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Einsatz in Guinea: Der Epidemiologe Maximilian Gertler hat drei Wochen lang Ebola-Kranke betreut.

Epidemiologe im Interview

"Ebola bestraft jeden kleinsten Fehler"

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München - Ebola breitet sich immer schneller aus. In drei Wochen hat sich die Zahl der Todes- und Infektionsfälle in Westafrika mehr als verdoppelt – aktuell ist die Rede von rund 2300 Toten und knapp 4300 Infizierten.

Maximilian Gertler (39) aus Berlin, Arzt und Vorstand bei der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, war jüngst in Guinea. Er sagt: „So etwas gab es noch nie.“

Wie ist die Situation?

Katastrophal. Die Ebola-Zentren sind überbelegt, das Personal ist völlig überlastet. Es werden ununterbrochen neue Patienten eingeliefert. Jedes Bett, das frei wird, ist sofort wieder belegt. Die Menschen stehen zum Teil Schlange vor den Zentren – wir kennen sogar Fälle, in denen Familien stundenlang unterwegs sind, weil jemand von ihnen erkrankt ist und sie keinen freien Behandlungsplatz finden.

-Lässt sich eine solche Epidemie überhaupt noch in den Griff bekommen?

Die Alternative wäre, die Hände in den Schoß zu legen – und das können wir nicht. Tatsache ist, dass Ebola nicht mehr regional begrenzt ist, dass seit Monaten ein Flächenbrand tobt, der außer Kontrolle geraten ist. So etwas haben wir bisher noch nicht erlebt.

Was brauchen Sie am dringendsten?

Vor allem Isolierstationen – und mehr Personal, also Menschen, die bereit sind, in Krisengebiete zu gehen. Immer mehr Ärzte und Krankenschwestern haben Angst vor einer Ansteckung und kommen deshalb überhaupt nicht mehr zur Arbeit. Besonders schlimm ist es in Liberia und in Sierra Leone, wo die Gesundheitsversorgung inzwischen zusammengebrochen ist.

Was bedeutet das?

Die Menschen sterben an Malaria, weil sie niemand behandelt. Zahlreiche Frauen mit komplizierten Schwangerschaften erleiden Totgeburten, schweben selbst in Lebensgefahr, weil niemand einen Kaiserschnitt vornehmen kann. Das Ganze geht also weit über die Ebola-Epidemie hinaus.

Sie waren selbst drei Wochen im Einsatz in Guinea – hatten Sie nie Angst vor einer Infektion?

Ich habe stets versucht, einen kühlen Kopf zu bewahren. Ich weiß, dass man sich nicht sofort ansteckt; bei „Ärzte ohne Grenzen“ gibt es umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen. Man kann sich schützen – aber dafür muss man 24 Uhr Stunden am Tag wachsam sein. Denn Ebola bestraft jeden kleinsten Fehler auf grausame Weise.

Worauf muss man besonders achten?

Ebola wird durch Körperkontakt übertragen. Zwar wird man nicht bei jeder flüchtigen Berührung infiziert, dennoch ist die Gefahr groß. Man muss also penibel darauf achten, sich die Hände regelmäßig zu reinigen, am besten mit einer Chlorlösung. Mit den Händen auch nie ins Gesicht fassen. Zudem sollte man niemandem die Hand geben und auch keine fremden Häuser betreten.

Wann ist jemand ansteckend – schon vor Ausbruch der Krankheit?

Nein, ansteckend ist tatsächlich nur jemand, der schon typische Ebola-Symptome hat – das macht die Erkennung ein bisschen einfacher. Die Betroffenen bekommen zunächst Fieber, Schüttelfrost, Kopf-, Hals- und Muskelschmerzen. Später Erbrechen, Durchfall, Magenkrämpfe, am Ende kommt es zu äußeren und inneren Blutungen. Die meisten sterben an Organversagen.

Es gibt bisher keine Medikamente und Schutz-Impfungen. Wie helfen Sie?

Wir geben den Patienten zu Trinken und zu Essen. Schwere Fälle behandeln wird mit Infusionen, damit der Körper nicht austrocknet. Viele leiden parallel unter Malaria, das behandeln wir mit. Wir isolieren die Ebola-Kranken – wir müssen die Infektionsketten unterbrechen, das ist der einzige Ausweg. Einige halten dann per Handy Kontakt zu ihren Familien, denn sie haben ja alle Angst – sie wissen, dass die meisten nicht überleben.

Die Familien nehmen Abschied, indem sie die Toten waschen, umarmen ...

Das ist gefährlich, daher haben wir hunderte lokale Gesundheitsaufklärer ausgebildet – sie sollen die Menschen informieren. Wir verteilen auch Flugblätter in Dörfern und auf Marktplätzen. Mühevolle Überzeugungsarbeit, denn man kämpft gegen Rituale an.

Wie geht es weiter – wagen Sie eine Prognose?

Wir haben Ebola derzeit nicht im Griff. Ich wage mir nicht vorzustellen, was uns noch alles droht.

Interview: Barbara Nazarewska 

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