Hätten Sie‘s gewusst? 

Experte erklärt: So entsteht ein Ohrwurm

München - Ob Lieder wie „Looking for Freedom“ oder „Atemlos“ schön sind, darüber lässt sich trefflich streiten – aber: Sie gehen einem nicht mehr aus dem Kopf. Wie entstehen eigentlich Ohrwürmer, und wie wird man sie los? Professor Eckart Altenmüller klärt auf.

Der Neurologie-Professor und Musiker Eckart Altenmüller ist Experte für Ohrwürmer. Der Hannoveraner sitzt am Mittwoch bei einer Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Zeit Campus live“ in der Ludwig-Maximilians-Universität auf der Bühne. Wir haben uns von ihm erklären lassen, wie ein Ohrwurm entsteht, warum gerade die nervigen Lieder hängen bleiben und wie wir sie wieder loskriegen.

Herr Professor Altenmüller, welcher Ohrwurm plagt Sie gerade?

Eckart Altenmüller: Ich habe gestern Abend das 1. Klavierkonzert von Tschaikowski gehört. (Summt) Ti-ta-ta-tam bam. Da-di-di-dam bam. Das geht mir schon den ganzen Tag durch den Kopf.

Da gibt es aber Schlimmeres. Vielleicht können Sie es uns am Beispiel erklären: Wie entsteht so ein Ohrwurm?

Neurologe Eckart Altenmüller

Altenmüller: Es muss eine relativ einfache Melodie sein und es muss in einem Moment eingespeichert werden, in dem das Gehirn etwas ermattet ist. Das war bei mir gestern Abend der Fall. Dann entsteht folgendes: In meinem Gehörsinn werden die Töne aufgenommen, die werden ans Gehirn weitergeleitet. Dort werden im Schläfenlappen die Melodien verarbeitet und gespeichert. Diese gespeicherten Melodien regen unbewusst und automatisch im Stirnhirn – etwa zehn Zentimeter weiter vorne – die Zentren an, die fürs Singen zuständig sind, sodass ich innerlich mitsinge. (Summt) La-di-da-dam bam.

Aber warum hört das nicht mehr auf?

Altenmüller: Dieses innerliche Mitsingen hat die dumme Funktion einer Endlosschleife. Es führt dazu, dass ich innerlich mithöre, und das wiederum dazu, dass ich innerlich mitsinge. Das höre ich dann wieder, und so weiter. Das merkt man von außen gar nicht. Ich habe im Kopf einen rotierenden Erregungskreislauf, der diesen Ohrwurm am Leben hält.

Wann hat ein Lied besonderes Ohrwurmpotenzial?

Altenmüller: Es muss sehr einfach zu singen sein. Es darf auch keinen komplizierten Rhythmus haben. Und es muss ein Lied sein, das mit Emotionen belegt ist. Da kann man häufig gerade triviale Popsongs finden. Häufig hilft der Text, zum Beispiel (singt) „Yesterday, all my troubles seemed so far away…“ Das ist doch etwas, das wir uns alle wünschen, dass all unsere Sorgen weg sind.

Gibt es so etwas wie ein Super-Ohrwurm-Lied?

Altenmüller: Ohrwurmlieder sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sehr oft zu hören sind. Also zum Beispiel Helene Fischer mit „Atemlos“, das wahnsinnig oft im Radio lief. Wenn Sie tausend Leute nach ihrem letzten Ohrwurm fragen, werden wahrscheinlich zehn bis 15 von denen „Atemlos“ nennen. Aber auch Klassiker haben Ohrwurm-Potenzial: Da sind es nach wie vor die Beatles, die in meiner Generation mit starken Erlebnissen verbunden sind. Mensapartys, die erste Freundin und weiß der Geier was.

Warum interessieren Sie sich für Ohrwürmer?

Altenmüller: Ich habe fünf Jahre lang zum Thema musikalisches Gedächtnis geforscht. Ein Ohrwurm ist ja nichts anderes als ein unerwünschtes musikalisches Gedächtnis. Wir haben eine Umfrage gemacht: Etwa 60 Prozent der befragten Menschen auf der Straße können entweder ihren Ohrwurm nennen oder zumindest vorsingen.

Seit wann beschäftigt sich die Wissenschaft mit der Ohrwurmforschung?

Altenmüller: Richtig intensiv befasst man sich damit seit sechs, sieben Jahren. Es gab natürlich auch schon früher Menschen, die sich mit Ohrwürmern auseinandergesetzt haben. Es gibt nämlich auch krankhafte Ohrwürmer im Zusammenhang mit neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen. Das berühmteste Beispiel ist der Komponist Robert Schumann, der in seinen letzten Jahren Melodien gehört hat, die aus dem Himmel zu kommen schienen. Im Endstadium hat sich das mehr in ein Rauschen und Ächzen verwandelt und schließlich dazu geführt, dass er versucht hat sich umzubringen. Heute spricht man von einem pathologischen Ohrwurm. Das ist aber sehr, sehr selten.

Sind manche Menschen anfälliger für Ohrwürmer als andere?

Altenmüller: Man weiß relativ genau: Ohrwürmer treten bei Leuten auf, die viel Musik hören. Die treten bei Leuten auf, die mit Musik emotional viel verbinden - das ist gerade bei Berufsmusikern häufig so.

Bei Ohrwürmern ist es ja so, dass sich gerade die Lieder festsetzen, die man gar nicht mag.

Altenmüller: Das liegt einerseits daran, dass es oft relativ einfache Melodien sind, die man einfach behalten kann. Andererseits führt der negative Affekt auch zu einer tieferen Gedächtniseinspeicherung. Hässliche Dinge, auch hässliche Gerüche bleiben uns besonders tief im Gedächtnis – das ist die emotionale Beteiligung. Was uns gleichgültig lässt, beachten wir gar nicht erst.

Oh je, dann bleibt „Atemlos“ jetzt wohl noch eine Weile. Gibt es eine Möglichkeit, einen Ohrwurm wieder loszukriegen?

Altenmüller: Da hilft die Unterbrechung der Endlosschleife zwischen hören und singen. Das erreicht man, indem man die Muskulatur, die fürs Singen zuständig ist, durch Kaugummikauen beschäftigt. Dann wird die Ohrwurmschleife gestoppt. Oder Sie konzentrieren sich auf ein Lied, das Ihnen ziemlich gleichgültig ist, und singen das. Die Nationalhymne oder Kinderlieder, die sind bei Erwachsenen emotional wenig stark belegt. Zum Beispiel: (singt) „Hänschen Klein ging allein in die weite Welt hinein...“

Das Interview führte Caspar von Au.

Rubriklistenbild: © Marcus Schlaf

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