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Viele Frauen, die an Essstörungen leiden, sehen ihren Körper im Spiegel verzerrt.

Frauen häufiger betroffen

Essstörung ab 40: Wenn die Seele hungert

Essstörungen sind lebensbedrohlich - dennoch leiden viele in Zeiten des Umbruchs an Magersucht & Co. Besonders Frauen ab 40 sind davon betroffen.

Essstörungen sind ganz unterschiedlich: Frauen hungern und werden immer dünner. Sie stopfen in ungezügelten Fressattacken Unmengen in sich hinein und erbrechen es. Oder sie werden immer dicker, weil sie nach einer Fressorgie nicht erbrechen.

Dennoch haben Magersucht, Bulimie und Binge-Eating zwei grundlegende Gemeinsamkeiten: Alle Patientinnen haben ein zu geringes Selbstwertgefühl und immer verbirgt sich hinter der psychischen Erkrankung eine große Gier nach Essen. Die Gedanken kreisen nur noch ums Essen.

Am Scheideweg: Warum immer mehr Mittvierzigerinnen an Essstörungen erkranken

Aus Angst, die Kontrolle zu verlieren und dick zu werden, nehmen Magersüchtige praktisch keinen Bissen zu sich. Wer an Bulimie erkrankt, steuert den Essattacken entgegen. Binge-Eating bedeutet, keine Kontrolle mehr über sein Essverhalten zu haben. Männer sind nur selten betroffen.

Gerade in Zeiten des Umbruchs, also in der Pubertät und an der Schwelle zu den Wechseljahren, sind Frauen gefährdet, eine Essstörung zu entwickeln. Dr. Maike Kohnert: "Wir stellen zunehmend fest, dass sich neben den ganz jungen Mädchen ein zweiter Erkrankungsgipfel bei Frauen jenseits der 40 gebildet hat."

Ebenso wie die Pubertät ist die Zeit ab Mitte 40 für Frauen eine Zeit des Umbruchs. Dr. Maike Kohnert, die in der psychosomatischen CIP-Klinik Dr. Schlemmer in Bad Tölz Patienten mit Essstörungen behandelt: "Es sind Schwellensituationen, in denen die Identität neu definiert wird."

In der Pubertät entwickelt sich das Mädchen zur Frau und kann Mutter werden. Mit den Wechseljahren müssen Frauen Abschied nehmen von der Mutterrolle und meist auch von Kindern, die aus dem Haus gehen. Kohnert: "Wieder werden die Frauen mit der Sinnfrage konfrontiert. Sie fragen sich, was die zweite Lebenshälfte für sie bereit hält."

Und so wie Mädchen befürchten, nicht hübsch und schlank genug zu sein, sorgen sich ältere Frauen darum, an Attraktivität zu verlieren. Das gute Aussehen und die gute Figur können zu einem großen Thema werden – was oft gar nicht wahrgenommen wird.

Ursache von Essstörungen: Meis gering ausgeprägtes Selbstbewusstsein

Darum ist es so wichtig, dass Freunde und Verwandte Betroffene auf Gewichtsveränderungen ansprechen. Über die genaue Anzahl der Betroffenen ist wenig bekannt, Zahlen und Schätzungen widersprechen sich. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geht davon aus, dass 1,5 Prozent der Frauen und 0,5 Prozent der Männer in Deutschland eine Essstörung haben.

Etwa ein Viertel von ihnen ist magersüchtig, etwa die Hälfte leidet an Bulimie, von Binge-Eating, also Heißhungerattacken und Fressorgien, ist jeder zehnte mit einer Essstörung betroffen (der Rest verteilt sich auf nicht näher bezeichnete Essstörungen). Es gibt vermutlich eine hohe Dunkelziffer, denn Binge-Eating hat im Verzeichnis aller Erkrankungen noch keinen eigenen Code und wird daher oft gar nicht als Diagnose aufgeführt, hat aber von allen Essstörungen die höchste Zuwachsrate.

Warum Menschen an Essstörungen erkranken, ist nicht bekannt. Dr. Maike Kohnert sagt: "Wir schauen ja immer rückblickend auf das Leben unserer Patienten und finden dann häufig Traumata, die zu dieser psychischen Erkrankung geführt haben. Aber es wird unzählige Menschen mit ähnlichen Bedingungen geben, die gesund bleiben oder eine andere Art psychische Erkrankung entwickeln. Doch alle Patientinnen und Patienten leiden unter einem deutlich zu gering ausgeprägten Selbstbewusstsein."

Depression & Co.: Essstörung geht meist anderen Erkrankungen einher

Meist wurde der Selbstwert schon in Kindheit und Jugend nicht genügend gefördert. Eine Essstörung kommt selten allein, fast immer ist sie begleitet von einer anderen psychischen Erkrankung wie Depressionen oder Angststörungen. Während dafür Medikamente zur Verfügung stehen, gibt es keine Pillen gegen Magersucht und Co.

Viele Menschen mit Essstörungen haben auch eine Körperschema-Störung – diese Kranken sehen ihren Körper anders, als er eigentlich ist. Dünne Menschen sehen einen dicken Körper, wenn sie in den Spiegel schauen, und dicke Menschen empfinden sich als viel dünner, als sie objektiv sind. Dr. Kohnert: "Da wir die Patientinnen ja immer erst sehen, wenn sie schon krank sind, wissen wir nicht, ob dieses Symptom schon vor der Entwicklung der eigentlichen Krankheit da war. Wir wissen jedoch: Dieses Phänomen überdauert sehr lange. Wir finden es selbst bei Frauen, die nach einer erfolgreichen Therapie seit Jahren fest im Leben stehen, normal essen und normalgewichtig sind. Wenn wir diese Frauen untersuchen, stellen wir fest, dass die Körperschema- Störung immer noch vorhanden ist."

Das erklärt vermutlich zum Teil, warum die Behandlung so langwierig ist und Rückfälle dazugehören. Die Fachärztin für Psychotherapie hat großen Respekt vor allen, die sich ihrer Krankheit stellen: "Das sind keine Erkrankungen, wo nach einer Behandlung alles gut ist. Man braucht viel Geduld, Mut und Durchhaltevermögen."

Fakten rund um Essstörungen

Die häufigsten Essstörungen sind Magersucht (Anorexie), Ess-Brech-Sucht (Bulimie) und das Binge-Eating (von Englisch Binge=Gelage, Orgie). Während die Erkrankungszahlen bei Magersucht und Bulimie gleich bleiben oder leicht zurückgehen, steigt die Zahl der unter Binge-Eating-Leidenden an – und zwar so stark, dass die Zahl der Essstörungen insgesamt zunimmt.

  • Essstörungen, besonders die Magersucht, können lebensbedrohlich sein. Nach Angaben der Ärztekammer Niedersachsen verläuft eine Essstörung bei rund 16,8 Prozent der Betroffenen tödlich. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sterben etwa 100 Essstörungserkrankte jedes Jahr.
  • Im Jahr 2012 wurden 11.491 Menschen in Deutschland wegen Essstörungen stationär in einer Klinik behandelt.
  • 50 Prozent aller zehnjährigen Mädchen haben schon einmal eine Diät gemacht. 75 Prozent der Mädchen und Jungen im Alter zwischen 11 bis 17 Jahren haben Normalgewicht. Doch nur 40 Prozent sind der Meinung, sie hätten genau das richtige Gewicht.

tz

Bullshit-Bingo: Essen mit Kleinkindern

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