Versicherungsexperte im Interview

So entkommen Sie der Pflegekostenfalle

München - Wie kann man für den eigenen Pflegefall vorsorgen? Im Interview gibt Stephan Nuding Auskunft. Er ist Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Bayern.

Viele Menschen sorgen sich darum, dass sie – falls sie ein Pflegefall werden – mit dem Geld der Pflegeversicherung nicht auskommen werden. Die tz hat bei der Verbraucherzentrale Bayern nachgefragt, wie man für den eigenen Pflegefall vorsorgen kann.

Ist die Sorge vor den finanziellen Folgen der eigenen Pflegebedürftigkeit berechtigt?

Stephan Nuding, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Bayern: Ja. Allein in der Pflegestufe I muss man – wenn man zu Hause gepflegt wird – mit monatlichen Mehrkosten von 500 Euro rechnen. Dabei reden wir natürlich über eine professionelle Pflege daheim. In den höheren Pflegestufen steigt dieser Differenzbetrag noch stärker an. In Pflegestufe II fehlen dann schon 1200 Euro im Monat, bei Pflegestufe II liegt dieser Betrag sogar schon bei 2200 Euro. Die Kosten für ein Pflegeheim liegen in Stufe I bei 700 Euro, in Stufe II bei 900 Euro sowie in Stufe III bei 1200 Euro Zuzahlung. Hinzu kommen noch die Kosten für Unterkunft und Verpflegung von monatlich 600 bis 900 Euro – unabhängig von der Pflegestufe. Viele Menschen können diese Beträge mit ihrer Rente nicht bezahlen. In dem Fall sollten Verbraucher über eine Pflegezusatzversicherung nachdenken.

Wie kann man für diesen Fall vorsorgen?

Nuding: Das geeignetste Mittel ist eine Pflegetagegeldversicherung. Dabei sichert man einen konkreten Wert ab, den man dann im Pflegefall pro Tag ausbezahlt bekommt. Wir empfehlen ein Pflegetagegeld von 50 bis 60 Euro pro Tag. Damit sind die Kosten im Regelfall gedeckt. Dieser Tagesgeldsatz gilt dann für Pflegestufe III. Für Stufe II und I würde die Summe dann anteilig ausbezahlt.

Können Sie da konkrete Beispiele nennen?

Nuding: Wenn das Pflegetagegeld für Stufe III bei 50 Euro liegt bedeutet das 1500 Euro im Monat. Viele Versicherer zahlen in Stufe II einen Anteil von 60 Prozent, das wären in unserem Beispiel 900 Euro im Monat und 30 Prozent in der Stufe I, in unserem Beispiel wären das 450 Euro im Monat.

Gilt so eine Versicherung für die gesamte Zeit der Pflegebedürftigkeit?

Nuding: Ja, die Versicherung zahlt so lange wie die Pflegebedürftigkeit vorliegt.

Auf welche Vertragsbedingungen sollte man besonders achten?

Nuding: Drei Dinge sollten in jedem Vertrag vermerkt sein. Erstens: Der Versicherer sollte auf sein ordentliches Kündigungsrecht verzichten. Rein gesetzlich hätte er das nämlich und könnte den Vertrag nach einer gewissen Laufzeit kündigen. In der Regel verzichten die Versicherer darauf, man sollte aber auf jeden Fall noch mal darauf achten! Zweitens: Die Einstufungen sollten sich an die Einstufungen der gesetzlichen Pflegeversicherung halten.

Warum?

Nuding: Sonst können die Versicherer eigene Kriterien für die Pflegestufen aufstellen. Dann prüfen die Versicherer selbst noch mal nach und kommen unter Umständen zu einer ungünstigeren Einstufung des Patienten.

Was wäre noch wichtig?

Nuding: Ein Verzicht auf sogenannte Karenzzeiten. Zu Beginn der Vertragslaufzeit haben die meisten Verträge eine Wartezeit von zwei Jahren, innerhalb derer man keine Leistungen in Anspruch nehmen kann. Eine Karenzzeit gilt zusätzlich zu dieser Wartezeit – allerdings ab Leistungseintritt. Wer also pflegebedürftig wird, müsste dann erst eine gewisse Zeit warten, bevor er die Leistung erhält. Das sind meistens 90 Tage – diese Regelung ist für den Kunden nicht sinnvoll.

Welche Zusatzleistungen können sinnvoll sein?

Nuding: Ein Leistung für Demenzerkrankte etwa. Die bekommen oft keine Pflegeeinstufung, sondern nur einen höheren Betreuungsaufwand. Außerdem könnte es sinnvoll sein, die Leistung dynamisch anzupassen. Sprich: Die heute abgeschlossenen 50 Euro sollten an eine dynamischen Preisentwicklung angepasst werden – ähnliches ist im Bereich der Berufsunfähigkeitsversicherungen möglich. Meist handelt es sich da um eine Anpassung der Leistung alle drei Jahre um zehn Prozent ohne neue Gesundheitsprüfung.

Ab wann sollte man mit so einer Absicherung starten?

Nuding: Spätestens mit Mitte 40 sollte man sich Gedanken machen. Da sind die Beiträge noch überschaubar. Und theoretisch kann ein 25-Jähriger schon pflegebedürftig werden.

Mit welcher Beitragshöhe muss man rechnen?

Nuding: Ein 45-Jähriger muss mit etwa 50 Euro im Monat rechnen, um die Leistungen, die wir gerade besprochen haben, abzudecken.

Welche weiteren Möglichkeiten zur Absicherung gibt es?

Nuding: Die Pflegerentenversicherung und die Pflegekostenversicherung. Bei letzterer sichert man die tatsächlichen Kosten der Pflege ab. Die Versicherung erstattet also die anfallenden Rechnungen. Ich halte diese Variante allerdings für schwierig, denn gerade im Pflegefall braucht man nicht noch zusätzliche Bürokratie. Und weil man die Rechnungen einreichen muss, fällt einiges an Papierkram an. Da ist die Pflegetagegeldversicherung klar im Vorteil: Sie zahlt das Geld ohne Nachweis der tatsächlichen Kosten aus.

Wie funktioniert die Pflegerentenversicherung?

Nuding: Die haben einen Vorteil bei der Gesundheitsprüfung, sprich: man kommt mit Vorerkrankungen leichter rein. Damit sind sie eine Alternative für die, die sonst keine andere Versicherung mehr bekommen. Dabei handelt es sich um Menschen mit Vorerkrankungen oder solche, die zu alt sind, um eine andere Versicherung abzuschließen. Der Nachteil ist: Sie sind teurer als eine Pflegetagegeldversicherung – und das bei geringerer Leistung. Denn faktisch kann man nur mit der garantierten Rente rechnen, nicht mit der Überschussbeteiligung.

Verlangen alle Tagegeldversicherungen eine Gesundheitsprüfung?

Nuding: Die meisten. Teilweise machen die Anbieter aber auch Aktionen und verzichten dann während des Aktionszeitraums auf die Gesundheitsprüfung oder auf die Wartezeit. Da lohnt es sich auf jeden Fall, den Markt im Auge zu behalten. Wer eine Versicherung abschließen will, sollte das ohnehin nicht hektisch machen, sondern einige Angebote einholen und die Leistungen der Anbieter vergleichen.

Reicht für die Vorsorge für den Pflegefall nicht einfach eine gute Altersvorsorge?

Nuding: Das hängt von der Höhe ab. Wer entsprechend hohe Einnahmen hat und die Differenz zwischen den Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung und den tatsächlichen Pflegekosten aus eigener Tasche bezahlen kann, der kann sich eine zusätzliche Vorsorge sparen. Mit einer Standardrente von 1500 Euro wird das aber kaum gelingen.

Wo kann man sich persönlich beraten lassen?

Nuding: Verbraucher können bei uns einen Termin machen, und dann mit einem Berater eine genaue Analyse ihrer persönlichen Situation durchführen. Einen Termin mit der Verbraucherzentrale München können Sie unter Tel.: 089/5 39 87-21 vereinbaren.

Interview: Marc Kniepkamp

Rubriklistenbild: © dpa

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