Erkältungswelle rollt durch Bayern

So entkommt man den Schnupfen-Viren

München - Die Münchner haben die Nase voll: Nach der Wiesn rollt eine Erkältungswelle durch Bayern. Doch man kann sich schützen. Ein Infektionsexperte gibt Tipps, wie man gesund bleibt.

Die Achterbahnen stehen zwar seit ein paar Tagen still. Doch das Wiesn-Virus hat noch immer viele im Griff. Es lässt die Wangen glühen, aber auch die Nase laufen. Denn als sich im heißen Bierzelt die Feiernden näher kamen, war das die große Chance für Erkältungsviren. Schlafmangel und viel Alkohol schwächen zudem die Abwehr. Nach dem Oktoberfest erfasst daher oft eine Schnupfenwelle Bayern.

Doch was tun, wenn die Nase läuft? Obwohl Erkältungsviren zu den Erregern zählen, die weltweit die meisten Menschen infizieren, steht die moderne Medizin ihnen nahezu machtlos gegenüber. Jeden Erwachsenen trifft es zwei- bis drei Mal im Jahr, Kinder sogar mehr als zehn Mal. Gegen die Grippe kann man sich impfen lassen, gegen eine Erkältung nicht. Doch warum eigentlich nicht?

Viren als Künstler der Verwandlung

„Man bräuchte dazu schon mehr als 200 Impfungen – und das jedes Jahr“, sagt Prof. Johannes Bogner, Leiter der Infektionsambulanz am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München. Denn hinter den typischen Symptomen stecken Dutzende verschiedener Viren, die sogar unterschiedlichen Familien angehören. Zu den häufigsten gehören die Rhinoviren. Doch auch Corona-, Paramyxo- und Adenoviren bringen Nasen zum Laufen. Wie das Grippevirus gibt es unter ihnen zudem Verwandlungskünstler. Deshalb wird man – anders als gegen Windpocken oder Masern – gegen Erkältungen nie wirklich immun. Denn das Abwehrsystem hat es immer wieder mit neuen Gegnern zu tun.

Oberstes Gebot: Hände waschen!

Anders als die echte Grippe, die eher gegen Ende des Winters umgeht, sind Erkältungen meist harmlos. Die Viren haben sich im Laufe der Evolution hervorragend an ihren menschlichen Wirt angepasst. „Ihre Strategie ist grandios“, sagt Bogner. Sie befallen die Schleimhäute und vermehren sich in deren Zellen. Im Kampf gegen die Eindringlinge produzieren diese mehr Sekret, der Menschen-Wirt muss niesen und husten – und wird somit Geburtshelfer für die nächste Virengeneration. Über Tröpfchen in der Luft, sogenannte Aerosole, oder auch durch eine Schmierinfektion, etwa durch Türklinken, finden die Erreger ihr nächstes Opfer.

Wer den Viren aus dem Weg gehen will, für den heißt es daher zuallererst: Hände waschen! Und das möglichst oft, gründlich und mit Seife. Denn noch immer halten sich die Menschen beim Niesen meist die Hand vor den Mund. „Total verkehrt!“, urteilt Infektionsspezialist Bogner. Denn danach kleben die Viren an der Hand – und somit bald an der nächsten, wenn man sie zum Gruß schüttelt. Rasch gelangen sie auch an den Drehknopf eines Wasserhahns oder eine Türklinke. Bogner empfiehlt daher, zur Erkältungszeit solche Infektionsquellen zu meiden – und öffentliche Türen lieber mit dem Ellenbogen zu öffnen. Ist das nicht möglich, gilt: Hände aus dem Gesicht! Unbemerkt fassen sich die meisten Menschen immer wieder an Mund oder Nase – und befördern so Viren genau dorthin, wo sie angreifen können.

Eine weitere vorbeugende Maßnahme: Menschenmassen zur Erkältungszeit meiden, etwa in Bus und Bahn. Wer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, verbessert in der kühlen Luft zudem die Durchblutung der Schleimhäute. Das hilft Angriffe von Viren abzuwehren.

Vitamin-D-Spiegel testen lassen

Viele vermuten als Ursache einer Erkältung, wie schon der Name sagt, vor allem eines: Kälte. Doch führt die allein noch nicht zu einer Erkrankung. Selbst wenn man bibbert und friert – ohne Viren keine Erkältung. Dass diese hierzulande dennoch vor allem in der kalten Jahreszeit unterwegs sind, hat wohl verschiedene Gründe: So halten sich die Menschen öfter in Räumen auf und verbreiten dort in der trockenen Heizungsluft die Erreger.

Als weiteren Grund vermuten Forscher Vitamin-D-Mangel. „Unsere Tests zeigen, dass der Spiegel bei sehr vielen zu niedrig ist“, sagt Bogner. Im Winter sinkt er nochmals. Denn der Körper braucht Sonne, um das Vitamin herzustellen. Dieses ist aber nicht nur für den Knochenstoffwechsel wichtig, sondern auch für ein schlagkräftiges Immunsystem. Bogner rät daher, den Vitamin-D-Spiegel testen zu lassen – und wenn nötig Tabletten einzunehmen.

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Völlig unschuldig an einer Erkältung ist Kälte allerdings nicht. Sie macht den Menschen wohl empfänglicher für die Eindringlinge. Das legen Tests nahe: Forscher stellten Freiwillige barfuß 20 Minuten in zehn Grad kaltes Wasser. Die anderen Testpersonen blieben trocken. Wer kalte Füße hatte, erkrankte in den nächsten Tagen öfter an einer Erkältung. Eine Empfehlung lautet daher: Warm anziehen, vor allem an den Füßen. Zudem weiß man: Bei Kälte verringert sich die Durchblutung in den Schleimhäuten. Im Blut reisen aber auch die Immunzellen. Eindringlinge werden bei Kälte womöglich schlechter abgewehrt.

Frische Luft und Rohkost

Die Durchblutung lässt sich allerdings trainieren: Spazieren gehen an der frischen Luft, Saunabesuche, Wechselduschen und Kneippbäder trainieren die Muskulatur der Blutgefäße. Sie verbessern die Durchblutung und somit auch die Schlagkraft der Abwehr. Wenig Wirkung haben dagegen Tabletten und Pülverchen, die eine Steigerung der Abwehrkräfte versprechen. Bogner rät stattdessen zu Rohkost. Wer sich Karotten und Sellerie auch mal ungekocht schmecken lässt, nimmt dabei viele Mikroorganismen wie Pilze und Bakterien auf, die die Abwehr unterstützen.

Wer bemerkt, dass sich im Rachen Sekret ansammelt, dem rät der Infektionsexperte, seinen „angeborenen Sekretsauger“ einzusetzen. Der sitzt im Zwerchfell. Mit seiner Hilfe lassen sich Sekrete runterschlucken. „Leider trainieren viele Eltern das ihren Kindern sofort ab, wenn sie es instinktiv versuchen“, sagt Bogner. Denn die Geräusche des „Sekretsaugers“ gelten als eher unfein. Zu Unrecht, wie Bogner findet.

Ein weiterer Fehler: Viele Menschen atmen fast nur durch den Mund. Stattdessen sollte man darauf achten, vor allem durch die Nase zu atmen. Sie feuchtet die Luft an, Flimmerhärchen filtern sie.

Wer das alles beachtet, hat gute Chancen, den Viren zu entkommen. Bogner setzt seine Tipps alle selbst um. Das Ergebnis: Seit Jahren ist er Erkältungen entgangen – trotz schniefender Patienten.

Zink verkürzt Leidenszeit

Wen es trotzdem erwischt hat, für den hat die Apotheke viele Mittel parat. Manche lindern immerhin die Symptome. Sobald die Nase läuft, schlucken viele zudem Vitamin C. Doch wie Studien zeigen, verkürzt das die Leidenszeit wohl nicht. Wenn überhaupt hilft eine ausreichende, nicht übermäßige Vitamin C-Versorgung wohl nur vorbeugend – wie auch die mit anderen Vitaminen.

Anders bei Zink: Hier weisen Untersuchungen tatsächlich darauf hin, dass die Einnahme die Zeit der Erkrankung verkürzt. Wer bei den ersten Symptomen mindestens 75 Milligramm pro Tag einnimmt, verkürzt die Leidenszeit im Schnitt um einen Tag. Warum, ist allerdings noch nicht ganz klar. Möglicherweise verhindert Zink, dass sich die Viren an die Zellen der Nasenschleimhaut anheften. Auch könnte es das Immunsystem stärken.

Vorsicht bei Antibiotika!

Mehr Schaden als Nutzen richten bei einer Erkältung indes Antibiotika an. Denn gegen Viren helfen die Bakterienkiller nicht. „Es gibt auch Untersuchungen, dass sie die Dauer der Erkältung nicht verkürzen“, sagt Bogner. Die Mittel sollten nur zum Einsatz kommen, wenn sich Bakterien eingenistet haben. Das kann nicht nur bei der echten Grippe, sondern auch bei grippalen Infekten passieren, wie man Erkältungskrankheiten oft nennt. Denn die geschädigten Schleimhäute machen es sonst harmlosen Bakterien leicht. Die Beschwerden werden dann deutlich schlimmer, was den Weg zum Arzt meist unumgänglich macht. Der sollte erkennen, ob Antibiotika sinnvoll sind.

Dennoch werden die Medikamente noch immer zu rasch verschrieben. Das kann nicht nur resistente Keime fördern. Die Patienten haben auch mit den Nebenwirkungen zu kämpfen – und die sind oft heftiger als die Erkältung. Denn Antibiotika töten auch nützliche Keime. Die Folge können Magen-Darm-Probleme und Pilzinfektionen sein.

Den Kampf gegen die Erkältung muss man letztlich dem Immunsystem überlassen. Damit es rasch Erfolg hat, braucht es vor allem eins: Ruhe. Kein Sport, viel Schlaf – und die Viren sind nach ein paar Tagen verschwunden.

Sonja Gibis

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