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Das Risiko für psychische Erkrankungen ist in Großstädten höher.

"Diese Alarmzeichen sind typisch"

Experte: So ungesund ist sozialer Stress

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München - Das Leben in Großstädten steigert die Wahrscheinlichkeit, an stressbedingten Leiden zu erkranken. Im Interview erklärt ein Experte, was man dagegen tun kann.

Depressionen, Angsterkrankungen, Schizophrenie – all diese Leiden kommen in der Stadt häufiger vor. Die tz hat mit Prof. Martin E. Keck, Direktor des Max-Planck-Institutes für Psychiatrie über dieses Phänomen gesprochen.

Herr Professor Keck, wie gefährlich ist die Großstadt für unsere Psyche?

Martin E. Keck:  Generell kann man sagen, dass das Risiko in Großstädten, psychisch zu erkranken, erhöht ist. Natürlich spielen auch Faktoren wie die erbliche Belastung eine Rolle. Aber wenn sozialer Stress dazukommt, kann das krank machen. Dieser Stress entsteht durch die soziale Dichte und den Lärm einerseits – denken Sie an Straßenverkehr oder überfüllte U-Bahnen – und die soziale Isolation andererseits.

Aber Isolation klingt erst mal nicht nach Stress …

Psychiater Prof. Martin E. Keck

Keck: Für das Gehirn ist es das aber. Als Säugetiere sind wir auf sozialen Kontakt ausgelegt. Bei Schimpansen ist der Stress am größten, wenn ein Tier verstoßen wird. Auch bei Menschen in der Stadt, die die Ruhe nicht selbst wählen und jeden Tag in der U-Bahn viele Menschen sehen, signalisiert das Gehirn: Da stimmt etwas nicht. Soziale Isolation erhöht die Sterblichkeit um 70 Prozent – Rauchen um 50 Prozent …

Warum? Was passiert da im Körper?

Keck: Im limbischen System des Gehirns gibt es die Amygdala, eine Nervenansammlung. Ist diese überlastet, verliert das Gehirn die Kontrolle über das Stresshormonsystem. Eine dauerhafte Erhöhung verbraucht Energie, macht krank. Man hat festgestellt: Je größer die Stadt, desto aktiver die Amygdala.

Das heißt, Münchner sind weniger gefährdet als etwa die Einwohner Tokios …

Keck: Ja, kann man sagen. Das wird eine Herausforderung: Während 2010 noch die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten gelebt hat, werden es 2050 schon 70 Prozent sein.

Und damit mehr Menschen mit Depression und Burn-out.

Keck: Wenn wir nichts dagegen unternehmen.

Was können wir denn unternehmen?

Keck: Auf Alarmzeichen achten: Typisch sind Schlafstörungen, häufige Unruhe und Nervosität oder das Gefühl, gar nicht mehr zur Ruhe zu kommen sowie eine Neigung zum Grübeln. Ist das der Fall, dann sollte man sich fragen, ob es einen konkreten Grund gibt oder ob das ein Zustand ist, der einen schon länger begleitet.

Und dann?

Keck: Spätestens dann brauchen wir ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und genug Bewegung – auch wenn es schwer fällt. Und wir sollten für Ausgleich sorgen, zum Beispiel Ausflüge in die Natur machen. Aber nur, wenn das nicht wieder mit Stress verbunden ist.

Also lieber daheim bleiben, statt sich in den Stau auf die Autobahn zu begeben?

Keck: Ja, Freizeitstress ist kontraproduktiv. Da ist es besser, das Handy einmal zwei Stunden auszuschalten und ein Buch zu lesen oder gar nichts zu machen. Soziale Kontakte helfen der Psyche auch.

Aber bedeutet das nicht wieder Stress?

Keck: Nicht bei den richtigen Kontakten. Falsche Kontakte sind Freunde auf Facebook, bei denen man sich gut darstellen muss. Erholung für die Seele bringen echte Freunde, bei denen man sich wohlfühlt, wo man akzeptiert wird.

Also müssen nicht alle aufs Land ziehen?

Keck: Nein, müssen sie nicht. Die Großstadt hat ja auch Vorteile wie die gesundheitliche Versorgung. Wir müssen einfach mehr auf uns selbst achten. Dann kann man auch weiter in der Großstadt leben.

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