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Darmkrebs

„Etwas in mir machte mich krank“

Wer an Darmkrebs erkrankt, hat gute Chancen zu überleben – vorausgesetzt der Tumor wird frühzeitig erkannt und kann vollständig entfernt werden. Das gilt auch für fortgeschrittene Tumorstadien. Zum morgigen Start des Darmkrebs-Monats März eine Patientengeschichte, die Mut macht.

Ingrid H. erinnert sich noch gut an dieses Gefühl. „Wie in einem schlechten Film“ sei sie sich damals vorgekommen. Ihre Hausärztin hatte auf einem Ultraschallbild eine große Wucherung im Unterbauch und einen Schatten auf der Leber entdeckt. Ingrid H. musste in die Klinik – die Hausärztin sagte: „Sie müssen sich auf etwas Bösartiges einstellen.“ Nach einem fast zweiwöchigen „Diagnose-Marathon“, wie Ingrid H. es nennt, erfährt sie schließlich: Sie hat Darmkrebs.

Der Tumor sitzt im Dickdarm. Er hat bereits gestreut: Es gibt Metastasen in der Leber sowie einen 15 mal 9 Zentimeter großen Tumor rund um den rechten Eierstock. „Ich wusste nun endlich, womit ich es aufnehme“, erzählt die 44-jährige Lehrerin heute, „und ich wollte offensiv damit umgehen – kämpfen!“ Doch der Tumor ist so groß, die Metastasen so weit fortgeschritten, dass die Ärzte nicht von Heilung sprechen – sondern von einer Palliativbehandlung. „Palliativ“ bedeutet „Schmerz lindernd“, in der letzten Lebensphase. Doch dann kommt alles anders.

Darmkrebs ist die zweithäufigste Krebsart in Deutschland. Je früher er entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Deshalb übernehmen die Krankenkassen die Kosten der Früherkennung, für Mitglieder ab 50 Jahren. Wenn schon jemand aus der Familie an Darmkrebs erkrankt ist bzw. war, zahlt die Kasse auch früher. Ingrid H. ist Mitte 40 als sie die Diagnose bekommt. Aus ihrer Familie sind keine Darmkrebsfälle bekannt. „Einerseits ging es mir gut, ich fühlte mich fit. Andererseits war da etwas Unheimliches, nicht Greifbares in mir drin, das mich krank machte“, erzählt sie heute. Ein komischer Druck im Unterbauch – deshalb geht sie schließlich zu ihrer Hausärztin.

Im Herbst 2015 beginnt dann ihre Behandlung am Darmkrebszentrum am Klinikum der Uni München in Großhadern: mit einer Chance auf Heilung. „Zu sagen, ,Das kann man nicht operieren!’, ist nicht gut. Ich rate stets, eine Zweitmeinung einzuholen“, sagt Prof. Jens Werner, Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie am Klinikum Großhadern. Entscheidend sei hier sowohl die Erfahrung des Operateurs als auch die Behandlung durch ein Expertenteam aus unterschiedlichen Fachrichtungen wie Onkologie, Radiologie oder Chirurgie – dann ist selbst bei Metastasen Heilung möglich. Prof. Werner: „Die Chirurgie ist beim Darmkrebs immer Voraussetzung für die Heilung und zentral für die Behandlung.“

Ingrid H. wird im Januar operiert. Davor: Chemotherapie. Die lässt den Tumor und die Metastasen soweit wie möglich schrumpfen. „Der Effekt der Chemotherapie zeigt, wie aggressiv der Tumor ist – und wie gut behandelbar“, erklärt Prof. Werner. Bei Ingrid H. sieht es nach der Chemo vielversprechend aus. Zuerst wird der Tumor im Darm mit dem umliegenden Lymphgewebe entfernt. „Werden keine oder zu wenige Lymphknoten herausgenommen, besteht die Gefahr eines Rückfalls“, sagt Prof. Werner. Fast vier Stunden dauert der erste Eingriff. Der Tumor ist weit genug vom Schließmuskel entfernt – ein künstlicher Darmausgang, ein sogenanntes Stoma, somit nicht nötig. Nur wenn der Tumor in den Beckenboden bzw. Schließmuskel einwächst, muss der Enddarm mit Schließmuskel entfernt werden, das betrifft etwa vier Prozent aller Eingriffe. Wichtig sei zudem bei der OP, die Nerven im Becken und damit die Funktion der Blase und Sexualorgane zu schonen. Das ist entscheidend für die Lebensqualität.

In der zweiten Operation sieben Tage später werden Ingrid H. dann ein Eierstock, die Gebärmutter und mehr als die halbe Leber entfernt – und damit alle sichtbaren Metastasen. „Das ist möglich, wenn genug gesunde Leber übrig bleibt“, sagt Prof. Werner. Ein bis zwei Achtel der üblichen Größe reichten aus – vorausgesetzt, die Leber sei nicht vorgeschädigt. Eine letzte Metastase, die mitten in der Leber sitzt und deshalb nicht bei der OP entfernt werden kann, wird später mit der sogenannten Radiofrequenzablation entfernt – ein vergleichsweise kleiner Eingriff, bei dem die Krebszellen durch eine vom Radiologen platzierte Sonde mit großer Hitze zerstört werden. Von einer Palliativbehandlung spricht niemand mehr.

„Wir konnten durch die Kombination mehrerer Eingriffe und verschiedener Behandlungstechniken im Team den Tumor vollständig entfernen. Nun sind die Chancen auf eine Heilung groß“, sagt Professor Werner. Ingrid H. wird nun zum Abschluss der Behandlung eine weitere Chemotherapie bekommen – zur Sicherheit, denn Rückfälle sind häufig. Erst nach fünf Jahren gilt man als geheilt.

Ingrid H. ist froh, dass immer jemand an ihrer Seite ist und war – nämlich ihr Mann und der Bruder. Der Tumor ist zwar weg, aber jetzt müsse sie das Ganze erst einmal mental verarbeiten, sagt sie. „Auch die Angst vor neuen Metastasen wird mich noch lange Zeit begleiten.“

Von Nadja Katzenberger

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