortgeschritten sein, sonst funktioniert es nicht mehr komplett. Ein positiver Effekt ist aber immer zu erwarten.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Herzrhythmus-Störungen und Diabetes?

Tschöpe: Vermutlich ja. Eine bekannte Herzrhythmus-Störung bei Diabetes ist das Vorhofflimmern. Es tritt bei Diabetikern deutlich häufiger auf und führt zu einem erhöhten Schlaganfallrisiko – selbst wenn es nur sporadisch auftritt. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Auffälligkeiten im EKG, die in Zusammenhang mit Diabetes auftreten können, aber nicht systematisch untersucht sind. Starke Stoffwechsel-Schwankungen mit einem Abfall des Blutzuckers (Hypoglykämien) oder sehr hohen Zuckerwerten (Hyperglykämien) können Rhythmus-Störungen begünstigen. Sie gelten auch als Ursache für den gehäuft auftretenden plötzlichen Herztod bei Menschen mit Diabetes.

Ich habe gehört, dass es bei Diabetes zu Nierenschäden kommen kann. Warum ist das so? Wie lässt sich das erkennen und verhindern?

Tschöpe: Der Nierenschaden (diabetische Nephropathie) ist eine häufige Komplikation bei Diabetes. Er wird durch eine unzureichende Einstellung des Zuckerstoffwechsels, die oft lange Zeit besteht, gefördert. Dabei handelt es sich um Veränderungen der glumerolären Kapillaren, des Nierenfilters. Um dies möglichst früh zu erkennen, sollte man die Albuminwerte im Urin messen, gegebenenfalls mit Teststreifen, die auch geringfügig erhöhte Werte (Mikroalbuminurie) anzeigen können. Ein gemäß den Zielwerten gut eingestellter Diabetes und eine regelmäßige Blutdruckkontrolle sind die effektivsten Maßnahmen, um die Entstehung diabetesbedingter Nierenschäden zu verhindern.

Ich habe gehört, dass Erektionsprobleme auch ein Anzeichen für Diabetes sein können. Stimmt das?

Halle: Erektionsprobleme sind in der Tat oft ein erstes Anzeichen für einen Diabetes, der bereits zu Gefäßveränderungen geführt hat. In so einem Fall darf man nicht zu viel Zeit verstreichen lassen, ehe man etwas unternimmt. Sonst werden die Schäden zu groß und lassen sich nicht mehr rückgängig machen. Darum sollte man früh zum Arzt gehen und sich nicht scheuen, das Problem offen anzusprechen. Dann müssen alle Risikofaktoren optimal, auch medikamentös, eingestellt werden. Auch ist es wichtig, täglich körperlich aktiv zu sein. Das kann die Probleme verbessern.

Was ist eine „beginnende Mediasklerose“?

Tschöpe: Darunter versteht man eine verstärkte Kalkeinlagerung in der Zwischenschicht der Blutgefäße. Das trägt dazu bei, dass diese steifer werden. Dies führt noch nicht zu einer verminderten Durchblutung, aber zu einer eingeschränkten Regulationsreserve der Blutgefäße. Gleichzeitig beeinträchtigt die Mediasklerose diagnostische Maßnahmen, die zur Erkennung einer arteriellen Verschlusskrankheit wichtig sind, wie zum Beispiel die Verschlussdruckmessung.

Mein Großvater und meine Mutter haben Diabetes. Wird man bei so einer familiären Vorbelastung unweigerlich auch irgendwann zuckerkrank?

Halle: Nein, aber eine erbliche Veranlagung sollte den Betroffenen veranlassen, besonders konsequent auf ein normales Gewicht zu achten. Als Richtwert gilt ein Body Mass Index (BMI = Körpergewicht/Körpergröße2), der unter 27 kg/m2 liegt. Zudem sollte man regelmäßig sportlich aktiv sein. Beides ist entscheidend, um keinen Diabetes zu entwickeln.

Die Experten:

Prof. Diethelm Tschöpe leitet das Diabeteszentrum des Herz- und Diabeteszentrums NRW in Bad Oeynhausen.

Prof. Martin Halle leitet das Institut für Prävention und Sportmedizin der Technischen Universität München.

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