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Nicht nur eine Frage des Alters: Auch junge Menschen bekommen Durchblututungsstörungen. Erste Hinweise, ob das Blut stockt, liefern Blutdruckmessungen am Fuß und Arm.

Wenn das Blut stockt

Durchblutungsstörung: Schleichend und unheilbar

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München - Volkskrankheit Durchblutungsstörung: Wie jeder selbst testen kann, ob sein Blut noch frei fließen kann, und was die besten Gefäßreiniger sind – darüber sprach die tz mit Dr. Andreas Maier-Hasselmann.

Pro Tag pumpt unser Herz die unvorstellbare Menge von 10.000 Litern Blut durch unsere Gefäße. Aus den Gefäßen fließt es über das Venensystem zurück zum Herzmuskel, die rechte Herzkammer schickt das Blut in die Lungen. Dort saugt es sich mit Sauerstoff voll, gelangt wieder zum Herzen und wird von der linken Herzkammer in die großen Arterien gedrückt, die jede einzelne Zelle im Körper vom Gehirn bis zum kleinen Zeh mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgen.

Die Wände der Arterien sind glatt und elastisch. Allerdings können sie sich durch Entzündungsprozesse langsam verändern und rau werden. Dann bleiben dort Blutplättchen hängen, sie verkleben und wachsen nach und nach in die Arterien ein. Das tut nicht weh und bleibt deshalb oft jahrelang unbemerkt, bis es schließlich irgendwo zu einem Verschluss kommt. Wie jeder selbst testen kann, ob sein Blut noch frei fließen kann, und was die besten Gefäßreiniger sind – darüber sprachen wir mit Dr. Andreas Maier-Hasselmann, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie am Klinikum Schwabing.

Interview mit Dr. Maier-Hasselmann, Chefarzt am Klinikum Schwabing

Kann ich selbst testen, ob mein Blutkreislauf noch frei fließt?

Dr. Andreas Maier-Hasselmann: Wenn man die Pulse am Fuß tasten kann, liegt keine gravierende Durchblutungsstörung vor. Am Fußrücken und am Innenknöchel kann man die beiden Hauptarterien der Füße gut tasten, hier kann jeder selbst seinen Puls fühlen. Der Arzt vergleicht zudem noch den Blutdruck am Fuß mit dem normalen Armblutdruck – gibt es hier einen Unterschied, sollte man in einer Ultraschalluntersuchung abklären, wo das Problem liegt.

Was sind erste Warnzeichen?

Dr. Maier-Hasselmann.

Dr. Andreas Maier-Hasselmann: Die Verengung der Blutgefäße verläuft über viele Jahre meist unbemerkt. Wenn es zu Problemen kommt, ist die Krankheit meist schon recht weit fortgeschritten. Das typische erste Warnzeichen ist, dass man beim schnellen Gehen, beim Bergaufgehen oder Treppensteigen Wadenschmerzen bekommt. Wir haben Patienten, die kommen und sagen: Ich habe da eine Zerrung, die geht nicht mehr weg. Tatsächlich haben viele eine Durchblutungsstörung, die symptomatisch geworden ist, also Beschwerden bereitet. Die Arterie, die die Waden versorgt, verläuft am Oberschenkel durch eine Lücke zwischen den Muskelsträngen. Bei jeder Bewegung gibt es also einen Reiz von außen auf die Arterienwand, und daher gibt es zuerst an dieser Stelle relativ häufig Entzündungsprozesse in der Gefäßwand. Die Schmerzen jedoch treten in der Wade auf, weil der Blutstrom die Wadenmuskulatur, durch diese Engstelle bedingt, nicht mehr in ausreichendem Masse erreicht. Wir sprechen hier von der Schaufensterkrankheit, weil die Patienten oft nicht mehr sehr weit gehen können und dann eine Pause brauchen.

Ist die arterielle Verschlusskrankheit eine Erkrankung des Alters?

Dr. Andreas Maier-Hasselmann: Eigentlich ja, aber gerade unter jüngeren Rauchern und Raucherinnen haben wir immer wieder Patienten. Bei den jungen Frauen, die rauchen, verschließen sich übrigens häufig zuerst die Beckenarterien. Man weiß nicht warum, das so ist. Aber das ist allen Gefäßchirurgen bekannt. Generell kann die arterielle Verschlusskrankheit den ganzen Körper betreffen. Wenn also z. B. eine Durchblutungsstörung an den Beinen oder im Becken diagnostiziert wurde, muss man unbedingt auch das Herz, die Halsschlagader und die Nierenschlagader sowie die Versorgung des Darms überprüfen. Eine Verkalkung am Hals z. B. macht sich erst bemerkbar, wenn die Ader schon fast geschlossen ist. Dann kann man einen Schlaganfall bekommen mit folgenden Symptomen: Sehstörungen in einem Auge, einseitige Lähmungen, Sprachstörungen. Am Herzen sind Schmerzen bei körperlicher Belastung ein Warnzeichen.

Ist ein Aneurysma auch eine Durchblutungsstörung?

Dr. Andreas Maier-Hasselmann: Nein, hier handelt es sich um eine Aussackung der Schlagader, aber auch diese Aneurysmen werden durch diese chronischen Entzündungsprozesse der Gefäßwand hervorgerufen. Etwas anderes sind angeborene Aneurysmen, die häufig im Gehirn vorliegen und gerade bei jüngeren Menschen zu plötzlichen Blutungen führen. Aber bei den übrigen Aneurysmen laufen in der Gefäßwand sehr ähnliche Prozesse ab wie bei der Verkalkung, also eine sterile Entzündung. Nur dass die Wand schlaff wird und nicht enger. Es ist vermutlich genetisch bedingt, wer die erschlaffende Gefäßveränderung und wer eine einengende Verkalkung bekommt.

Kann man seine Gefäße reinigen, z. B. mit Bärlauch oder Knoblauch?

Dr. Andreas Maier-Hasselmann: Es gibt leider nichts, womit man seine Gefäße wieder sauber putzen kann. Diese Krankheit ist nicht heilbar. Allerdings kennen wir ja sehr gut die Auslöser, und wenn man diese in den Griff bekommt, kann man das Fortschreiten verzögern oder sogar aufhalten. Also: Nicht rauchen, den Blutzucker optimal halten, die Blutfettwerte vernünftig einstellen und den Blutdruck niedrig halten. Das sind auch alles die Bausteine der konservativen Therapie. Und was den Bärlauch oder Knoblauch betrifft: Man kann ihn sicher unbedenklich essen – es gibt keine Hinweise, dass sie irgendeinen Schaden anrichten.

Wenn Arterien dicht machen

In Deutschland sind circa 4,5 Millionen Menschen von einer arteriellen Verschlusskrankheit (AVK) betroffen. Inzwischen leidet jeder Zehnte zwischen 55 und 65 daran, nach dem 65. Lebensjahr ist sogar jeder Fünfte betroffen. Ungefähr 80 000 Menschen sind wegen einer AVK ständig in ärztlicher Behandlung und bei etwa 35 000 Menschen jährlich muss eine Amputation durchgeführt werden, weil das nicht mehr durchblutete Gewebe sonst zu einer lebensgefährlichen Blutvergiftung führen würde.

Schnelle Diagnose, aber mit Operation abwarten

Raucher, besonders Raucherinnen, Menschen mit Diabetes und sehr übergewichtige Männer und Frauen sollten regelmäßig ihren Blutfluss und die Risikofaktoren überprüfen lassen. Mit einem besonderen Ultraschallgerät kann der Angiologe den Zustand der Arterien im ganzen Körper unkompliziert und sehr sicher, dabei jedoch schmerzlos und ohne große Belastung für den Patienten überprüfen. Wer rechtzeitig mit einer konservativen Therapie beginnt, seine Risikofaktoren senkt und Medikamente schluckt, die das Verklumpen der Blutplättchen hemmen (z.B. Aspirin), kann das Fortschreiten der Verschlusskrankheit aufhalten. Auch Bewegung hält Gefäße jung.

Heilbar ist diese Krankheit nicht. Den Gefäßchirurgen stehen zwar Möglichkeiten zur Verfügung, mithilfe von Ballonkathetern verengte Gefäße zu weiten, sie gegebenenfalls mit Stents offen zu halten oder durch einen Bypass zu überbrücken. Doch Dr. Maier-Hasselmann sieht dies nur als sinnvoll an, wenn die Lebensqualität der Betroffenen schon stark eingeschränkt oder ihr Leben in Gefahr ist. Dann sollte nicht mit einem Eingriff gezögert werden. In früheren Stadien jedoch warnt er: „Wir können die Grunderkrankung nicht heilen.“

Ein großes Problem bei der Behandlung sei, dass die operativen Maßnahmen die Entzündung in der Gefäßwand nicht stoppen, sondern der ganze Prozess weitergeht. Ganz neu eingesetzt werden nun Ballonkatheter, die mit einem Medikament getränkt sind, das das Immunsystem unterdrückt. Dieses Medikament wird beim Weiten des Gefäßes in die Arterienwand gedrückt und soll dort dafür sorgen, dass die Entzündung gestoppt wird. Die ersten Ergebnisse seien recht vielversprechend.

So wirkt Zellgift

Viele Menschen wissen, dass Nikotin die Gefäße verengt. Wenn diese eh schon verstopft sind, z. B. am Herzen, kann das für einen Raucher durchaus lebensgefährlich sein. Wenn die Wirkung des Nikotins nachlässt, weiten sich die Gefäße wieder. Gefährlich sind die anderen giftigen Inhaltsstoffe in Zigaretten wie die sogenannten Benzpyrene. Dieses Zellgift reizt die Gefäßwände der Arterien, der Körper reagiert mit einer Abwehrreaktion auf die Attacke. Es wandern Entzündungszellen ein beim Versuch, den Giftschaden wieder zu reparieren. Enzyme werden freigesetzt, die wiederum andere Zellen anlocken. Die Gefäßwand dehnt sich aus, die glatte Innenschicht der Arterien wird rau. Die Ablagerungsprodukte der Entzündungsreaktion lagern sich als kleine Verkalkungen dort an. Die Wand wächst in den Hohlraum des Gefäßes hinein und bildet dort eine Engstelle, an der Blutplättchen haften bleiben und verklumpen können.

Susanne Stockmann

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