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Die Evolution vom Affen zum Menschen hat Spuren hinterlassen: Plattfüße, Zahnweh und Rückenschmerzen

Die Spuren der Evolution

Plattfüße, Zahnweh und Rückenschmerzen

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Gern bezeichnet sich der Mensch als Krone der Schöpfung – doch bei der Entwicklung vom Affen zum Menschen musste die Natur dauernd Kompromisse schließen. Der aufrechte Gang auf zwei Beinen...

...das enorme Wachstum des Gehirns und die extrem gute Verwertung der Nährstoffe aus der Nahrung machten Homo sapiens fit für die Zukunft, die Folgen der Umbauten sind jedoch lästig: Plattfüße, Zahnweh und Rückenschmerzen sind nur einige davon. Narben der Evolution nennen Wissenschaftler das Phänomen. Auf einem Kongress in den USA diskutierten Wissenschaftler nun ihre neuesten Erkenntnisse. Die tz listet die wichtigsten Überbleibsel unserer Urahnen auf und sagt, was sie für die Gesundheit bedeuten:

Narben der Evolution 

Würde ein Ingenieur einen Menschen konstruieren, sähe er bestimmt nicht so aus wie wir heute. Darin sind sich die Anthropologen einig. Die Beine zum Beispiel wären mehr so wie die des Vogel Straußes gebaut, bei dem Knöchel und Fußknochen fest miteinander verwachsen sind. Unsere Augen müssten nicht durch Muskeln fokussiert werden, die zwangsläufig irgendwann erschlaffen. Der Kiefer hätte Platz für alle Zähne.

Das Problem: Der Mensch stammt vom Affen ab oder wie der amerikanische Anthropologe Bruce Latimer sagt: „Die Evolution kann keine Körperteile von Grund auf neu konstruieren, sie kann nur auf dem aufbauen, was da ist.“ Die Folge sind einige Baumängel des modernen Menschen:

Plattfüße

Die Vorfahren des Homo sapiens kletterten auf Bäumen herum, sie klammerten sich auch mit den Füßen fest – und so waren diese ähnlich wie die Hände gebaut. Binnen fünf Millionen Jahre wurden daraus menschliche Füße, die nicht mehr Äste umfassen, sondern fest auf dem Boden stehen und ein ganzes Leben lang das ganze Gewicht des Menschen tragen müssen. Die Natur trickst und kompensiert, aber trotzdem bleibt ein Konstruktionsmangel, eine Sollbruchstelle, die irgendwann zu Problemen führt. Durch den aufrechten Gang musste sich der aus Dutzenden Knochen bestehende Fuß aufwölben, um dem Druck des Körpergewichts Herr zu werden. Bei vielen Menschen ist die Konstruktion nicht stark genug. Plattfüße sind die Folge und damit weitere Probleme: Besonders Frauen leiden unter einem Hallux valgus, dem schiefstehenden großen Zeh.

Rückenschmerzen

Mit dem Gang auf zwei Beinen musste sich die Wirbelsäule in die Senkrechte strecken. Es ist ein fragiles Gebilde mit Verfallsdatum: Die wacklige Konstruktion ist von der Natur darauf ausgerichtet, für maximal 30 bis 50 Jahre zu halten. Schon Urahnin Lucy, die vor drei Millionen Jahren lebte, hatte es im Kreuz. Das zeigen Spuren am Skelett. Langlebigkeit hat die Evolution nicht vorgesehen: Ihr reicht es, wenn sich die Spezies vermehrt und ausreichend Zeit hat, sich um ihre Nachkommen zu kümmern. Bis ins hohe Alter beweglich zu sein, ist kein Selektionsvorteil. Doch um das Rückgrat zu schonen, zwischendurch auf allen vieren zu krabbeln, löst das Problem auch nicht, so der Forscher Latimer: Dazu haben wir uns schon zu sehr vom Vierfüßlergang wegentwickelt. Der menschliche Gang ist einzigartig auf der Welt, und wir kommen nur auf den Hinterbeinen balancierend gut durchs Leben.

Geburtsschmerzen

Der aufrechte Gang führte dazu, dass sich das weibliche Becken verkleinert und senkrecht gestellt hat – mit gravierenden Folgen für die Geburt der Nachkommen, die beim Menschen mit Abstand am kompliziertesten und gefährlichsten ist, verglichen mit allen anderen Säugetieren. Während Tiermütter ihre Babys ohne Hilfe gebären können, ist die menschliche Mutter auf Unterstützung angewiesen. Diese Tatsache half vermutlich, den sozialen Zusammenhalt innerhalb der Familie zu stärken. Menschliche Babys sind ungewöhnlich groß, ihr Gewicht beträgt rund sechs Prozent von dem der Mutter. Gorilla-Jungen wiegen nur 2,7 Prozent, Schimpansenjunge haben ein Gewicht, das rund 3,3 Prozent von dem der Mutter beträgt. Dazu kommt, dass menschliche Babys sehr hilflos und lange auf Unterstützung angewiesen sind. Auch hier muss die ganze Gruppe zusammenhalten, um die Nachkommen erfolgreich großzuziehen. Dafür sind Planung und Kommunikation nötig.

Inkontinenz

Die Beckenmuskulatur, die zudem das Gewicht der innere Organe tragen muss, erschlafft im Laufe des Lebens: Inkontinenz ist auch eine der Narben der Evolution.

Zahnschmerzen

Ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung der menschlichen Spezies war das enorme Gehirnwachstum binnen zwei Millionen Jahren. Hatten die frühen Menschen noch ein Volumen von 375 Kubikzentimetern, schwollen die grauen Zellen beim frühen Homo sapiens auf 1600 ccm an. Der Mensch lernte Werkzeuge herzustellen, er bildete komplexe soziale Strukturen, Sprache entwickelte sich. Aber auch das Aussehen der Menschen änderte sich: Da das Gehirn immer mehr Platz brauchte, wanderte das Gesicht weiter nach unten. Der Kiefer schrumpfte und hatte auf einmal nicht mehr Platz für alle Zähne: Die sogenannten Weisheitszähne sind seit Millionen Jahren ein ständiger Schmerzpunkt für Menschen. Oft liegen sie waagerecht und sorgten bei Höhlenbewohnern für eklige Entzündungen.

Fettleibigkeit

Das Gehirn ist ein Energiefresser – die Datenverarbeitung im Kopf braucht 16-mal so viel Nahrung wie die gesamte Muskelmasse des Körpers! Während Menschen 25 Prozent ihres Stoffwechselumsatzes fürs Gehirn brauchen, verwenden andere Säugetiere nur fünf Prozent für den Kopf! Menschen ernähren sich dadurch deutlich energiereicher, so William R. Leonard von der Northwestern University. So stellten unsere Vorfahren sicher, dass sie auch in Fastenzeiten genug Reserven hatten, um ihr Gehirn ernähren zu können. Moderne Menschen jedoch können jederzeit in den Supermarkt gehen. Fastenzeiten gibt es in Industrieländern nur noch auf freiwilliger Basis. Die Folgen sind weithin bekannt: Übergewicht und Fettleibigkeit mit all ihren lebensverkürzenden Folgeerkrankungen wie Diabetes, Arteriosklerose und Neigung zu Herzinfarkten und Schlaganfällen.

Altersweitsichtigkeit

Rachel Caspari von der Central Michigan Universität untersucht die Folgen der Langlebigkeit des Menschen. Denn darauf war die Evolution nicht eingerichtet. Erst seit etwa 30 000 Jahren erreichen viele Menschen ein höheres Alter. Und fast alle von ihnen plagt dann die Altersweitsichtigkeit – ein besonders lästiger Evolutionsmangel: Die Muskeln, die die Linse zusammenziehen, damit das Auge scharf sehen kann, erschlaffen im Laufe der Jahre. Dagegen hilft dann nur die Lesebrille.

S. Stockmann

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